Es ist der leere Blick seines Vaters, den Nicolas W. vor sich sieht, wenn er sich an seine Kindheit erinnert. Wie sein Vater ihn anstarrt, ohne ihn wahrzunehmen, als würde er durch ihn hindurchschauen. Nicolas weiß dann: Gleich passiert etwas, vielleicht kommt die Polizei, vielleicht der Rettungswagen. Die Hülle ist noch da, aber die Person, die ihm dann gegenübersteht, ist eine andere. Nicht mehr sein Vater.
Eines Tages, an die Umstände kann sich Nicolas nicht mehr erinnern, sitzt sein Vater mit einem Messer am Wohnzimmertisch. Es ist ein dünnes, spitzes Küchenmesser mit einem hautfarbenen Griff, scharf genug, um sich in einen Oberkörper zu bohren. Die Klinge zeigt nach oben. Der Vater stinkt fürchterlich nach Alkohol, die Fahne kann Nicolas über den Tisch hinweg riechen. „Die wollen dich mir nur wegnehmen, die wollen dich mir nur wegnehmen“, flüstert sein Vater wie wahnsinnig vor sich hin. Damit meint er das Jugendamt, vermutet Nicolas. Der Junge bekommt Todesangst – um sich selbst und um seinen Vater. Er ist damals nicht einmal zehn Jahre alt.
Mehr als 30 Mal in der Entgiftungsklinik
Nicolas ist mit suchtkranken Eltern aufgewachsen. Seit er denken kann, ist sein Vater alkohol- und seine Mutter zusätzlich medikamentenabhängig. Mehr als 30 Mal war seine Mutter deshalb zur Entgiftung in der Psychiatrie, beim Vater weiß Nicolas es nicht genau. Und er ist kein Einzelfall. Mehr als drei Millionen Kinder in Deutschland wachsen mit mindestens einem suchtkranken Elternteil auf, wie eine von der Bundesregierung beauftragte Studie aus dem Jahr 2017 zeigt. Vermutlich sind es mehr. Rund ein Drittel trägt psychische Schäden davon, ein weiteres Drittel erkrankt später selbst an einer Sucht.
Inzwischen ist Nicolas, der sich selbst als „Nico“ vorstellt, 23 Jahre alt. Er sitzt auf der grafitfarben gemusterten Steintreppe genau in dem Haus, in dem er den Großteil seiner Kindheit verbracht hat. Mit dem Rücken lehnt er sich an die halbhohe, beige gestrichene Steinmauer neben der Treppe. Er ist barfuß, trägt ein lockeres weißes Hemd und eine verwaschene hellblaue Jeans. Die Haare sind zu einem Dutt zusammengebunden. Mehr als ein Jahr ist es her, dass Nicolas die Wohnung zum letzten Mal betreten hat. Aber um seine Geschichte zu teilen, ist er zurückgekommen. Er will zeigen, wie wichtig es ist, dass Menschen in Fällen wie seinem hinschauen.
Alkohol und Medikamente sind ständig verfügbar
Seine frühe Kindheit verbringt Nicolas W. am Bodensee. Er wohnt mit seinen Eltern in einer Sozialwohnung, das Geld ist knapp. Der Vater arbeitet als Kellner, die Mutter als Krankenschwester, an Rauschmittel und Medikamente kommen die beiden daher leicht. Ihre Berufe können sie nicht lange halten. Mit vier Jahren holt seine Großmutter Nicolas zu sich in ein kleines Dorf, das etwa eine halbe Stunde Autofahrt von seiner Heimatstadt entfernt liegt. Doch auch dort bestimmt die Sucht seiner Eltern sein Leben. Zunächst besuchen sich Eltern und Sohn am Wochenende, einige Jahre später zieht die Mutter mit in das Haus der Großmutter. Den Kontakt zu seinem Vater bricht Nicolas ab.
Nicolas’ Leben verläuft in Wellen. Besonders in der frühen Kindheit ist der Ablauf immer gleich: Einige Wochen oder Monate ist alles gut. Nicolas sitzt dann mit seinen Eltern am Hafen seiner Heimatstadt und isst Eis, oder er geht mit seinem Vater in den Wald und spielt Fußball. Doch irgendwann verschwindet sein Vater für ein, zwei Nächte. Die Mutter trinkt, wenn Nicolas nicht im Raum ist. Es folgen Eskalation, Entzug, und die Überzeugung der Eltern, dass diesmal alles anders wird. „Das war eigentlich das Schlimmste“, erzählt der 23-Jährige. „Gerade als kleines Kind klammerst du dich extrem an die guten Phasen. Aber dann reißt es dich aus dieser heilen Welt raus, und es ist wieder Hölle und Chaos.“
Die Spuren der Sucht seiner Eltern
Die schlimmen Erlebnisse hinterlassen Spuren im Leben des Jungen. Sie sind noch heute in der Wohnung zu sehen. Der untere Rand der weiß lackierten Wohnzimmertür hat einen tiefen, etwa schuhbreiten Riss, an einigen Stellen ist der Lack abgeblättert. Nicolas hat im Zorn dagegen getreten. Auch in der Schule bekommt er Probleme, verfolgt seine Mitschüler mit einem Stuhl in der Hand, weil die anderen ihn mobben, erzählt er. In der ersten Klasse fliegt er von der Grundschule und muss auf eine Förderschule wechseln.
