Ein Bürgerprojekt in Gerlingen Der alte Hirsch wird wieder jung

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Die Gaststätte an der Gerlinger Hauptstraße ist eine Institution. Generationen waren hier. Die letzten Pächter gaben im Juli 2018 auf. Nun hat eine Bürgerinitiative um Uli Sailer den Hirsch übernommen. Entstehen soll ein Haus zur Selbsthilfe – mit spannendem Konzept.

Die Hirsch-Theke bleibt  – Uli Sailer (links) und Andreas Käde machen im Moment noch Kaffee zwischen Werkzeug.  Die früher sehr beliebte Pizzeria Hirsch ist seit Ende Juli vergangenen Jahres geschlossen. Bald öffnen sich die Türen wieder – für Treffen ohne Pizza. Foto: factum/Granville
Die Hirsch-Theke bleibt – Uli Sailer (links) und Andreas Käde machen im Moment noch Kaffee zwischen Werkzeug. Die früher sehr beliebte Pizzeria Hirsch ist seit Ende Juli vergangenen Jahres geschlossen. Bald öffnen sich die Türen wieder – für Treffen ohne Pizza. Foto: factum/Granville

Gerlingen - Der Pizzaofen ist nicht mehr da. Hinter der Theke dampft eine Haushalts-Kaffeemaschine, die Wände sind frisch gestrichen, Gerümpel ist weggeräumt. Überall liegt Werkzeug herum – an anderer Stelle sieht es schon recht heimelig aus. Computer stehen in einer Ecke bereit, im Hof ist das Regal mit den elektronischen Tauschteilen bereit. Die Gaststätte Hirsch in der Gerlinger Hauptstraße wandelt sich: Dort entsteht die „Gerlinger Mitmachzentrale“. Das alte Lokal soll auch zum Ort für Nachbarschaftsgespräche werden – und zu der Stätte, von der die digitale Zukunftskommune Gerlingen ausgeht.

„Nicht einfallen wie die Hausbesetzer“

Uli Sailer hatte die Idee, den Hirsch nicht leer stehen zu lassen, sondern dort ein Haus für Bürgerprojekte einzurichten, im vergangenen Sommer. Die italienische Pächterfamilie hatte im August das Lokal geräumt. Im September präsentierte Sailer, der als IT-Spezialist und EDV-Berater lange im Rathaus angestellt war, den Gemeinderäten seine Gedanken. „Ich wollte die Angst nehmen, dass wir im Hirsch wie die Hausbesetzer einfallen.“ Gleichzeitig hat er den Auftrag, sich um das Projekt „Digitale Zukunftskommune“ zu kümmern.

Für beide Vorhaben bot sich der Hirsch an – als Ort für Gespräche und zum Ideensammeln, aber auch zum aktiven Schaffen und Hilfestellung geben. „Ich wusste, hier kann man schnell etwas draus machen, ohne viel investieren zu müssen.“ Der 54-Jährige fand Dank seiner guten Vernetzung rasch Mitstreiter – und alle haben sie in dem ehemaligen Lokal seit Januar fleißig geschafft. Bald ist es soweit, dass die Leute kommen können.

Verein „Mitmachzentrale“ gründet sich

Die Stadt überließ die Nutzung dem Verein „Mitmachzentrale“, der sich gerade gründet. Fachkenntnisse bringt auch der Jurist Andreas Käde (63) ein, der früher in einer großen Firma arbeitete. Bürgerprojekte will der Verein fördern, „unter Nutzung digitaler Informations- und Kommunikationstechniken“, wie es in der Satzung heißt. Im Rechnerraum leisten Experten Hilfe zur Selbsthilfe. Zum Beispiel: Wer die Mitglieder seines Vereins digital verwalten will, kann dies im Hirsch lernen. Das erste Projekt läuft diese Woche an: Im Stadtmuseum bauen Kinder kleine Roboter zusammen. Die Bausteine dafür lagerten dieser Tage im Hirsch, Sailer hat sie besorgt.

Das nächste Projekt startet Mitte März: ein Wiederverwertungshof. Im Zugang zum ehemaligen Biergarten stehen Regale, in denen elektrische und elektronische Bauteile getauscht werden können – von der Mehrfachsteckdose bis zum Computerstick. „Wir überprüfen alle Speichereinheiten und löschen sie zuverlässig, bevor sie wieder raus gehen“, meint Sailer. „Ping-Station“ wird so eine Börse genannt. Zudem möchten sich die Macher des neuen Vereins den anderen Vereinen vorstellen – und betonen, „dass wir keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung sein wollen“.

Mindestens drei Jahre soll das Projekt laufen

Das Projekt im Hirsch soll mindestens drei Jahre laufen – so lange brauche man, ist aus dem Rathaus zu erfahren, bis ein städtebauliches Konzept samt Bebauungsplan für das „Hirsch-Areal“ erarbeitet ist. Zudem will die Stadtverwaltung die Wohnräume in den beiden Obergeschossen einfach renovieren und wieder vermieten.

Uli Sailer hat Erfahrung mit solchen Projekten. 1999 habe er in Ditzingen-Hirschlanden mit anderen aus einem Bauernhof einen Jugendtreff gemacht. Erfahrungen in der Jugendarbeit sammelte er zuvor im Jugendtreff Astergarten in Hemmingen – zu einer Zeit, als der noch selbstverwaltet war. „Dort war ich von 16 bis knapp 30“, erzählt Sailer. Menschen und Ideen zusammenbringen, ist sein Ding – heute auch mit neuer Kommunikationstechnik. Damit schließt sich der Kreis zu dem, was er für Gerlingen auf deren Weg zur digitalen Kommune tun soll. Und das in einem traditionellen Wirtshaus. „Es ist unser Hirsch“, sagt Sailer, „das ist ein emotionales Thema.“ Und Käde ergänzt: „Wir wollen das Haus behalten und erhalten.“

Wirtsleute
Der Hirsch wurde mehr als 100 Jahre lang, von 1772 an, von der Familie Wagner geführt. 1852 brannte das Anwesen ab, es wurde ein Jahr später etwas verändert wieder aufgebaut. Zur Gaststätte Hirsch gehörte auch eine Brauerei: 1856 ist Christoph Wagner deren Besitzer, sein Bruder Friedrich Wagner führt das Lokal. Dieses wurde 1859 vergrößert, auch um eine Kegelbahn. 1909 hat das Lokal einen Saal; Wirt war der Telegrafenarbeiter Christian Hornickel. 1923 übernahm die Familie Olpp das Haus.

Wechsel
Die Stadt kaufte das Anwesen in den siebziger Jahren; ein Teil des großen Biergartens wurde für den Bau der Stadthalle gebraucht.

Kontakt
Kontakt zum neuen Verein ist möglich unter Telefon 01 60/70 70 839.