Herr Lohmüller, was machte Sie zu einem guten Drogenberater?
Ich weiß, um was es geht. Als junger Mann habe ich selbst zwei Jahre Heroin gespritzt.
Warum?
Das war mir damals gar nicht klar, damit habe ich mich erst später auseinander gesetzt. Aber ich war wohl sehr unsicher. Ich bin sehr behütet im Stuttgarter Süden aufgewachsen. Ich hatte zwei ältere Schwestern und war das Nesthäkchen. Zu anderen Kindern hatte ich lange gar keinen Kontakt, erst nach der Einschulung. Anfangs sollte ich mal aufs Gymnasium, am Ende habe ich nur den Hauptschulabschluss geschafft. Ich habe mich klein und mickrig gefühlt. Alkohol war der Anfang, dann kam Haschisch. Mit 17 habe ich LSD genommen und mit etwa 18 habe ich angefangen, Heroin zu spritzen. Damit hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Mensch, jetzt kannst du aufrecht gehen.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schuss?
So einschneidende Erlebnisse vergisst man nicht. Das erste Mal ist das beste Mal. Man ist extrem selbstsicher, agil, man fühlt sich gut. Nach diesem Erlebnis bleibt man später immer auf der Suche. Die ersten Wochen spürt man körperlich nichts von der Abhängigkeit, anfangs konsumiert man auch nicht täglich. Das pendelt sich ein und wird immer mehr. Und irgendwann kommt der Tag, da wacht man am Morgen auf und denkt: Hoppla, mir tun die Knochen weh, die Nase läuft, der Darm rumort. Man hat Durchfall, und dann wird einem bewusst: Das ist keine Grippe. Jetzt ist es so weit. Jetzt bin ich drauf.
Das war in den 60er Jahren.
Ja, das mit den
Drogen fing in Stuttgart gerade erst an. Die Szene war noch sehr überschaubar, sehr familiär. Der Zusammenhalt war groß, man hat viel zusammen gemacht. Zugleich war es sehr politisch. Man wollte die Gesellschaft verändern, den spießigen Mief rauskriegen. Ich trug die Pelzmäntel meiner Mutter, hatte lange Haare und lackierte mir die Fingernägel. Es war ein sehr friedliches Miteinander. Und wir haben uns damals klar von der Alkoholszene abgegrenzt. Es war verpönt zu trinken. Das mit dem Mischkonsum kam erst später.
Wie haben Sie den Ausstieg geschafft?
Was das Körperliche angeht, habe ich selbst gemerkt mit der Zeit, dass es eng für mich wird. Am Ende habe ich nur noch 49 Kilo gewogen und konnte keine Nahrung mehr bei mir behalten. Ich war im letzten Jahr meiner Abhängigkeit zwei Mal mit Hepatitis im Krankenhaus. Beim letzten Mal haben mir die Ärzte klar gesagt: Wenn ich nichts unternehme, werde ich an meiner Abhängigkeit, also an den Leberproblemen, sterben. Als ich die dritte Hepatitis bekommen habe, entschied ich, dieses Mal clean ins Krankenhaus zu gehen.
Also nach dem Entzug.
Ja, ich habe alleine in meinem Dachzimmer im Haus meiner Eltern entzogen. Zu meiner Mutter sagte ich, sie möge keine Freunde aus der Szene zu mir lassen, sondern nur meine Freundin, die ich kurz zuvor kennengelernt hatte. 20 Jahre alt war ich damals. Ich habe nur Heroin genommen, da ist der Entzug kurz und heftig. Das Psychische kommt erst danach. Das ist noch mal eine andere Baustelle. Vom Körperlichen her geht der Heroinentzug relativ schnell.
Was heißt schnell?
Nach vier, fünf Tagen kann man an einem Tee nippen und wieder Zwiebäckle essen. Die Lebensgeister kehren zurück. Nach einer Woche war der Entzug vom Tisch. Erst etwas später kam dann eine Zeit, die hat an den Nerven gezerrt. Man wacht auf und hat nur einen Gedanken im Kopf: Heroin. Der Gedanke begleitet einen den ganzen Tag. Man hat viel Zeit auf einmal, man steht nicht mehr an der Ecke und telefoniert rum. Meine Freundin hat versucht, mit mir Programm zu machen. Aber am Anfang hat man auf gar nichts Lust, ist leer, ausgebrannt, fertig. Ich habe viel gemauert, aber die Freundin hat mich geschnappt, und nach einer Zeit konnte ich mich darauf einlassen. Ich verdanke ihr viel.