Wer Nicolas heute sieht, kann sich das nur schwer vorstellen. Wenn der 23-Jährige von seinen Erfahrungen berichtet, spricht er ruhig und deutlich. Kein Stocken in der Stimme, keine Wut, keine Scham – höchstens ein wenig Nachdenklichkeit, wenn er die Spuren seines Zorns betrachtet. „Ich erkenne mich schon wieder, ich weiß ja, dass ich das war“, sagt er. „Aber irgendwie war es auch nicht ich, ich war ja in einem Ausnahmezustand.“ Ein Zustand wie in einem Wahn, der „unfassbare Kräfte“ freisetzt. So beschreibt er es.
Wut ist eine typische Reaktion der Kinder
Eine Wut wie die von Nicolas ist bei Kindern von suchtkranken Eltern nichts Ungewöhnliches. Diese reagierten auf derart traumatische Erlebnisse in der Regel auf unterschiedliche Weise, so Arlette Zappi, Vorstand des Vereins Menschenkinder, der sich um Kinder von sucht- und psychisch kranken Eltern kümmert. „Das eine Kind ist super angepasst, hat immer alle Hausaufgaben dabei. Das zweite guckt nur auf den Boden und macht den Mund am liebsten gar nicht auf. Und das dritte Kind ist der Klassenclown, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.“ So wie Nicolas. „Aber alle Strategien haben das Ziel, möglichst wenig aufzufallen oder so stark, dass keiner hinschaut, was zu Hause los ist.“
Dass die Kinder so reagieren, dafür nennt Zappi zwei Gründe: Zum einen empfänden Kinder gegenüber ihren Eltern ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Und zum zweiten gingen sie davon aus, dass die Sucht der Eltern ihre Schuld sei. „Sie denken, dass sie nichts anderes verdient haben, und sind deshalb komplett allein mit der Situation.“ Die Betroffenen würden von Politik und Öffentlichkeit häufig vergessen. „Es ist eine stille Krise, die keiner wahrnimmt, weil die Kinder nur innerlich brüllen.“
„Die Kindergruppe hat mich gerettet“
Auch Nicolas kennt das Gefühl. Auch er traut sich nicht, seinen Lehrern zu erklären, was zu Hause los ist – obwohl die meisten im Dorf sowieso Bescheid wissen, wie Nicolas im Nachhinein vermutet. „Du hast halt nicht die Kraft dafür, oder du denkst gar nicht daran zu sagen: ‚Hey, ich brauche Hilfe‘. Du schämst dich ja auch und hast Angst.“
Doch auch Nicolas’ Mutter scheint zu wissen, dass es ihrem Sohn mit der Situation nicht gut geht. Sie bringt ihren Sohn zu einer Gruppe für Kinder von suchtkranken Eltern. Einmal in der Woche sitzt er dort mit anderen betroffenen Kindern im Stuhlkreis. Das erste, was der Leiter die Teilnehmer in jeder Sitzung fragt, ist: Wie geht’s dir? Am Anfang macht Nicolas dicht, aber er stellt fest: „Ich bin nicht allein. Es gibt andere, denen es genauso geht wie mir.“ Der Junge beginnt, sich zu öffnen. Er lernt, dass seine Eltern krank sind. „Die Kindergruppe hat mich gerettet“, sagt Nicolas im Nachhinein.
Zum ersten Mal hat Nicolas eine Konstante in seinem Alltag, etwas, auf das er sich freuen kann. Über die Zeit stabilisiert sich sein Leben, er darf von der Förderschule zurück auf eine Regelschule wechseln. Doch dann baut Nicolas’ Mutter körperlich massiv ab. Eines Tages steht sie mit Schaum vor dem Mund im Schlafzimmer der Oma und lallt unverständliches Zeug. Nicolas, der zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt ist, flüchtet in ein anderes Zimmer und schmeißt aus Angst einen Kleiderbügel nach ihr.
Nicolas’ Mutter stirbt an den Folgen ihrer Sucht
Als Nicolas zwei Wochen später zur Schule geht, steht im Schlafzimmer seiner Mutter ein gepackter Koffer. Sie will sich erneut einer Entgiftung unterziehen, ihre Mutter, Nicolas’ Oma, soll sie zur Klinik bringen. Doch die beiden fahren nie los. Als Nicolas vom Unterricht zurückkommt, ist seine Mutter nicht mehr da. Sie hat die Folgen ihrer Sucht nicht überlebt.
