Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Noch immer befindet sich Makso an der ersten der angepeilten vier Stationen seines Arbeitstages, Hektik ist ihm so fremd wie der Gedanke, dass man eine freundliche Einladung ausschlagen könnte. Nach einer halben Stunde wird sein deutscher Mentor ungeduldig. „So, jetzt müssen wir aber wieder an die Arbeit, sonst schaffen wir unseren Umsatz nicht!“, mahnt Petersen. Also rein in den Sprinter und flugs auf die B 27. Am Horizont rückt die Schwäbische Alb ins Blickfeld. „Ist das nicht schön?“, fragt Makso. „Ich bin in Europa!“

Nächster Halt: Aichtal, Stockwiesen. Die Sammelunterkunft war monatelang in den Schlagzeilen, immer wieder kam es zu Schlägereien unter den durchweg männlichen Asylbewerbern. Mittlerweile wurden mehrere Unruhestifter in andere Unterkünfte verlegt und in der früheren Industriehalle feste Trennwände installiert, damit die Bewohner mehr Privatsphäre haben. Die wichtigste Neuerung sind jedoch Küchencontainer, die im Hof aufgestellt wurden. Nun können sich die 270 Flüchtlinge aus 22 Nationen selbst versorgen und sind nicht mehr auf das Catering angewiesen, das oft Unmut hervorrief, weil kaum jemandem das gelieferte Essen schmeckte. An den Küchentüren haben die Bewohner mit einem Filzstift für eine klare ethnische Trennung gesorgt: „Iraqi only“ steht dort in Krakelschrift oder „Africa, Pakistan and Friends“. Eigentlich ist es mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, Menschen aufgrund ihrer Herkunft auszusperren. Doch in Krisenzeiten muss wohl alles zulässig sein, das Frieden schafft.

Araber, Perser, Schwarzafrikaner, Südasiaten und Kaukasier stehen einträchtig vor dem Sprinter. Manche halten prall gefüllte Aldi-Tüten in der Hand, der Discounter liegt gleich um die Ecke. Ein Mann um die 30, der sich mit „Adel Autasir, PR-Manager from Damaskus“, vorstellt, kritisiert Maksos Preisgestaltung – und bekommt daraufhin von Petersen einen kostenlosen BWL-Crashkurs: „Muhamed kann die Sachen nicht billiger verkaufen. Der Deckungsbeitrag für eine Packung Fladenbrot liegt beispielsweise bei gerade mal fünf Cent. Davon muss er seinen Transporter unterhalten und seinen Kredit bedienen.“ 25 000 Euro hat sich Makso für seine Existenzgründung geliehen, und es ist nicht schwer zu erraten, dass Petersen sein größter Gläubiger ist – auch wenn der Rentner auf Fragen zu seinem finanziellen Engagement ausweichend antwortet: „Es ist ein schöner Luxus, wenn man es sich leisten kann, solche Projekte zu unterstützen.“

Es geht um mehr als Geld

Es geht um mehr als Geld. Petersen kümmert sich ehrenamtlich um die Buchhaltung und stellt die Verkaufstouren zusammen. Die Erfahrungen der ersten Wochen lehrten ihn, dass es in ländlichen Flüchtlingsheimen mehr zu holen gibt als mitten in der Stadt, wo an jeder Ecke ein türkischer Gemüsehändler neben Tomaten und Knoblauch auch Tahina (Sesampaste) und Labneh (Frischkäse) anbietet. „Versuchen Sie es doch mal in Plattenhardt und Bonlanden, da sind viele syrische Familien, die alle selbst kochen“, rät ihm ein Hausmeister, der alle Asylunterkünfte im Landkreis Esslingen aus nächster Nähe kennt. Petersen bedankt sich für den Tipp, kramt eine Excel-Tabelle hervor und überlegt, in welche Route er die zusätzlichen Stationen einbauen könnte.