Wie ging es weiter?
Zwei Jahre, nachdem ich den Absprung geschafft hatte, bin ich selbst Suchtberater geworden. Auch wieder über meine Freundin. Ich war mit ihr auf der Szene. Ich wollte sehen, ob die Leute von damals noch da sind. Dort habe ich einen Mitarbeiter von Release getroffen. Er hat mir von einem freien Job erzählt und mich gefragt, ob ich Lust darauf hätte. Lust hatte ich keine. Aber meine Freundin schleppte mich einfach hin. Die Beratungsstelle war damals noch in der Neckarstraße. Das Bewerbungsgespräch vergesse ich nie. Der Chef hat mich gefragt, wo ich meine Stärken sehe. Ich saß nur schulterzuckend da und dachte: Tja, viel hast du bisher in deinem Leben nicht zustande gebracht außer Scheiße bauen.
Aber den Job haben Sie trotzdem bekommen.
Ja. Es gab damals eine Teestube in der Beratungsstelle. Da habe ich zunächst probeweise mitgearbeitet. Da sind viele Leute aufgekreuzt, die ich von früher kannte.
Und die Angst, wieder abzurutschen?
Am Anfang habe ich schon oft schwitzige Hände bekommen. Aber der Chef hatte ganz klar gesagt: „Wenn du Dummheiten machst, ist es vorbei.“ Ich hatte Spaß an der Tätigkeit. Ich war Kellner, Animateur, erster Ansprechpartner, Mädchen für alles. Die Tagesstruktur tat mir gut. Im Dezember 1974 wurde ich dann fest bei Release eingestellt. Irgendwann mussten wir das Café zumachen, dann bin ich in die Beratungsarbeit reingewachsen. Ich habe meine Kollegen gefragt, wie man ein Beratungsgespräch führt und was wichtig ist.
Wie hat es Ihre Arbeit beeinflusst, dass Sie selbst abhängig waren?
In der Szene war das bekannt. Das kam mir entgegen. Ich war glaubwürdig, weil die Menschen gemerkt haben: Der weiß, wovon er spricht, der kennt den Entzug und das Theater mit der Polizei. Das hat mir den Zugang zu vielen Menschen erleichtert. Die Arbeit wurde mir zusehends wichtiger. Das war mein Leben. Es ging mir dann auch darum, wirklich etwas zu bewegen.
Wie hat sich die Stuttgarter Drogenszene in den letzten Jahrzehnten verändert?
Als ich damals angefangen habe, gab es noch eine offene Szene. Weil die Polizei die Leute vertrieb, hat sich das oft von einer Ecke zur nächsten verlagert: vom kleinen Schlossplatz zum Rotebühlplatz und später dann zur Paule. Das waren teilweise 150 bis 200 Leute, die sich da getroffen haben, es gab Razzien und Personenkontrollen. Mitte der 80er hat Release wegen HIV angefangen, Spritzen und Kondome zu verteilen. Politisch gab es da erst mal einen Aufschrei. Uns wurde vorgeworfen, dass wir den Drogenkonsum unterstützten. Das Ende der offenen Szene kam eigentlich erst mit dem Handyzeitalter.
Was haben Handys mit Drogen zu tun?
Jetzt konnte man sich zusammentelefonieren. Wo bist du? Können wir uns treffen? Da ging vieles in den privaten Bereich. Mitte der 90er hat sich die Szene wiederum an der Paulinenbrücke verfestigt. Das lag vor allem an der Substitutionstherapie, die damals aufkam. In der Hauptstätter Straße gab es das Café Maus, wo die Leute ihre Ersatzstoffe erhalten konnten und im Stuttgarter Westen viele Ärzte, die Substitutionstherapie anboten.
Welche Drogen waren damals in, welche sind es heute?