„Die Zeit danach war schlimm“, erinnert sich Nicolas. Er rutscht in ein Tief, die Noten werden wieder schlechter. Der Wechsel auf die Regelschule wird erst einmal verschoben. Aber es dauert nicht lange, bis er sich wieder berappelt, erzählt Nicolas. Dass er den Tod seiner Mutter, seiner Erinnerung nach, relativ schnell abschütteln könnte, erklärt er sich damit, schon immer gut im Verdrängen gewesen zu sein. Wahrscheinlich ein Schutzmechanismus. Rückblickend sagt Nicolas sogar: „Der Tod meiner Mutter war wahrscheinlich das Beste, was mir hätte passieren können. Ich musste nicht länger Angst haben, dass sie stirbt“, sagt er. „Ich war aus dieser Blase draußen, das hat mir ganz viel Sicherheit gegeben.“
Kontaktabbruch kann Kindern die Last nehmen
Auch das ist ein Phänomen, das Arlette Zappi aus ihrer Erfahrung mit Kindern von suchtkranken Eltern kennt: „Die Kinder kommen alleine nicht aus der Situation raus, weil sie das Gefühl haben: ‚Wenn ich mich nicht kümmere, dann fällt meine Mutter oder mein Vater völlig ins Loch’“, sagt sie. „Dann bin ich verantwortlich, dass er oder sie stirbt.“ Deshalb könne ein Kontaktabbruch, oder auch der Tod, wenn er gut begleitet und aufgearbeitet sei, sogar eine Erlösung sein. „Dadurch fällt ihnen eine unfassbare Last von den Schultern, die sie sonst ihr Leben lang tragen.“
Auch Nicolas scheint diese Last von den Schultern zu fallen. Er wechselt auf die Regelschule, macht seinen Hauptschulabschluss, dann die Mittlere Reife und später das Fachabitur. Er schafft es, sich anzupassen, in der Schule nicht mehr auszuticken. Er wohnt nun mit seiner Tante zusammen, die nach dem Tod der Mutter mit ins Haus gezogen ist, damit Nicolas nicht in eine Pflegefamilie muss. Noch heute ist er ihr dafür dankbar. „Sie hat mir ein sehr entspanntes und normales Aufwachsen ermöglicht.“
Nicolas will nach vorne schauen
Mittlerweile hat Nicolas ein Duales Studium in Sozialer Arbeit begonnen und arbeitet selbst in einer Suchtberatung. „Ich glaube, dass ich mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, anderen helfen kann“, sagt er. Deshalb besucht er auch heute noch seine Kindergruppe von damals, nicht mehr als Teilnehmer, sondern als Helfer. „Es sind teils immer noch dieselben Betreuer dort“, sagt Nicolas. „Und die Kids freuen sich immer, wenn ich da bin. Es ist einfach jedes Mal schön.“
Seine Erfahrungen arbeitet Nicolas in einer Psychotherapie auf. „Ich will lernen, mit gewissen Themen umzugehen und habe gemerkt, dass ich jemanden zum Reden brauche“, sagt er. Er will lernen, mit den Folgen seiner Kindheit auf sein jetziges Leben umzugehen. Gegen seine Eltern hegt der 23-Jährige aber, wie er sagt, keinen Groll. „Klar hatte ich keine schöne Kindheit, aber die Sucht ist eine Krankheit, die Menschen verändert“, sagt er. Lieber blickt Nicolas nach vorne. Er will seiner Leidenschaft nachgehen: der Musik. Der 23-Jährige spielt in einer Indie-Rock-Band, in einer Metal-Band und in einer Hardrock-Band Schlagzeug. Am liebsten würde er sein Hobby zum Beruf machen. Es stehen auch schon einige kleine Auftritte an.
Hilfe für Kinder von suchtkranken Eltern
Menschenkinder e.V.
Der Verein Menschenkinder kümmert sich um Kinder und Jugendliche, deren Eltern suchtkrank oder psychisch krank sind und bietet den Betroffenen wöchentliche Gruppentreffen an. Der Verein gehört zum Landesarbeitskreis „Kinder sucht- und psychisch kranker Eltern in Baden-Württemberg“, der aus insgesamt 31 Institutionen besteht.
Hilfe finden
Hilfesuchende Kinder von suchtkranken Eltern können sich an den Verein Menschenkinder wenden – entweder per Mail an hallo@wir-menschenkinder.de oder über das Kontaktformular auf der Webseite wir-menschenkinder.de. Das Deutsche Rote Kreuz bietet am Wochenende und an Freiertagen außerdem ein bundesweites Sorgentelefon für Angehörige von Menschen mit Suchtproblemen an. Das Angebot ist unter der Nummer 06062/607 670 erreichbar.