Warthausen - Die Sonne geht auf über Oberschwaben. Ein totes Kälbchen liegt abholbereit vor dem Misthaufen. Peter Ritter zieht es auf die Ladeschaufel seines Lastwagens. Ein Knopfdruck, langsam gondelt das Tier nach oben und fällt in die Edelstahlschütte.
„Ich hol alles, was vier Füße oder Federn hat“, sagt Peter Ritter, 49. Etwas zurechtgemacht sähe er aus wie eine Mischung aus Beckham und Eastwood. Aber in seinem Job kommt es nicht auf Äußeres an. Seit 20 Jahren fährt er für die Tierbeseitigungsanstalt Warthausen durchs schwäbische Oberland, um verendete Nutztiere einzusammeln, die nicht mehr zum Verzehr geeignet sind. „Do kommt jo dr Schendrkarra“, heißt es manchmal, wenn er auf den Hof fährt. Oder der Bauer macht einen Scherz: „Kasch mei Schwiegermuddr au glei mitnehma.“
Nächster Halt. Zwei schwarzbunte Kälble. Am Horizont die Papierfabrik Ehingen. In der Scheune große Fendt-Traktoren. Der Misthaufen dampft. Nach drei Minuten sind die toten Kälble eingeladen, nach einer Minute die Daten ins System eingegeben – „alles digital“, sagt Ritter. Bis kurz vor sieben morgens können Bauern ihre Tiere melden. Dann spuckt der Computer die Tagestouren aus. Früher spannten die Streckenplaner in der Zentrale Bindfäden über Landkarten. Die Software regelt das jetzt in Sekunden.
Eine Jungkuh. Sie liegt an einer Mauer. Daneben ihr Tierpass, aufgerollt in einem Glas. Hier braucht Ritter den Kran. Die anderen Kühe im Offenstall gucken zu, wie ihre Kollegin über dem Lkw schwebt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Der alte Bauer steht am Fenster.
Kälber unter der Kadaverhaube
Anfangs tat sich Ritter schwer mit seinem „Biberacher Großstadtschwäbisch“, wie er sagt. Was sollte das heißen: „Dr Baur äckchachrt“? Ach so: er pflügt. Inzwischen kennt er seine Leute und versteht sie besser, falls es überhaupt mal zu einem Gespräch kommt. Auf den vielen Aussiedlerhöfen ist meistens eh keiner anwesend. Man legt die Tiere nur hin.
Früher war er neugieriger und hat gefragt: „Wie viel Viecher hosch du? – Wo dra isch dui Sau gstorba?“ Meistens hieß es: „Dia hot en Virus ghet.“ Oder: „Dia isch dot em Stall gflagget.“ Aber nach 20 Jahren interessiert es einen auch nicht mehr so. Er holt die Viecher nur ab. Fertig. „Einer muss es ja machen.“
Zwei Kälber unter einem Plastikverschlag, der sogenannten Kadaverhaube. Vor allem im Sommer wirkt die Abdeckung wie ein Treibhaus, entsprechend der Anblick und der Geruch. Der Jungbauer steht mit Wollmütze im Stall und winkt einen Abschiedsgruß.
Ritter ist eigentlich Koch. Als 14-Jähriger fing er die Lehre an – mit dem Traum, später mal auf ein Schiff zu gehen und die weite Welt zu sehen. Danach kochte er bei der Bundeswehr. Dann lernte er seine Frau kennen, gründete eine Familie und hakte das mit der weiten Welt ab.
Vorbei an schwarzen Äckern und barocken Bildstöcken
Eine Zeit lang war Ritter selbstständig: Werkzeuge entgraten für Kavo in Biberach. 16-Stunden-Tage, null Freizeit. Als der Sohn irgendwann Peter statt Papa zu ihm sagte, wurde ihm klar: So geht’s nicht weiter. Er fing bei einem Wachdienst an, arbeitete als Pförtner, fuhr für Schlecker, für eine Brauerei. Dann für die TBA.
Hier ist er ein freier Mann, irgendwie. Er muss nicht nach Stechuhr pinkeln, kann vespern, wenn er Hunger hat. Der Chef ruft nicht gleich an, wenn er fürs Leberkäsweckle mal ein paar Kilometer Umweg fährt. Er kriegt morgens seine Tour, 22 Stationen an diesem Tag, und wenn er fertig ist, lässt er den Job hinter sich.
Vier Schafe an der Scheune eines Großschäfers mit mehr als 1000 Tieren. Ritter greift mit dem Kran alle vier auf einmal. Das Beladen summiert sich vielleicht auf zwei Stunden pro Tour. Der Rest ist fahren. Um die 200 Kilometer jeden Tag. Vorbei an schwarzen Äckern und barocken Bildstöcken. Die Donau entlang, vorbei am spiegelglatten Federsee, durchs Illertal und Orte wie Hundersingen, Sauggart.