Kokain hat einen höheren Stellenwert bekommen über die Jahre. Die Szene ist ein Spiegel der Gesellschaft. Heute will man fit sein, immer höher, schneller, weiter. Da ist Kokain die Droge. Sie macht die Nacht zum Tag. In der letzten Zeit kommt das Thema der Schmerzmittel dazu. Die USA erleben gerade eine der schlimmsten Drogenepidemien ihrer Geschichte. Opiathaltige Schmerzmittel wie Fentanyl wurden lange Zeit viel zu großzügig verschrieben. Die Leute werden süchtig und steigen später um auf andere Dinge, zum Beispiel auf Heroin. Teilweise sieht man das auch hier. Fentanyl ist jetzt hier auch mehr im Umlauf.
Haben sich auch die Süchtigen verändert?
Niemand wird aus Jux und Dollerei drogenabhängig. Das galt vor vierzig Jahren, das gilt heute. Wenn man sieht, was für Dinge Menschen erlebt haben, wundert man sich nicht mehr, dass sie ihr Leben bei klarem Kopf nicht ertragen können. Ich habe viele Menschen kennengelernt, denen alles fehlt, was zu einem normalen Leben dazu gehört, die nie ihren Schulabschluss geschafft haben, oder die von kleinauf missbraucht wurden. Da sieht man im Laufe der Jahre viel Leid. Ich habe aufgehört, die Beerdigungen zu zählen, auf denen ich war. Jedes Mal, wenn jemand es nicht geschafft hat, fragt man sich: Habe ich etwas übersehen? Was hätte ich anders machen können? Ich habe gelernt, damit zu leben, dass es darauf keine Antworten gibt. Aber zum Glück gab es in unserem Team immer die Kultur, ausführlich darüber zu sprechen.
Im Suchtbericht der Bundesregierung steht, dass seit 1995 weniger als ein halbes Prozent der Deutschen von Opiaten abhängig ist. Ist Sucht heute kein großes Problem mehr?
Doch. Nur die Art der Sucht hat sich verändert. Heute sind viele Menschen von ihrem Handy abhängig. Die Sucht nach Internet und Computerspielen hat sich unter Jugendlichen zwischen 2011 und 2015 stark erhöht, bei Mädchen sogar fast verdoppelt. Auch das steht in dem Bericht.
Wie viele Drogensüchtige gibt es hier?
Man geht davon aus, dass es in Stuttgart etwa 2500 hart abhängige Menschen gibt. Etwa 1000 davon sind in Substitution. Wir haben in der Stadt das große Problem, dass viele Ärzte, die Ersatztherapien anbieten, jetzt in Rente gehen und nicht genug nachkommen. Es gibt zu wenig Therapieplätze. Das muss die Politik dringend angehen.
Ihr Job klingt nach Sisyphusarbeit. Haben Sie je alles infrage gestellt?
Klar gab es solche Phasen, denn natürlich habe ich nicht die Gesellschaft verändert. Mein Job ist, zu gucken, wie jemand schaffen kann, was er sich vorgenommen hat. Die Menschen selbst setzen die Ziele, nicht die Suchtberater. Wir beraten unsere Klienten auch in sozialen Belangen, zum Beispiel bei Terminen mit der Arbeitsagentur oder bei der Wohnungssuche. Die Drogenarbeit hat sich stark verändert über die Jahrzehnte. Anfangs waren alle eine große Familie. Dann kam das andere Extrem: Man dachte, man müsse die Menschen brechen und neu aufbauen. Heute sind wir in der Mitte angekommen. Wir sehen die Klienten auf Augenhöhe. Natürlich machen wir oft kleine Schritte. Aber es gab schon einige Menschen in meiner Arbeitszeit, die es schafften. Einer davon hat mich übrigens mit dem Harley-Fieber infiziert.
Wie kam es?
Der Mann kam mit seiner Harley zu uns in den Hof der Beratungsstelle gefahren. Der Auspuff hat so gerattert, dass in den umliegenden Häusern fast die Scheiben rausfielen. Ich dachte: heieiei. Erst glaubte ich, mir das nie leisten zu können. Mit 38 habe ich dann meine Lebensversicherung aufgelöst, die Verwandtschaft angepumpt und mir die erste Harley gekauft. Das war der Grundstein der neuen Sucht. Ich fahre aber nicht schnell – höchstens so 60 bis 70 Stundenkilometer. Ich habe vor, im Bett und nicht auf der Straße zu sterben.