Dem zweigeschossigen Haus mit seinen eigenwilligen Sprossenfenstern und dem kleinen Turm mutet etwas Herrschaftliches an. Tatsächlich gingen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier die Dichter der Romantik ein und aus: Eduard Mörike, Ludwig Uhland, Nikolaus Lenau, Ludwig Tieck. Mehr als 1000 Gäste in 40 Jahren hat der ehemalige Hausherr Justinus Kerner in Weinsberg empfangen.
Heutzutage empfängt Bernd Liebig in der ehemaligen Küche des Dichters und Oberamtsarztes. Der Historiker verkauft den Gästen die Eintrittskarten mit der Frage: „Wollen Sie alleine durchgehen oder mit einer Führung von mir?“ Wie lange die dauert, überlässt er den Besuchern. Sein Rekord sind vier Stunden – mit einer Gruppe von emeritierten Germanistik-Professoren.
Die Gäste an diesem Tag entscheiden sich für die etwa anderthalbstündige Standardversion. Liebig holt Klappsessel. Im ersten Raum würde es ein bisschen länger dauern, warnt er vor und weist auf die Zeittafel im Erdgeschoss, wo sich zu Kerners Zeiten der Stall befand. Zwischen dem Geburtsdatum am 18. September 1786 in Ludwigsburg und dem Todestag am 21. Februar 1862 in Weinsberg steht eine lange Zahlenreihe.
Kerner und die Vetterleswirtschaft
Schon könnte der Besucher auf den Gedanken kommen, es wäre vielleicht eine bessere Idee gewesen, das 250 Quadratmeter große Kernerhaus auf eigene Faust zu erkunden. Aber das wäre zu voreilig – denn der kluge Mann mit dem grau melierten Haar versteht es, vor dem geistigen Auge seiner Zuhörer die Historie lebendig werden zu lassen.
Justinus Kerner gehörte zur so genannten württembergischen Ehrbarkeit. „Das war eine Verwaltungselite von rund 1500 Familien, die seit dem frühen 16. Jahrhundert sämtliche Verwaltungsposten unter sich verschoben hat“, erklärt Liebig mit tiefer Stimme. Alle seien sie miteinander verwandt gewesen. Die sprichwörtliche schwäbische Vetterleswirtschaft komme daher. Die Gäste schmunzeln. Pfarrer, Bürgermeister, Oberamtmänner gab es in Kerners Familie. Er war verwandt mit den schwäbischen Dichtern Hauff, Hölderlin, Mörike und Uhland.
Liebig weist auf das einzige Jugendporträt von Kerner. „Es zeigt ihn mit Brille, obwohl er damals noch keine gebraucht hätte. Später trug er keine Brille, obwohl er eine gebraucht hätte.“ Das mit den Brillen gehörte zu seinen „unzähligen Marotten“. Kerner litt an Gewitterfurcht. Wenn es blitzte, trug er die eigens angefertigte „Gewitterbrille“ aus Horn und legte jene mit Metallgestell beiseite. Heute liegen sie hier neben dem Arztbesteck und anderen persönlichen Dingen, als wäre Kerner nur kurz außer Haus.
Liebig greift zu Bonbons gegen die Heiserkeit, bietet den Gästen auch welche an, bevor er auf die medizinische Kunst Kerners eingeht. „Er hatte eigentlich keinen Schimmer von Mikrobiologie.“ Und doch habe er durch einen Selbstversuch die Ursache von Wurstvergiftung entdeckt. Er träufelte sich Botulinumtoxin auf die Zunge – „und überlebte das Ganze mit mehr Glück als Verstand“. Nur ein schwäbischer Arzt hätte dies gekonnt, alle anderen hätten die verdorbene Wurst weggeworfen, meint Liebig, selbst gebürtiger Weinsberger. Heute ist der Kerner-Stoff unter dem Namen „Botox“ bekannt.
Die Naturwissenschaften, das Mittelalter und die Dichtkunst waren die grundlegenden Interessen Kerners. Als jüngstes von zwölf Kindern eines Ludwigsburger Oberamtmanns wurde er bereits mit 13 Jahren vaterlos. Seiner Mutter Friederike musste „ihre wahre Freude mit ihm gehabt haben“, meint Liebig. Justinus probierte diverse Berufe aus, die ihm allesamt nicht gefielen: Konditor, Kaufmann, Schreiner. „Die Kaufmannslehre hat ihn derart gelangweilt, dass er die ersten Gedichte zu schreiben begann.“
Medizinstudent ohne Abitur
Die schwäbische Vetterleswirtschaft kam Justinus dann zu Hilfe, um die lähmende Langeweile zu beenden. Ein Freund seines Vaters ermöglichte ihm, ohne Abitur oder Landexamen 1804 in Tübingen ein Medizinstudium zu beginnen. Dort lernte er auch seine spätere Frau Friederike Ehmann kennen, eine Pfarrerstochter aus Ruit. Sie war nicht nur so alt wie Kerner, sondern auch eine kongeniale Gesprächspartnerin für ihn und später bei den Haus-Gesellschaften. „Man heiratete gern Pfarrerstöchter, die waren gut ausgebildet und gut erzogen“, sagt Liebig. „Das schwäbische Pfarrhaus galt als Hort der Bildung. Frauen durften ja nicht studieren.“ Friederike erhielt auf Initiative ihres Vaters Privatunterricht, lernte Altgriechisch und Latein, war interessiert an Kunst, Literatur, Medizin. Für Kerner die perfekte Partie – zumal sie auch eine gute Hausfrau und Managerin war, wie Liebig sagt.