Ein Stadtleben, das wäre nichts für ihn. „Mir ist Ulm schon zu groß“, sagt Ritter. Er war mal in Berlin: „So grau alles.“ Und in Paris: „Von wegen Stadt der Liebe, ein einziges Drecksloch.“ Hier hat er eine schöne Landschaft und nie Stau. „Wenn man so in den oberschwäbischen Sonnenaufgang fährt, das ist schon toll.“
Das Einzugsgebiet deckt 60 Prozent des Landes ab
In seinen ersten Wochen kam er nicht vor zehn abends heim. Er fand die Höfe einfach nicht, wollte schon ganz aufhören. Jetzt kennt Ritter jeden Stein, jede Abkürzung. Kein Feldweg ist zu eng, kein Waldweg zu schlammig oder holprig, dass er nicht drüberrumpeln könnte. Man glaubt es nicht, wo man mit einem Lkw noch durchkommt. „Oft denke ich: Hier kann es kein fließend Wasser geben. Dann taucht hinter der Biegung der nächste Hof auf.“ Nach und nach wurde ihm bewusst, wie viele Bauern und Viecher hier doch leben.
Das Einzugsgebiet der TBA deckt 60 Prozent des ganzen Landes ab. Was südlich der Achse Stuttgart–Heidenheim anfällt, landet in Warthausen: Vergangenes Jahr waren es 62 000 Rinder (davon 42 000 Kälber), 48 000 Schweine, 15 000 Schafe – etwa neun Prozent des Gesamtbestands. Zu Hühnern gibt es keine genaue Erhebung. Sie werden in Sammelbehältern geholt und nicht nachgezählt.
Die Winter sind mühselig. Wie oft blieb Ritter schon im Schnee stecken, ohne Handyempfang, marschierte dann los zum nächsten Bauern, der ihn mit dem Schlepper rauszog. Aber immer noch besser als die Metzgertour, die er ein Jahr lang fuhr. „Nur Schlachtabfälle, immer die gleichen Adressen. Rotzlangweilig.“
Bei der Arbeit liebt er Schlager
Manchmal ist er froh, dass er seine Ruhe hat im Fahrerhaus. Manchmal hätte er gern jemanden zum Reden, nicht nur sein SWR 4. Privat hört er Heavy Metal, bei der Arbeit lieber Schlager. Als die Kinder noch klein waren, hat er sie manchmal mit auf Tour genommen. Vor allem dem Mädchen hat’s gefallen. Viele der kleinen Höfe haben seitdem dichtgemacht. „Und die großen sind noch größer geworden.“
Eine Fleckviehkuh. Die bucklige Bäuerin kommt raus und fegt unmotiviert den Hofstaub. Eigentlich will sie nur gucken.
Der Lkw ist diskret beschriftet. Wenn die Leute auf den Straßen wüssten, was er transportiert! Früher fuhr er einen 814er-Mercedes mit Heckklappe, wo die Tiere per Seilwinde reingezogen wurden. Da kamen die Bauern noch aus den Scheunen, um zu schauen, was er so geladen hatte. Wenn sich das Seil verhedderte, musste Ritter über Viehleiber steigen. Heute ist alles blickdicht. Es tropft auch kein Blut und „koi Bria“ mehr aus dem Laderaum.
Ein Jungbulle. Der Bauer ist auch da. Man kennt sich. „Servus.“ – „Servus. Scho lang nemme gseha.“ – „Do hosch recht . . . also Pfüt di.“ – „Jo. Pfüt di Gott.“
Weckle mit gegrilltem Schweinebauch
Pause. Ritter lässt sich in der Metzgerei ein Weckle mit Pizzaleberkäs und eins mit gegrilltem Bauch einpacken. Gevespert wird auf einem seiner Stammparkplätze. Dazu ein Schlager. „Das ist nicht viel, aber das Schönste am Tag“, sagt er. „Einfach nur zehn Minuten reinträumen.“
Einmal, erzählt Ritter, musste er zu einer Rentnerin, die wartete heulend mit ihrem Sittich. „Warum sie sich bei uns meldete, weiß ich nicht. Ich hätte den Vogel halt in einer Schachtel vergraben.“
Einmal hatte er einen alten Bullen, der kam verdammt nah an die Anderthalb-Tonnen-Grenze, drüber verschafft es der Kran nicht mehr. Bei einem Tierarzt holte er mal einen Bernhardiner. Als er den Hund mit der Zange packte, riss dessen Bauchnaht auf und raus purzelten ein Kanarienvogel, ein Hamster, ein Frettchen. „Von den Reichen lernt man das Sparen.“
Für die Entsorgung einer Sau zahlt der Bauer einen Anteil von 1,49 Euro, für ein Rind 12,50. Den Rest tragen die 25 Städte und Kreise des Zweckverbands. Haustiere sind nicht subventioniert. Das Kätzchen, das beim nächsten Halt steif vor der Tierarztpraxis liegt, kostet den Besitzer 45 Euro. Sein Hund werde mal nicht in den Mulden der TBA enden, sagt Ritter.
