Berlin - Wer Gold aus Stroh spinnt, der hat seinen Platz in der Geschichte – oder zumindest im Märchen. Rumpelstilzchen ist eine solche Gestalt. Was eigentlich Abfall ist, verwandelt der Troll in Gold und mehrt im Grimm’schen Märchen den Reichtum eines Königs. Auch Eckardt Dauck steht für ein kleines Märchen, das sich um Stroh rankt und die Augen von Entwicklungsexperten leuchten lässt. Der 60-Jährige hat ein Verfahren entdeckt, das im Europa der 1930er Jahre verbreitet war. Er hat es zu neuem Leben erweckt: Eckardt Dauck baut Häuser aus Stroh – und das in Afrika.
Theoretisch ist dieses Verfahren so etwas wie die Eier legende Wollmilchsau der Entwicklungshilfe. Häuser werden dabei nicht nur ressourcenschonend aus Abfallstoff gebaut. Sie sind auch noch Teil einer größeren Wertschöpfungs- und Beschäftigungskette. Dauck will viele Menschen einbeziehen in sein Stroh-Paneelen-Projekt. Bauern etwa, die Reis anbauen und mit dessen Stroh als Rohstoff ein Zusatzeinkommen haben. Oder die Arbeiter, die in Daucks Fabrik in Lolim im Norden Ugandas, sechs Autostunden von der Hauptstadt Kampala entfernt, Beschäftigung finden. Oder die Architekten, die aus den Formteilen klimafreundliche Häuser entwerfen. Und die vielen Arbeiter schließlich, die damit Schulen, Kliniken, Arbeits- und Wohnräume bauen.
Regen, Missernte und Schlammwüsten
Aber all das habe erst dann eine Chance, wenn landesweite Produktions- und Lieferketten entstanden seien, sagt Dauck. Vorerst rechnet er mit tausend Arbeitsplätzen, die durch seine Fabrik in Uganda entstehen – 100 in der Produktion und Vorfertigung, 900 im Bau. Und praktisch ist aller Anfang schwer. Der Klimawandel mit seinen unberechenbaren Regenfällen hatte in Uganda die Reisernte verderben lassen, und die Lastwagen, die schließlich Stroh von außerhalb heranschaffen mussten, blieben stecken. Schließlich hatte der Regen auch die landwirtschaftlichen Wege um Daucks Produktionsstätte in Schlammwüsten verwandelt. Als dann, wenn auch mit Verspätung, die Anlage schließlich lief, kam Corona. Über Monate ruhten die Bauarbeiten wegen der strengen Lockdown-Vorschriften. Nun sind in Uganda die Baustellen wieder geöffnet. Da die Architekten weiterplanen konnten, können jetzt zahlreiche Aufträge abgearbeitet werden.
Selten hat ein Verfahren so viele Ziele von Entwicklungszusammenarbeit in sich vereint. Produktion und Einsatz der Stroh-Paneele sind nachhaltig, ökologisch, CO2-neutral und beschäftigungsintensiv. Und auch die Bauelemente selbst haben es in sich. Sie dämmen, halten also Hitze und Kälte ab, sind schwer entflammbar, einfach wiederzuverwerten, und Termiten sowie anderes Ungeziefer verabscheuen sie, da sie Silikat enthalten. Das klingt ziemlich märchenhaft.
Noch ist das Unternehmen nicht profitabel
Seit 2010 wirbt Eckardt Dauck auf dem Kontinent für seine Reisstroh-Häuser. Eigentlich hatte er in Äthiopien Fuß fassen wollen. Dort steht auf dem Uni-Campus der Hauptstadt Addis Abeba ein mehrstöckiges Referenzhaus. Doch die Verhältnisse änderten sich über Nacht. Der Tod seines Förderers, des charismatischen Meles Zenawi, seinerzeit Premierminister, ließ Dauck den Standort wechseln. Er ging in den boomenden Kleinstaat Ruanda, in dem Staatschef Paul Kagame stramm regiert.
Dann wollte Dauck sein eigener Herr sein. Eigentlich zog es ihn nach Kenia. Das schlitterte aber zu diesem Zeitpunkt gerade an einem Bürgerkrieg vorbei. Schließlich landete Dauck in Uganda. Geld habe er noch nicht verdient, berichtet der Berliner aus Kleinmachnow freimütig. Das wolle er zwar eines Tages auch. Aber Erfolg scheint er in seinem Leben bereits hinreichend gehabt zu haben.