Mit ihrer Hilfe konnte Kerner das gastfreundliche Haus in Weinsberg betreiben. Dorthin war er 1819 als Oberamtsarzt nach Stationen in Dürrmenz, Wildbad, Welzheim und Gaildorf gekommen. Er verwandelte den Ort in ein Zentrum des kulturellen und intellektuellen Austausches, „in ein schwäbisches Weimar“, so Liebig. „Kerner hat die Orte, an denen er praktiziert hat, nicht passiv abgewohnt, sondern gestaltet.“ In Wildbad etwa setzte er sich als Kurarzt für den Fremdenverkehr ein, lockte Prominente wie den Komponisten Gioachino Rossini an.
„Kerner war ein emotionaler Mensch“, sagt Liebig. Ein, zwei Tage ohne Gäste – schon habe er über seine Einsamkeit gejammert: „Mich besucht keiner.“ Dann musste er von Familie und Freunden getröstet werden. Kerners Sohn Theobald, der auch Arzt wurde, beschrieb das Leben in seinem Elternhaus in einem Buch – Liebig hat es förmlich verschlungen. Als Justinus Kerners bekanntestes Werk gilt „Die Seherin von Prevorst“, 1829 veröffentlicht und ein Bestseller seiner Zeit. Kerner schildert darin das Leben von Friederike Hauffe, die unter „Dämonenbesessenheit“ litt. Man sagte ihr seherische Fähigkeiten nach. Die Frau lebte zeitweise bei Kerner, der ihre Geisterlebnisse, Trancezustände und Heilfähigkeiten exakt protokollierte. „Die Romantiker glaubten, dass nur Frauen Geister wahrnehmen können“, sagt Liebig. Kerner behandelte Friederike Hauffe, die im Alter von 28 starb, mit seinem „mesmerischen Nervenstimmer“, einer magnetischen Kur. Liebig führt vor, wie die Patientin die Kordeln in die Hand nahm, damit die Energie abgeleitet werden konnte.
Gut eine Stunde ist vorbei. Darunter keine Minute der Langeweile. Seit 2002 betreut Bernd Liebig, 63, der über den Falkland-Krieg promovierte, das Kernerhaus sowie das gegenüberliegende frühere Totenhäuschen. Kerner baute es in eine behagliche Gästeherberge um, benannte sie nach Graf Alexander von Württemberg, der oft bei ihm zu Gast war. Doch das ist eine andere Geschichte.
Der Ohrensessel des Dichters
Im zweiten Stock des Kernerhauses ist die Wohnatmosphäre seiner Zeit fein zu erspüren – mit einem von ihm selbst geschreinerten Schreibtisch, seinem Ohrensessel oder dem edlen Porzellan. Liebig schleppt die Klappsessel im Treppenhausturm nach oben. Den ließ erst Sohn Theobald an das 1822 errichtete Haus anbauen, das er dann bis zu seinem Tode im Jahr 1907 bewohnte. Davor waren fünf Honoratioren der Stadt Weinsberg mit ihm überein gekommen, zum Erhalt des Hauses und seiner Kunstschätze einen Verein zu gründen – den Justinus-Kerner-Verein, dem das Haus heute gehört.
Seit 1908 ist es ein Museum und für Besucher zugänglich. In der Regel seien das ältere Bildungsprivilegierte, sagt Liebig. Die Romantik sei kein Modethema. Er geht in das Esszimmer, macht auf die Blickachse zur Burgruine Weibertreu aufmerksam. Justinus Kerner sei oft dort oben gesessen. In Anlehnung an die Treu-Weiber-Begebenheit von 1140 gründete er 1823 unter dem Namen Frauenverein Weinsberg den ersten deutschen Frauenverein, der ausschließlich denkmalpflegerischen Zwecken dienen sollte – und für den Erhalt der Burgruine zuständig war. Doch auch das wäre eine weitere Geschichte, für die man mehr Zeit bräuchte.
Ein Teil der Besucher möchte sich Kerners Grab anschauen, auf das sie Liebig bereits aufmerksam gemacht hat. Friederike musste dem Gatten versprechen, nicht vor ihm zu sterben. 1841 schrieb er: ,,Würdest sterben du vor mir / würd’ dein Tod den Tod mir geben / Denn wie könnt’ ich, ach noch hier / mit zerteiltem Herzen leben?“
Sie löste ihr Versprechen nicht. Zu ihrer Beisetzung kamen mehr Trauergäste als acht Jahre später zu der des Dichters. Der Württembergische König schickte ein seitenlanges Kondolenzschreiben.
Kerner verfügte, auf einen liegenden, mit Efeu umrankten gemeinsamen Grabstein „Friederike Kerner und ihr Justinus“ eingravieren zu lassen – nach dem Vorbild des Dürer-Grabs auf dem Nürnberger Johannisfriedhof. Der immergrüne Efeu steht als Symbol für das Unsterbliche. „Dafür hat sich Justinus als Romantiker begeistert“, erklärt Bernd Liebig, der seine Gäste auf wunderbare Art in die Zeit Kerners entführt hat.
Das Kernerhaus ist ganzjährig von Freitag bis Sonntag (außer am ersten Sonntag im Monat) von 14 bis 17 Uhr oder nach Voranmeldung unter Telefon 07134 / 2553 geöffnet.