Ein chinesischer Unternehmer auf Kulturtrip Der Entdecker der Welt

Die Unesco-Liste des Welterbes gibt seine Reiseroute vor: der Milliardär und Gelegenheitsautor Huang will 981 Denkmäler in zehn Jahren besuchen. Eine der ersten Stationen ist der Aachener Dom. Foto: Tobias Zaft
Die Unesco-Liste des Welterbes gibt seine Reiseroute vor: der Milliardär und Gelegenheitsautor Huang will 981 Denkmäler in zehn Jahren besuchen. Eine der ersten Stationen ist der Aachener Dom. Foto: Tobias Zaft

Huang Nibo ist ein chinesischer Milliardär, der sich aber eher als Poet wahrnimmt. Er will mit Menschen in 160 Ländern reden und startet in Deutschland.

Politik/ Baden-Württemberg: Christian Gottschalk (cgo)
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Würzburg - Wenn die Luft dünn wird, dann fährt das Gehirn ja gelegentlich Achterbahn. Ganz oben, auf dem Gipfel des Mount Everest, ist der Sauerstoffanteil gering, und man mag es für eine Auswirkung dieses Luftmangels halten, dass Huang Nubo gerade an diesem Ort auf die Idee kam, die Welterben auf diesem Planeten zu bereisen. Immerhin 981 Kultur- und Naturdenkmälern hat die Unesco diesen Titel verliehen, und das in 160 Ländern.

Als Herr Huang wieder in der Region zurück war, wo die Druckverhältnisse das Denkvermögen nicht weiter beeinflussen, da war die Idee keineswegs verflogen. Im Gegenteil, das Projekt wurde mit Eifer vorangetrieben. Am 17. Mai hatte Herr Huang den höchsten Berg der Welt bestiegen, bereits zum dritten Mal. Inzwischen ist mit Deutschland das erste der 160 Länder abgehakt, sind alle 38 von der Unesco ausgezeichneten Orte besucht. Zögern und Zaudern sind nicht die Sache von Herrn Huang. „Zu viel Theorie, zu viele Bedenken, das bringt nichts“, sagt er – und dass diese Art des entschiedenen Zupackens auch für seine alltäglichen Geschäfte gelte.

Der Erfolg scheint Herrn Huang dabei recht zu geben. Mitte September ist der neueste Hurun-Report auf den Markt gekommen, die fernöstliche Form der Forbes-Liste, das Who’s who des chinesischen Geldadels. Mit mehr als drei Milliarden Dollar Vermögen ist der Chef der Zhongkun-Investment-Gruppe da in die Top  50 geklettert. Die Gruppe von Punkern, zu denen sich Herr Huang in der Lübecker Fußgänger­zone auf den Boden setzt und um ein Dosenbier bittet, wird das wohl nie erfahren. Er wolle nicht nur die Bauwerke bestaunen, sondern vor Ort mit den Menschen reden, sagt Herr Huang. Er ist nicht einfach ein Reisender. Er initiiert ein Projekt. „Faces of humanity“, Gesichter der Menschlichkeit, lautet dessen Titel.

Im VW-Bus durch Deutschland

In Würzburg klettert Herr Huang aus dem VW-Bus, den er für die Deutschland-Tour gemietet hat. Die rote Windjacke trägt den Schriftzug seines Projektes, der prangt samt zugehörigem Logo auch auf der türkisfarbenen Jacke darunter und auf dem T-Shirt sowieso. Für jedes Land soll eine neue Kollektion entstehen. Schnellen Schrittes geht es durch den Nieselregen in die Residenz. Dort liegen Broschüren bereit, an die Chinesen wurde nicht gedacht. Das Fotografieren ist hier verboten, weil – das räumt eine Aufsichtsperson offen ein – man lieber die eigenen Bilder und Bücher verkaufen möchte. „Schlecht, sehr schlecht“, befindet Herr Huang, der viel in Tourismusprojekte investiert hat – schlechter Service wie an so vielen Orten in Deutschland.

Knapp zehn Minuten dauert die Besichtigung, dann steht Herr Huang vor dem Weltkulturerbe und beginnt vorzulesen. Kakerlaken-Kunde heißt die Übersetzung seines Gedichtbandes, der soeben auf Deutsch erschienen ist. Herr Huang hat keine Zuhörer, als er da rezitiert, aber das ist auch egal. Es gehört zu dem Projekt. Vor jedem Weltkulturerbe ein paar Zeilen, die er unter dem Pseudonym Luo Ying verfasst hat. Das wird natürlich mit der Kamera dokumentiert, ist natürlich online zu sehen (www.facesaction21.com) und soll mitsamt dem Reisetagebuch demnächst ins Deutsche und in sechs weitere Sprachen übersetzt werden. So geht das mit dem Service.

Ein Unternehmer, der sich als Poet versteht

Herr Huang mag ein erfolgreicher Geschäftsmann sein, er selbst sieht sich eher als Poet. Weil er weiß, dass kaum ein anderer Dichterkollege so wie er die Inspiration für seine Werke auf Transatlantikflügen in der ersten Klasse finden kann, gehört Herr Huang zu den großen Mäzenen in China. Einen chinesisch-japanischen Literaturaustausch finanziert er ebenso wie die Peking-Universität und Tierschutzprojekte. Vor ein paar Jahren hat Huang Schlagzeilen gemacht, weil er 0,3 Prozent der Landfläche Islands kaufen wollte. Nun fördert der Literat deutsche und skandinavische Poeten und finanziert Lesungen und Workshops in der norwegischen Provinz.

Im südhessischen Lorsch sind große Teile des Weltkulturerbes geschlossen: Renovierungsarbeiten. Das finde er gut, sagt Herr Huang. Wenn man die in Stein gehauenen Erinnerungen der Menschheit gut erhalte, pflege man die eigene Vergangenheit. Eine Million Dollar hat er der Unesco dafür zur Verfügung gestellt. Nun sitzt er vor einem doppelten Espresso und erklärt, wie schwer sich China mit der eigenen Vergangenheit tue. Die Kulturrevolution sei noch immer nicht aufgearbeitet. Darunter leidet er. Dass der deutsche Zoll seinen Geld­beutel gefilzt hat, ohne ihn zu fragen und ohne dass er eine Einverständniserklärung unterschreiben musste, das bringt ihn in Rage. „Wenn man als Mensch so missachtet wird, ist das doch auch eine Verletzung der Menschenrechte“, sagt Herr Huang.




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