Ein Besuch im Leipziger Zoo Afrika in Sachsen

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Wer derart von afrikanischen Eindrücken made in Sachsen eingestimmt ist, betritt einen Holzpfad, der durch eine künstlich angelegte Sumpflandschaft führt. Ein Flusslauf trennt die Außenanlagen, in denen sich Schimpansen, Gorillas, Bonobos und Orang-Utans tummeln. Manche hangeln sich an Seilen entlang, die zwischen Bäumen gespannt sind, andere dösen in Hängematten. Die Menschenaffen leben hier auf 16 000 Quadratmeter Fläche.

Die sächsischen Gorillas könnten sich nun auch bei ihren schwäbischen Verwandten wohlfühlen. Von einer „inszenierten Naturlandschaft“ spricht der Landschaftsarchitekt der neuen Anlage in Stuttgart: Die Affen leben hier im Schatten einer Kunstfelsenwand, deren Struktur an das Cannstatter Travertin erinnert. Kein Zaun trennt Besucher und Tiere, lediglich ein sechs Meter breiter See verhindert den Kontakt. Die Unterschiede im Konzept zeigen sich vor allem im Inneren der Menschenaffenhäuser: In Stuttgart dominieren Glas und Sichtbeton. Der Architekt Sebastian Jehle bekennt sich zu einem funktionalen Gebäude: „Wir wollten kein Disneyland schaffen mit Fototapete von einer Regenwaldlandschaft.“

Der Grat zwischen Kitsch und Können ist schmal beim Kulissenbau, räumt der Leipziger Zoodirektor ein. Leipzig geht weit bei seinen Inszenierungen: nicht nur bei den Menschenaffen, sondern vor allem in Gondwanaland, einer Kuppel, unter der sich ein Regenwald mit Baumwipfelpfad und balinesischem Restaurant verbirgt. Hier schippern die Besucher per Boot über einen Fluss. Zu Beginn der Fahrt erleben sie eine Zeitreise als Multimediaspektakel, auf einer Leinwand zucken Blitze, aus Boxen grollt Donner. Es geht erdgeschichtlich vom Urknall bis zur Gegenwart, straff erzählt in zwei Minuten.

Die Forderungen der Tierschützer

Bei den Affen herrscht derweil Siesta mit Fellpflege. Jörg Junhold sagt, es gehe ihm nicht nur um Unterhaltung. Er redet über den Artenschutz, über das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Tieren und darüber, dass ihm für manche Tierschützer das Verständnis fehlt. Im vergangenen Jahr hat die Tierschutzorganisation Great Ape Project Wirbel in der deutschen Zoowelt gemacht. Unter dem Schlagwort „Grundrechte für Menschenaffen“ testeten die Mitglieder der Organisation die Haltungsbedingungen von Menschenaffen in den deutschen Tiergärten – mit verheerenden Ergebnissen. Jörg Junholds Stimme wird lauter, wenn er über den Test spricht, obwohl Leipzig mit am besten abschnitt. Er spricht von „falschen genetischen Rückschlüssen“ der Tierschützer und von überzogenen Forderungen: „Menschenrechte für Menschenaffen? Das geht mir zu weit, manche Angriffe sind nicht fachlich begründet, sie spielen auf einer emotionalen Ebene.“

Vor dem Zoodirektor öffnet sich eine automatische Tür. Ein süßlicher Geruch empfängt jeden, der das Innere des Affenhauses betritt. Nur bei einem Gehege trennt eine Glasscheibe den Menschen vom Menschenaffen. Wasser plätschert von einer Felswand herab, über der Farne und Palmen thronen. Dann hebt aus der Ferne ein Brüllen an, mit dem ein behaarter Clanchef die Machtverhältnisse klarstellt. Bei den Schimpansen liegen Salatblätter und Karotten verstreut auf dem Boden. In einem Buch vor dem Gehege wird die Affenbande persönlich vorgestellt: mit Geburtstag, Verwandtschaftsverhältnissen und einzelnen Charaktereigenschaften.

Da hält sich also gerade Lobo, der am 24. April 2004 in Leipzig auf die Welt kam, an einem Kletternetz fest. Lobo ist laut Steckbrief etwas ängstlicher als sein Bruder Lome, in dessen Nähe er sich gerne aufhält. Seite für Seite entfalten sich im Familienalbum der Schimpansen Tierpersönlichkeiten mit ihren Eigenheiten. Zoos wollen Geschichten über Tiere erzählen, vor allem über jene, die in ihren natürlichen Lebensräumen bedroht sind. Das ist auch ein Leitbild des Stuttgarter Zoochefs Dieter Jauch.

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