Ein Buch über Schlager aus Baden-Württemberg Ein Liedle kann eine Brücke sein

In der Schlagerszene etabliert: Vanessa Mai Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Nicht zum ersten Mal widmet sich der Literaturkritiker Rainer Moritz dem deutschen Kulturerbe des Schlagers. Doch in seinem neuesten Werk arbeitet er speziell die Verdienste des Südwestens in diesem Genre auf: von Joy Fleming über Fredi Bobic bis Andrea Berg.

Manchmal hilft nur: Ohren auf und durch. Oder man singt eben lautstark mit. Wenn etwa im Dudelfunk mal wieder der deutsch-mazedonische Schlagersänger Ibo mit entwaffnender Schlichtheit Spaniens Sonne preist: „Ich bin gut drauf und ich schlaf’ gern lang/Frühstück fängt bei mir erst mittags an/Die Sonne streichelt mich das ganze Jahr/Wer braucht dich? Ich hab’ Ibiza“.

 

Hochmut der Bildungsbürger

Bildungsbürgerlicher Hochmut hilft hier nicht weiter, im Gegenteil. Um sich dem Phänomen des deutschen Schlagers anzunähern, muss man hinhören, eine gewisse Grundsympathie für das Genre hegen, Humor besitzen und, ja, auch das, abgehärtet sein. Denn es gibt die eine oder andere Perle zu entdecken. Dem 1958 in Heilbronn geborenen Rainer Moritz, der zwar darauf hinweist, „dass diese Gattung viele Kuriositäten hervorgebracht hat und manche Songs nur mit zwei Viertele Riesling oder Trollinger auszuhalten sind“, sind jegliche Scheuklappen fremd. Im Freiburger 8grad Verlag hat der Literaturkritiker und Autor soeben ein unterhaltsam-informatives und ironisch-amüsantes Buch mit einer sehr persönlichen Auswahl der „größten Hits aus dem Südwesten“ vorgelegt: „Ein Lied kann eine Brücke sein“, benannt nach dem gleichnamigen Lied der Mannheimer Blueslegende Joy Fleming (Text: Michael Holm). Dieses war 1975 der deutsche Beitrag beim – damals noch so genannten – Grand Prix d’Eurovision in Stockholm und belegt in Moritz’ Ranking den ersten von 40 Plätzen.

Fleming, die 1944 als Erna Raab im pfälzischen Rockenhausen geboren wurde und 2017 in Sinsheim starb, wurde in Stockholm nur Drittletzte. Moritz bedauert: „In der Musik ist es manchmal wie in der Literatur, manche Werke kommen schlichtweg zu früh, ‚avant la lettre‘ gewissermaßen.“ Woran lag es? Bestimmt nicht am wuchtigen und dynamischen Auftritt der Bluesröhre. Moritz vermutet, die Jury sei von den Äußerlichkeiten abgeschreckt worden: „Irgendjemand – den Schuldigen wüsste man gern – hat sie in ein langes, dunkelgrünes Kleid gezwängt, das ihrer nicht gertenschlanken Figur wenig schmeichelte, und ihr ein silbriges Kettengehänge über die zu brave Lockenpracht geworfen (...). Der Legende nach soll Fleming das grüne Unglückskleid hinterher zerschnitten haben.“

Anekdoten dieser Art gibt’s in jedem Kapitel. Und jede Menge Kulturgeschichte, die uns die Seelenlage und die Sehnsüchte Nachkriegsdeutschlands näherbringt. „Schlager erzählen oft von Ländern, wo die Sonne länger als in Kaltenkirchen oder Backnang scheint und wo, bei rotem Wein und Gitarrengesang, sich eine neue Liebe rascher findet als in Kaltenkirchen und in Backnang.“

Der berühmte „Capris-Fischer“

Nach dem Zweiten Weltkrieg eroberten deutsche Urlauber Italien, den Soundtrack lieferten Rudi Schurickes „Capri-Fischer“ (1946) und das Lied der unlängst in Lugano verstorbenen Caterina Valente „Komm ein bisschen mit nach Italien“ (1956). Spanien kam an die Reihe, als die deutschen Reiseweltmeister den Wirtschaftswunder-VW-Käfer gegen den Charterflieger tauschten. Der Song von Ibo, der nicht in Baden-Württemberg, sondern in Gladbeck lebte, steht hierfür. Aus dem Südwesten ist ein gewisser Ralf Christian, ein Mann mit Vokuhila-Frisur, mit dem Lied „Komm flieg mit mir in die spanische Sonne“ (1985) aktenkundig, Platz 35 in Moritz’ persönlichen Charts. Der Sänger blieb erfolglos, versuchte es später mit Griechenlandfolklore. Moritz meint lakonisch: „Sie kennen all diese Lieder nicht? Macht nichts.“

Apropos Backnang. Das ist die Heimat von Vanessa Mai (Platz 29 mit „Ich sterb für Dich“), der, jetzt wird es kompliziert, Gattin des Sohns des zweiten Ehemanns von Andrea Berg (Platz 8 mit „Du hast mich tausendmal belogen“), die Moritz für musikalisch total überschätzt hält, die es aber mit ihrem trotzigen Outfit in Stiefeln, Strapsen und Leder und mit Liebesplattitüden geschafft hat, „schicksalsgeprüfte Drogeriefachverkäuferinnen“ hinter sich zu scharen. Auch Vanessas Mais Auftreten, auf den Covern gerne bauchfrei mit Bustier oder BH, findet Moritz bemerkenswert: „Garniert werden diese Inszenierungen häufig von einem schmollenden Lächeln, was im Raum Stuttgart wohl als lasziv gilt.“

Schöne Zeitreise

Das Buch ist eine schöne Zeitreise durch den Südwesten. Auch der Fußballer Fredi Bobic, der mit der Band Das Tragische Dreieck und dem Song „Steh auf“ damit scheiterte, neben dem Platz Erfolg zu haben, kommt zu Ehren. Weiter dabei: Die Flippers, Peter Schilling, Costa Cordalis, Xavier Naidoo oder der vom Bodensee stammende Stefan Waggershausen, der mit der Italienerin Alice die Hymne „Zu nah am Feuer“ sang – Völkerverständigung und Leidenschaft. Musik, dass wusste schon Joy Fleming, kann eine Brücke sein.

Buch

Rainer Moritz: Ein Lied kann eine Brücke sein. Die größten Hits aus dem Südwesten. 8grad Verlag, Freiburg 2024. 208 Seiten, 18 Euro

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