Sein Protegé Makso verschwindet derweil mit den Worten „Ich komme gleich zurück“, um einem syrischen Neuankömmling beim Ausfüllen eines Anhörungsbogens für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu helfen. Die Minuten verrinnen, Petersens Füße werden immer kälter, und seine Thermoskanne ist leer. Nach einer Viertelstunde taucht Makso bestens gelaunt wieder auf und fragt: „Fahren wir jetzt nach Oberaichen?“

10 000 Euro hat der sechs Jahre alte Transporter gekostet, den Makso bei einem türkischen Autohändler in Oeffingen erstanden hat. Ein Mercedes musste es sein, am Lenkrad eines Ford Transit oder Fiat Ducato hätte der Jungunternehmer ungern sitzen wollen. Den Innenausbau übernahm ein Landsmann aus Homs, der seit einigen Jahren in Köngen lebt. Handwerker aus Homs haben einen Ruf wie schwäbische Konstrukteure: Sie gelten als begnadete Tüftler. Wenn man ihnen das geeignete Werkzeug und Material gebe, so heißt es in Syrien, könnten sie auch eine Rakete bauen, die zum Mars fliegt. Makso benötigte für seinen Sprinter lediglich ein mit der Karosserie verschraubtes Regal.

Dream-Team: Uwe Petersen und Muhamed Makso

Die Idee, als Flüchtling den Lebensunterhalt mit Flüchtlingen zu verdienen, hatte Makso, als er vor zwei Jahren in einer Rohrer Gemeinschaftsunterkunft wohnte und merkte, dass es schwierig ist, sich im schwäbischen Exil orientalisch zu ernähren. Diese Marktlücke wollte er füllen, zumal er bereits in seiner nordsyrischen Heimat als Großhändler von Kindernahrung erfolgreich auf Kundenfang gegangen war.

Als Makso passabel Deutsch gelernt und eine Aufenthaltserlaubnis in der Tasche hatte, sprach er im Jobcenter vor und erfuhr, dass es für ihn möglich sei, als Existenzgründer gefördert zu werden. Allerdings verlangte die Behörde einen Businessplan, selbstverständlich auf Deutsch verfasst, und damit war selbst der gewiefte Makso überfordert. An diesem Punkt kam sein Förderer Uwe ins Spiel, der in seinem Berufsleben als Bauingenieur bei Züblin unzählige Großprojekte gewuppt hatte und nun die Gründung des Kleinunternehmens organisierte. „Unser Staatswesen ist akkurat geregelt“, sagt Petersen, „aber deswegen auch kompliziert und für einen Flüchtling kaum zu durchdringen.“

Zwei Monate dauerte es, bis Makso alle erforderlichen Dokumente von der Tragfähigkeitsbescheinigung über den Gewerbeschein bis zum Reisendenschein beisammenhatte. Auch den Führerschein musste er machen, weil seine syrische Fahrerlaubnis nördlich des Mittelmeers ungültig ist. Im Dezember gingen die beiden Geschäftsmänner dann erst mal in Petersens privatem Audi auf Erkundungstour, um zu klären, welche Flüchtlingsheime als Standorte überhaupt geeignet sind und wo Makso seinen gut sieben Meter langen Sprinter parken kann. Wobei Petersen von vornherein klar war: „Wenn wir alles streng nach Vorschrift machen, können wir gleich einpacken.“

Der fahrende Händler ist überall willkommen

Gottlob zeigte sich, dass jene, die in Asylunterkünften arbeiten – Sozialpädagoginnen, Haustechniker, Sicherheitsmänner – keine Kleingeister sind. Der fahrende Händler ist überall willkommen, weil er nicht nur eine Vor-Ort-Versorgung bietet, sondern auch Abwechslung in den eintönigen Alltag der Flüchtlinge bringt. Makso liefert ihnen ein Stück Heimat frei Haus.

