In den mehr als sechs Jahren, die Stephen McGown als die am längsten festgehaltene Geisel der Gruppe, die sich „Al Kaida im Maghreb“ (Aqim) nennt, in der Wüste verbrachte, hörte er immer mal wieder Motorengeräusche am Himmel. Doch jedes Mal scheuchten die Dschihadisten ihre Gefangenen unter die Büsche, und niemals machten die Piloten ein Lager der Entführer aus. Unterdessen wuchsen Stephens Gesichtshaare zu einem rötlichen Rauschebart heran, seine Arabischkenntnisse verbesserten sich von null auf „leidlich gut“, und in der Kenntnis des Korans stand er seinen Widersachern bald kaum noch nach. Aus dem Christen Stephen war Lot, der Muslim, geworden.
„Mein Leben hatte sich von einem Moment auf den anderen für immer verändert“
Es hatte mit einem Lebenstraum begonnen: Als Stephen McGown im Jahr 2011 von seinem Dasein als Banker in London endgültig genug hatte, machte er sich mit dem Motorrad auf den Nachhauseweg in den Südzipfel Afrikas – und wurde in der sagenumwobenen Wüstenstadt Timbuktu gemeinsam mit zwei anderen europäischen Abenteurern aus einer Herberge entführt. Einen Deutschen erschossen die Geiselnehmer noch vor Ort, weil er sich widerspenstig zeigte: Stephen McGown wurde gemeinsam mit einem Schweden und einem Holländer in die Sahara verschleppt. „Ich wusste sofort, dass sich mein Leben von einem Moment auf den anderen für immer verändert hatte.“
Die Al-Kaida-Kämpfer kutschieren Stephen – zunächst noch mit seinen beiden europäischen Mitgefangenen – über sechs Jahre lang durch die endlosen Weiten der Sahara: Mehr als 150 Mal müssen sie sich ein neues Lager errichten. Seine Entführer stellen sich als ausgezeichnete Kenner der Wüste heraus: Der Ex-Banker lernt von ihnen, wie man sich aus Zweigen einen Unterschlupf im Sand baut und wie man die Sterne als Landkarte nutzt. Schnell finden die Geiseln heraus, dass sie gut daran täten, zum Islam überzutreten: Einer nach dem anderen rezitiert das „Ash Shadoo“ – den Vers, der einen schmutzigen Ungläubigen zu einem wahren Menschen macht. Stephen nahm seine Konversion durchaus ernst: „Ich gab mir Mühe, in die Rolle Lots zu finden.“
„Sie ließen mich selbst dann nicht gehen, als meine Mutter im Sterben lag“
Bald verbrachte Lot viel mehr Zeit im Gespräch mit seinen Häschern als mit seinen Mithäftlingen, die vom Zorn über ihr Schicksal regelrecht aufgefressen worden seien: „Sie wurden bitter und einsam.“ Dagegen hatte sich Stephen vorgenommen, wenn überhaupt dann nicht als psychisches Wrack nach Hause zu kommen: „Ich versuchte, aus meiner Lage das Beste zu machen.“ Als sein Arabisch gut genug war, debattierte er mit seinen Widersachern über Gott, die Welt und woher die Dschihadisten eigentlich das Recht nahmen, ihn seiner Freiheit zu berauben. Denn dass sie ihn entführt hatten, hat er den vermeintlich frommen Gottesmänner niemals verziehen: „Sie hielten uns fest. Sie drohten uns unzählige Male mit dem Tod. Und sie ließen mich selbst dann nicht gehen, als meine Mutter im Sterben lag.“
Allerdings lernte Lot auch eine Welt und eine Sicht der Dinge kennen, von der Stephen keine Ahnung hatte. Zum Beispiel, dass der Islam „friedlich wie keine andere Religion“ sein könne, zumindest innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Die fünf regelmäßigen Gebete am Tag, die das gesamte Leben auf Gott ausrichteten, das Gemeinschaftsgefühl unter Muslimen, das beeindruckte Lot.
Noch etwas anderes fiel ihm auf: Wie tief viele Muslime zumindest in diesem Teil der Welt den Westen hassen. Vor allem die Europäer, die sich seit den Zeiten des Kolonialismus mit ihren Waffen zu Herren über die muslimische Welt aufschwangen – und nun bestimmen wollten, wie jeder zu leben habe. Und die westlichen Medien, glaubt Stephen McGown, berichten über jeden US-Bürger, der durch die Hand eines Muslims zu Schaden kommt. Doch wenn eine US-Drohne ein muslimisches Dorf mit Dutzenden Einwohnern plattmache, krähe kein Hahn danach. „Von der Wüste aus betrachtet, sieht die Welt anders aus“, sagt Stephen.
