Ein Flüchtling als Unternehmer Heimat auf Rädern

Ein Transporter als  Tante-Emma-Laden: etwa 100 Produkte hat   Makso für seine Kunden im Sortiment. Foto:  Buchmeier Foto:  
Ein Transporter als Tante-Emma-Laden: etwa 100 Produkte hat Makso für seine Kunden im Sortiment. Foto: Buchmeier

Muhamed Makso verkauft vor Flüchtlingsheimen orientalische Lebensmittel. Eine Tagestour mit dem syrischen Existenzgründer und seinem deutschen Mentor Uwe Petersen.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)
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Stuttgart - Muhamed Makso, 27, biegt in die Birkacher Sackgasse ein, steigt aus seinem Mercedes Sprinter, stapft in Wanderboots durch den Vorgarten und drückt den Klingelknopf. Es öffnet ein grauhaariger Herr, Typ Bildungsbürger: „Guten Morgen Muhamed, lass uns gleich losfahren!“ Uwe Petersen, 73, zieht sich den Anorak über, packt die Thermoskanne ein und setzt sich auf den Beifahrersitz. Anschnallen, gleich startet die Flüchtlingsheimtour, die heute in den Landkreis Esslingen führt. Makso tippt das erste Ziel ins Navi ein: Echterdingen, Leinfelder Straße 11.

Es ist ein grauer Februarmorgen, eisig pfeift der Wind über eine Gewerbebrache, die mit Containern, Zelten in Volksfestgröße und Dixie-Klos zur Massenunterkunft umgestaltet wurde. Fast 300 Flüchtlinge wohnen hier, doch als der Sprinter anrollt, ist niemand zu sehen. „Die schlafen noch“, sagt Makso, der selbst seit vier Stunden auf den Beinen ist. In der Frühe hat er bei einem Wernauer Bäcker 600 Packungen syrisches Fladenbrot abgeholt, anschließend war er noch im Wangener Großmarkt, um den Bestand an Halal-Rinderwurst-Konserven aufzufüllen. In den nächsten acht Stunden wird er versuchen, möglichst viele seiner Waren an die internationale Kundschaft zu bringen.

Doch zunächst heißt es: abwarten und Tee aus der Thermoskanne trinken. Dazu werden zuckersüße Datteln und die wunderbare Geschichte einer deutsch-syrischen Männerfreundschaft serviert: Petersen lernte als Ehrenamtlicher des Arbeitskreises Asyl den syrischen Bürgerkriegsflüchtling Makso im vergangenen März kennen. „Ich habe sofort bemerkt, dass Muhamed ein sehr gescheiter Kerl ist.“ Wie hilft man einem jungen Syrer, der sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen will? „Man gibt ihm eine feste Bleibe und einen Job, der seinen Fähigkeiten entspricht“, sagt Petersen. „Alle Flüchtlinge, die wir so integriert bekommen, werden uns keine Probleme bereiten.“

Der Businessplan verlangt täglich 1000 Euro Umsatz

Seit einem knappen Jahr wohnt Makso mit seiner Frau Rojka und seinen beiden Kindern in einer Dreizimmerwohnung an der Sillenbucher Hauptstraße, die ihm der AK Asyl vermittelt hat. Olin, 4, und Nalin, 2, besuchen die Kita und sprechen schon so gut Deutsch wie Thomas oder Emma. Man muss sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen – wenn es ihrem Vater gelingt, genügend Geld aufzutreiben, um in Stuttgart eine vierköpfige Familie zu versorgen. Damit das hinhaut, so die Kalkulation, müssen täglich 1000 Euro Umsatz her.

Es ist bereits nach elf, und bisher ist noch kein Cent in der Kasse gelandet. Plötzlich, als hätte jemand eine Futterspur zu dem Sprinter gelegt, strömen unrasierte Männer aus den Zelten und Containern herbei. Sie tragen Trainingshosen und Jeans, Sportschuhe und Flip-Flops. Flüchtlinge, die sich selbst versorgen, bekommen monatlich 364 Euro vom deutschen Staat, davon behält der Landkreis 33,86 Euro für Strom und Wasser ein. Den großen Rest können die Asylbewerber für Prepaid-Mobilfunkkarten, Zigaretten und Nahrung ausgeben. Die Lebensmittel sollen sie, wenn es nach Makso geht, in seinem fahrenden Tante-Emma-Laden kaufen.

10 000 Euro hat der sechs Jahre alte Transporter gekostet, den Makso bei einem türkischen Autohändler in Oeffingen erstanden hat. Ein Mercedes musste es sein, am Lenkrad eines Ford Transit oder Fiat Ducato hätte der Jungunternehmer ungern sitzen wollen. Den Innenausbau übernahm ein Landsmann aus Homs, der seit einigen Jahren in Köngen lebt. Handwerker aus Homs haben einen Ruf wie schwäbische Konstrukteure: Sie gelten als begnadete Tüftler. Wenn man ihnen das geeignete Werkzeug und Material gebe, so heißt es in Syrien, könnten sie auch eine Rakete bauen, die zum Mars fliegt. Makso benötigte für seinen Sprinter lediglich ein mit der Karosserie verschraubtes Regal.




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