Kaum stehen die Männer im Pulk vor der geöffneten Seitentür des Sprinters, geht es zu wie auf einem orientalischen Basar. Makso sitzt mit dem Rücken zur Fahrerkabine auf einem Campinghocker, an der Blechwand hinter ihm sind auf Arabisch rund hundert Produkte aufgelistet, die er im Sortiment hat. Preise fehlen, denn es gehört zum Ritual, dass sie erfragt werden. Nennt Makso einen Betrag, jammert der Kaufinteressent, dass die Ware überteuert sei, worauf der Händler erklärt, dass er Frau und Kinder habe et cetera. Der Kunde nimmt dann das 500-Gramm-Glas mit gefüllten Auberginen in die Hand, tut so, als wäre er hin- und hergerissen, ob er die Anschaffung tatsächlich tätigen soll und zieht schließlich lässig einen Schein aus der Trainingshose. Aus gebührendem Abstand kommentiert Uwe Petersen das Schauspiel: „Das ist eigentlich keine Verkaufs-, sondern eine Kulturveranstaltung.“

Um halb eins wird der Händler von Kunden zum Mittagessen ins Zelt gebeten. Makso nimmt ein paar Konserven aus dem Regal – für den Eigenverbrauch berechnet das Finanzamt ohnehin eine Pauschale – und folgt zwei Landsmännern. Hinter einem Verschlag aus Bauzäunen, an denen Wolldecken und Laken als Sichtschutz befestigt sind, stellen sie geschwind sechs Stühle um einen winzigen Tisch. Auf Tellern wird Hummus verteilt und mit Gewürzen, Zitronensaft und Olivenöl verfeinert, dann tunkt jeder Fladenbrot in den Kichererbsenbrei. Das arabische Vesper ist gewiss gesünder als ein schwäbischer Leberkäsewecken.

Nur keine Hektik

Noch immer befindet sich Makso an der ersten der angepeilten vier Stationen seines Arbeitstages, Hektik ist ihm so fremd wie der Gedanke, dass man eine freundliche Einladung ausschlagen könnte. Nach einer halben Stunde wird sein deutscher Mentor ungeduldig. „So, jetzt müssen wir aber wieder an die Arbeit, sonst schaffen wir unseren Umsatz nicht!“, mahnt Petersen. Also rein in den Sprinter und flugs auf die B 27. Am Horizont rückt die Schwäbische Alb ins Blickfeld. „Ist das nicht schön?“, fragt Makso. „Ich bin in Europa!“

Nächster Halt: Aichtal, Stockwiesen. Die Sammelunterkunft war monatelang in den Schlagzeilen, immer wieder kam es zu Schlägereien unter den durchweg männlichen Asylbewerbern. Mittlerweile wurden mehrere Unruhestifter in andere Unterkünfte verlegt und in der früheren Industriehalle feste Trennwände installiert, damit die Bewohner mehr Privatsphäre haben. Die wichtigste Neuerung sind jedoch Küchencontainer, die im Hof aufgestellt wurden. Nun können sich die 270 Flüchtlinge aus 22 Nationen selbst versorgen und sind nicht mehr auf das Catering angewiesen, das oft Unmut hervorrief, weil kaum jemandem das gelieferte Essen schmeckte. An den Küchentüren haben die Bewohner mit einem Filzstift für eine klare ethnische Trennung gesorgt: „Iraqi only“ steht dort in Krakelschrift oder „Africa, Pakistan and Friends“. Eigentlich ist es mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, Menschen aufgrund ihrer Herkunft auszusperren. Doch in Krisenzeiten muss wohl alles zulässig sein, das Frieden schafft.