Lot war zunächst der Underdog unter den Geiseln
Der Häftlingsveteran teilt seine Entführer in drei Gruppen ein: Das Fußvolk – junge Männer aus der Sahara, die sich ohne religiöse oder politische Motivation als schlecht bezahlte Schießgesellen über Wasser hielten. Dann das „Mittelmanagement“: ideologisch geschulte Dschihadisten, die ihren Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen vergütet bekommen. Und schließlich das „Senior Management“: ein international gespanntes Netzwerk von Profirebellen, deren Ziel die Befreiung der arabischen Welt vom dekadenten westlichen Einfluss und schließlich der Sieg des Islam über den Globus ist. „So steht es ausdrücklich im Koran“, sagt Stephen McGown. „Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass sich ein strenggläubiger Muslim mit weniger zufrieden gibt.“
Weil Lot außer seinem südafrikanischen auch einen britischen Pass hatte, war er unter den Geiseln zunächst der Underdog: Denn die Briten stehen als einstige Kolonialisten neben Franzosen und US-Amerikanern ganz oben auf der Hassliste der Dschihadisten. Erst als die Entführer realisierten, dass sich eher Pretoria als London – vor allem aber eine südafrikanische muslimische Hilfsorganisation namens „Gift of the Givers“ – um Stephens Freilassung bemühten, änderte sich die Einstellung der Extremisten. Trotzdem kommt der Südafrikaner als letzter der drei Geiseln erst 2017 frei. Ob jemand Lösegeld bezahlt hat, weiß Stephen McGown nicht, hält es für unwahrscheinlich. „Würde die ANC-Regierung für einen weißen Südafrikaner zahlen?“ Bei seiner Rückkehr nach Hause interessiert den damaligen Präsidenten Jacob Zuma vor allem eines: Wie er es mehr als sechs Jahre lang ohne weibliche Begleitung ausgehalten habe.
Das Heimkommen fällt Stephen viel schwerer, als er sich das vorgestellt hatte. Seine Mutter ist tot, seine Frau nimmt „Berge von Antidepressiva“ zu sich, seine Freunde gehen demselben Leben wie vor zehn Jahren nach: Geld verdienen, ein möglichst schickes Auto kaufen.
Seine Geiselnehmer hätten mit einem Abzug jahrelang schon gerechnet
Aus Lot ist wieder Stephen geworden: Der Rauschebart ist abgeschnitten, die fünf täglichen Gebete zu Allah haben sich längst wieder zu höchstens einem adressiert an irgendeinen Allmächtigen reduziert, seit Jahren versucht Stephen mit seiner Frau ein Kind zu kriegen, er trinkt wieder Bier. Und trotzdem ist nichts, wie es mal war.
Denkt Stephen McGown jetzt über den Abzug der französischen Truppen aus Mali nach, kommen ihm ganz andere Gedanken. „Was taten die Franzosen eigentlich dort? Und wer hat sie hingeschickt?“ Es seien „eigennützige politische Motive“ gewesen, die Paris intervenieren ließ, und die „Arroganz der westlichen Überlegenheit“ habe sie dort jahrelang festgehalten, glaubt Stephen McGown. Seine Geiselnehmer hätten mit einem Abzug jahrelang schon gerechnet. „Und jetzt triumphieren sie natürlich.“ Womöglich werde Mali bald ein islamischer Staat, in dem die Scharia herrscht und Ehebrecher sogar gesteinigt werden.
Und dann lässt Stephen McGown noch ein paar Sätze folgen, die in westlichen Ohren wie Wahnsinn klingen. Er könne sich durchaus vorstellen, in einer von Islamisten geführten Welt zu leben, meint er: „Ich glaube, dass sie wesentlich friedlicher als die unsere sein würde.“ Leidet McGown am Stockholm-Syndrom? In den Bankerberuf wollte und konnte der Spätheimkehrer jedenfalls nicht mehr zurück: Er verdient seinen Lebensunterhalt inzwischen mit Auftritten, bei denen er von seinen Erfahrungen in der Wüste spricht. Sein Auftragsbuch ist zum Bersten gefüllt: Den „Motivationssprecher“ zu einem Interview zu kriegen, ist wie eine Libelle mit der Hand fangen zu wollen.
Oft wird er von Gefühlen überwältigt, bricht in Tränen aus
Längst führen ihn seine Auftritte auch nach Europa: „Ich bin ein ganz normaler Kerl, aber mit einer sehr unnormalen Erfahrung“, erklärt er sich seinen Erfolg. Inzwischen hält Stephen seine Vorträge frei: Fast jedes Mal werde er dabei an irgendeiner Stelle dermaßen von Gefühlen überwältigt, dass er in Tränen ausbreche. Dasselbe passiert offenbar auch auf der Gegenseite. Oft kämen Zuhörer nach der Veranstaltung nach vorne, um ihn weinend zu umarmen. Allerdings gibt es auch andere Fälle: Wenn ihm ein Zuhörer nach seinem Vortrag anruft, um ihm vorzuwerfen, „unseren Gott“ verraten zu haben. Er versuche dann, so ruhig wie möglich zu bleiben, sagt Stephen: „Auch das habe ich in der Wüste gelernt.“