Eine Totgeburt vom Vorabend
Ein schwarzbuntes Kalb. Eine Totgeburt vom Vorabend. Was ist passiert? „Dr Kopf isch z’groß gwea“ sagt der Bauer. „Kann gut sein, dass ich in ein paar Tagen auch die Mutterkuh hole“, sagt Ritter.
Warum sterben die Tiere? „Im Winter holen sich Kälber gern Grippe oder Lungenentzündung. Und in den heißen Sommern kollabieren die Sauen“, sagt Ritter. Hans-Peter Sporleder, als Veterinär im Landratsamt zuständig für die TBA, bestätigt das. „In Warthausen landen vor allem Jungtiere. Sie sterben bei der Geburt oder kurz danach, weil sie schlicht zu lebensschwach sind. Das ist aber normal“, sagt er. Bei älteren Tieren gebe es oft Vorschädigungen: Entzündungen, die sich zu folgenschweren Organveränderungen verwachsen haben. „Das sieht man den Tieren nicht an, plötzlich liegen sie tot da.“
Die Frage ist auch, was will der Bauer? Fleckvieh ist langlebiger, schafft aber nicht die enorme Milchleistung einer Schwarzbunten. „Und in den Mastanlagen, wo heutzutage genetisch hochgetunte Tiere stehen, können Fehler bei der Fütterung schnell zum Tod führen.“ Die Sterberate in den Ställen halte sich aber seit Jahren auf gleichem Niveau, sagt der Veterinär. „Also i moin, früher gab’s weniger tote Viecher“, sagt Peter Ritter.
Ein schwarzes Kalb unter einer Plane am Wegesrand. Es sieht aus, als ob es schlafe. Das letzte Tier für heute. Sechs Tonnen hat Ritter auf seiner Tour eingesammelt, zeigt die Waage auf dem Betriebsgelände. Fenster zu, Umluft ein: Der schwere Teil der Arbeit beginnt.
Erschwerniszulage auf dem Lohnzettel
In der Sammelhalle treffen jetzt Lastwagen aus allen Himmelsrichtungen ein. Mit dem Geruch kann sich Ritter auch nach zwei Jahrzehnten nicht anfreunden. „Anfangs hab ich gedacht, ich halt das nicht aus. Der Geruch war nachts noch in der Nase.“ Manchmal sind hier angehende Veterinäre zu Gast. Keine Gruppe, bei der nicht nach wenigen Minuten einer über die Brüstung speit. Auch Ritter „lupft’s“ noch ab und zu. Dafür steht eine Erschwerniszulage auf dem Lohnzettel.
In der Halle kippt Ritter die Tiere der Kategorie eins aus. Seit der BSE-Krise müssen bei Rindern ab zwei Jahren und Schafen ab 18 Monaten Gehirnproben untersucht werden. Metzger Jürgen Rasch wartet schon mit dem scharfen Messer. Einer muss es ja machen.
In einer Mulde schaukelt ein meterhoher Fleischbrei aus Schlachtabfällen. Ritter leert den Rest seiner Fuhre in die Schütte nebenan. Dann wird das Rohmaterial, wie man hier sagt, im Brecher zerkleinert und sterilisiert. Als Endprodukte fertigt die Anlage Fett, das man draußen als Biodiesel nutzt, und Tiermehl, das als Dünger in die Landwirtschaft oder als Brennstoff in die Zementindustrie geht.
Ritter strahlt seinen Lastwagen ab, duscht im Betrieb, trinkt einen Kaffee mit den Kollegen und freut sich auf einen Champions-League-Abend daheim.
Vegetarier gibt es keinen unter den 58 Chefs, Verwaltungsangestellten, Fahrern, Schlossern, Elektrikern, Metzgern in der TBA Warthausen. „Der Zusammenhalt in der Firma ist top“, sagt Ritter. Wer die ersten Wochen aushält, bleibt meistens bis zur Rente. Schön sind die Grillfeste, Weihnachtsfeiern, Betriebsausflüge – bei Liebherr waren sie schon, bei Iveco. Im März fängt eine Fahrerin bei der TBA an. Eine Frau, die tote Viecher holt: Das gab es noch nie in der 100-jährigen Geschichte oberschwäbischer Tierbeseitigung. Aber eine muss es ja machen.