Araber, Perser, Schwarzafrikaner, Südasiaten und Kaukasier stehen einträchtig vor dem Sprinter. Manche halten prall gefüllte Aldi-Tüten in der Hand, der Discounter liegt gleich um die Ecke. Ein Mann um die 30, der sich mit „Adel Autasir, PR-Manager from Damaskus“, vorstellt, kritisiert Maksos Preisgestaltung – und bekommt daraufhin von Petersen einen kostenlosen BWL-Crashkurs: „Muhamed kann die Sachen nicht billiger verkaufen. Der Deckungsbeitrag für eine Packung Fladenbrot liegt beispielsweise bei gerade mal fünf Cent. Davon muss er seinen Transporter unterhalten und seinen Kredit bedienen.“ 25 000 Euro hat sich Makso für seine Existenzgründung geliehen, und es ist nicht schwer zu erraten, dass Petersen sein größter Gläubiger ist – auch wenn der Rentner auf Fragen zu seinem finanziellen Engagement ausweichend antwortet: „Es ist ein schöner Luxus, wenn man es sich leisten kann, solche Projekte zu unterstützen.“

Es geht um mehr als Geld

Es geht um mehr als Geld. Petersen kümmert sich ehrenamtlich um die Buchhaltung und stellt die Verkaufstouren zusammen. Die Erfahrungen der ersten Wochen lehrten ihn, dass es in ländlichen Flüchtlingsheimen mehr zu holen gibt als mitten in der Stadt, wo an jeder Ecke ein türkischer Gemüsehändler neben Tomaten und Knoblauch auch Tahina (Sesampaste) und Labneh (Frischkäse) anbietet. „Versuchen Sie es doch mal in Plattenhardt und Bonlanden, da sind viele syrische Familien, die alle selbst kochen“, rät ihm ein Hausmeister, der alle Asylunterkünfte im Landkreis Esslingen aus nächster Nähe kennt. Petersen bedankt sich für den Tipp, kramt eine Excel-Tabelle hervor und überlegt, in welche Route er die zusätzlichen Stationen einbauen könnte.

Sein Protegé Makso verschwindet derweil mit den Worten „Ich komme gleich zurück“, um einem syrischen Neuankömmling beim Ausfüllen eines Anhörungsbogens für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu helfen. Die Minuten verrinnen, Petersens Füße werden immer kälter, und seine Thermoskanne ist leer. Nach einer Viertelstunde taucht Makso bestens gelaunt wieder auf und fragt: „Fahren wir jetzt nach Oberaichen?“

Unterwegs meldet sich das Smartphone, Petersen warnt: „Geh nicht ran, Muhamed! Wenn du beim Telefonieren einen Unfall baust, ist der Versicherungsschutz weg.“ Ungerührt nimmt Makso das Gerät ans Ohr und unterhält sich lautstark auf Arabisch. Jedem, dem er unterwegs begegnet, drückt der Händler seine Visitenkarte in die Hand, eine Folge davon ist, dass ihn nun oft Flüchtlinge anrufen, die nicht weiterwissen. „Uwe, ich muss sofort zum Stuttgarter Hauptbahnhof und das Gepäck einer syrischen Familie abholen.“ – „Und was wird aus unserer restlichen Verkaufsstour, Muhamed?“ – „Ich kann auch noch heute Abend nach Oberaichen und Sielmingen.“ – „Also gut, aber lass mich bitte auf dem Weg zum Bahnhof in Birkach raus.“

Bald muss er auf eigenen Beinen stehen

In spätestens anderthalb Jahren läuft die Förderung durch das Jobcenter aus, dann muss der Existenzgründer Muhamed Makso in seiner neuen Heimat auf eigenen Beinen stehen. Sein Umsatz steigt von Woche zu Woche. Wenn er nicht krank wird oder das Getriebe an seinem Sprinter verreckt, könnte es für ihn und seine Familie reichen. Doch was macht Makso, wenn es irgendwann in Syrien Frieden geben sollte und sich in Deutschland die Flüchtlingsheime leeren? „Dann eröffne ich in Stuttgart ein orientalisches Restaurant.“

In Birkach hält Muhamed Makso vor einer Metzgerei, um seinen Mitfahrer Uwe Petersen zu verabschieden. Die Chefin eilt aus dem Laden und brüllt: „Was fällt Ihnen ein? Hier dürfen nur Kunden parken!“ So geht es zu im hochzivilisierten Schwabenland.

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