Dauck hat in Kanada studiert und eine Goldmine betrieben, war im Beteiligungssektor aktiv. Nun will er die Welt ein klein wenig zum Guten verändern, ein „Social-Impact-Investor“ sein. Er will etwas verändert haben, wenn er eines Tages abtritt. Worin denn seine Lebensleistung bestünde, was er durch seine Arbeit in der Welt verändert habe, hätten ihn seine Kinder gefragt und ins Nachdenken gebracht. Der materielle Gewinn stehe für ihn jedenfalls nicht im Vordergrund. „Sonst wäre ich nicht hier.“ Wer einige Tage mit ihm verbringt, glaubt ihm das aufs Wort.
Das Dach der Grugahalle wurde so gebaut
Dabei ist die Herstellung der Paneele von überschaubarer Komplexität. Gehäckseltes Reisstroh wird auf ein Förderband gelegt, schließlich maschinell verdichtet und zwischen zwei Papierlagen gepresst. Dort wird es auf 200 Grad erhitzt. Der im Reis enthaltene Stoff Lignin, der den Pflanzen Festigkeit gibt, wird dabei weich und wirkt unter hohem Druck wie Kleber. Auf diese Weise werden 80 Zentimeter breite und sechs Zentimeter dicke und erstaunlich feste Paneele industriell gefertigt, die in doppelter Lage eine stabile selbsttragende Außenwand bilden. Mit solchen Paneelen sei in Europa seit den 1930er Jahren gebaut worden, erklärt Dauck. Allein in England sei der Baustoff bei etwa 250 000 Häusern in Dachkonstruktionen oder im Trockenbau als Trennwand eingesetzt worden. Das Verfahren sei auch nach englischem Standard zertifiziert worden. Dies habe ihm in Uganda bei der offiziellen Anerkennung seines Bauverfahrens geholfen. Auch im Dach der Essener Grugahalle seien 7500 Quadratmeter Stroh-Paneele verbaut.
Eine zentrale Rolle spielt in Daucks Plänen der Malteser Orden. Dessen international tätiges Kölner Hilfswerk gab gleich mehrere Gebäude bei seiner Firma in Auftrag. Eine Win-win-Situation: Dauck hatte Vorzeigeprojekte und die Malteser nachhaltige Vorzeige-Projekte. Anders als die anderen Häuser sind sie nicht durch Raubbau an der ugandischen Natur entstanden. Denn für die lokale Ziegelbauweise werden dem Boden größere Mengen Lehm entnommen, der zu Bausteinen geformt und gebrannt wird. Das dafür benötigte Holz wird oft illegal geschlagen. Welche ökologische Folgen das hat, kann man sich vorstellen, wenn immer mehr der 41 Millionen Menschen in Uganda ein eigenes Haus haben wollen. Zusätzlicher Druck kommt von den fast 1,4 Millionen Flüchtlingen. Auf der Suche nach Brennmaterial sind ganze Landstriche von den Entwurzelten entwaldet worden. Auch hier würde eine Produktions- und Wertschöpfungskette Wunder wirken. Der Reis fände Abnehmer unter den Flüchtlingen, und der Hausbau aus Stroh-Paneelen gäbe Menschen Arbeit.
Steile Lernkurven durchlaufen
Was Eckardt Dauck tut, spricht sich rum. Er ist in den großen Organisationen der Entwicklungsarbeit bekannt, hat den Wirtschaftsdelegationen in Afrika angehört. Seine Auftragsbücher füllen sich langsam. Mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) plant er ein Forschungsinstitut auf dem Campus der Makerere-Universität in Kampala. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) will ihn mit dem Bau von öffentlichen Toiletten beauftragen, auf deren Dach sich ein Café befinden soll.
Wo das Märchen endet und die Wirklichkeit beginnt? An und für sich sind die Zustände nie märchenhaft gewesen. Doch der Investor Dauck hat nichts von der groben Hemdsärmeligkeit, die man häufig bei europäischen Geschäftsleuten in Afrika beobachtet, der zersetzenden Mischung aus Zynismus, Gier und einem mehr oder weniger großen Schuss Rassismus. Der Herr der Stroh-Häuser ist ein immer ruhiger, höflicher Mann und der beste Verkäufer seiner eigenen Idee. Er spricht von steilen Lernkurven, auf die er zurückblicke, ist aber auch mit klassischen Afrika-Erfahrungen bei der Hand, wie: „Wenn hier etwas schiefgehen kann, dann geht es schief.“ Zwei Wochen im Monat ist er in Uganda, die verbleibende Zeit verbringt er in Deutschland.
Die Kunst sei, sich nicht entmutigen zu lassen, sagt Eckardt Dauck gefasst, nach rund zehn Jahren Afrika. Rumpelstilzchen, das an seinem Wutanfall zugrunde geht, hätte hier gewiss keine Chance.