Ein BMX-Talent aus Ingersheim Lieber das Rad als ein Mädchen im Arm

Von Nora Reim 

Philip Schaub ist erst 17 Jahre alt. Seine Liebe gilt aber keinem Mädchen, sondern seinem BMX-Rad, das immerhin rund 1500 Euro kostet.

Philip Schaub auf seinem ganzen Stolz, dem 1500 Euro teuren BMX-Rad. Foto: Baumann
Philip Schaub auf seinem ganzen Stolz, dem 1500 Euro teuren BMX-Rad. Foto: Baumann

Ingersheim - Genau fünfdreiviertel Bar füllen das vordere 20-Zoll-Laufrad, in das hintere dürfen dagegen nur fünfeinviertel gepumpt werden. Mit Druck kennt sich Philip Schaub aus, besonders mit dem seines Arbeitsmaterials: Der 17-jährige Ingersheimer ist BMX-Rennfahrer.

„Philip hat das Entwicklungspotenzial, Deutschlands Bester zu werden“, ist Carsten Bernauer, stellvertretender Vorsitzender des MSC Ingersheim, überzeugt. Auf der vereinseigenen 420 Meter langen Hindernisbahn im Neckartal hat alles angefangen: Unterhalb der Weinberge entdeckte Schaub mit fünf Jahren das BMX-Fahren. „Ich habe mich darin verliebt“, erinnert sich der Jugendliche mit der Skater-Kappe. Aus der ursprünglichen Schwärmerei wurde die große Liebe zu einem rasanten Sport. Für seine Leidenschaft trainiert er nach der Schule sechsmal pro Woche, verzichtet dafür oft auf ein Wochenende mit Freunden und hält statt Mädchen lieber sein BMX-Rad im Arm. „Alles hat seine Zeit“, erklärt Schaub nüchtern. Die nächsten vier Jahre gehören seiner Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020.

„Harte Arbeit macht den Sport für mich aus“, sagt Schaub schüchtern in die Kamera seines selbstgedrehten Videos. Kaum hat er sich den Motocrosshelm aufgesetzt, wird aus dem Jungen mit den grünen Augen ein selbstbewusster Rennfahrer: Schaub gehört dem Nationalkader in der Junior-Men-Klasse an und fährt im Deutschland-Trikot um internationale Titel mit. Im vergangenen Jahr wurde er Deutscher Meister sowohl im Rennen gegen sieben andere Fahrer auf der Bahn als auch im Einzelzeitfahren auf dem welligen Kurs – sein bisher „schönster Sieg“, schwärmt der Ingersheimer. Weitere Erfolge will der 17-Jährige in den nächsten vier Jahren einfahren mit dem Ziel, sich für Olympia in Tokio zu qualifizieren. BMX Race, wie die Renndisziplin des Fahrens genannt wird, ist seit 2008 eine olympische Sportart.

Neben Schaub kämpfen Liam Webster vom RSC Cottbus und Tobias Meyer von der Skizunft Markgröningen um die wenigen begehrten Plätze. Alle drei Fahrer trainieren zusammen am Olympiastützpunkt Stuttgart unter der Leitung des Bundestrainers Simon Schirle Technik, Athletik und Körperbeherrschung. Privat sind sie befreundet, auf der Bahn gelten jedoch andere Regeln, weiß Schaub: „Auf der Strecke gibt es keine Freunde.“

„In seiner Freizeit“, wie der Schüler es nennt, besucht Schaub die Waldorfschule in Ludwigsburg, will dort Abitur machen und anschließend Maschinenbau studieren. Mit technischen Geräten kennt sich der Jugendliche bestens aus – sieben Räder hat er bereits verschlissen. Sein aktuelles BMX-Rad ist gleichzeitig sein wertvollstes: Rund 1500 Euro kostet der schwarze Flitzer ohne Gangschaltung, dafür mit Hinterradbremse. In der heimischen Garage wird das Rad mit der Startnummer 113 am Lenker von seinem Fahrer regelmäßig gereinigt und gepflegt.

Das Risiko fährt immer mit

Mit seiner eigenen Gesundheit ist Schaub in seinen jungen Jahren indes nicht immer gut gefahren: 2012 stürzte er so schwer, dass er sich drei Wirbel brach und ein Jahr lang pausieren musste – der Rücken bereitet ihm noch heute gelegentlich Schmerzen. Dennoch versichert Bernauer: „Philip ist kein Kamikaze-Fahrer.“ Vielmehr gehören Stürze und Verletzungen zum BMX Race dazu, erklärt der stellvertretende Vereinsvorsitzende. Schaubs Mutter ist dagegen anderer Meinung: Früher begleitete sie ihren Sohn im Campingbus zu internationalen Rennen, inzwischen fiebert sie lieber aus der Ferne mit und hofft, dass „Philip wieder gesund nach Hause kommt“. Natascha Schaub sorgte dafür, dass der 17-Jährige auf der Rennstrecke nicht nur einen Rückenprotektor, sondern auch eine Nackenstütze seines persönlichen Sponsors trägt: Sie soll neben dem Helm schlimmere Verletzungen an der Wirbelsäule verhindern.

„Meine Mutter will nach den Rennen als erstes wissen, ob nichts passiert ist“, berichtet Schaub über seinen größten Fan. Der Ingersheimer nimmt das Verletzungsrisiko in Kauf, um ganz vorne mitzufahren: „Adrenalin befreit den Kopf.“ Ein zweifacher Kapselriss an der Hand ist für den Rennfahrer jedenfalls kein Hindernis. Prellungen und Gehirnerschütterungen werfen ihn zwar kurz aus der Bahn, lassen das Nachwuchstalent jedoch nicht vom Start beim nächsten Rennen abhalten. Nur ein durchgedrehtes Hinterrad – wie kürzlich beim Drei-Nations-Cup im niederländischen Baarn – kann Philip Schaub die Jagd auf die Podestplätze kosten.

Und das, obwohl er das hintere Laufrad zuvor mit genau fünfeinviertel Bar aufgepumpt hatte.

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