Oberwälden - An der Tür des Daiberhofs hängt ein großes Schild: „Hans suchen per GPS.“ Es folgt eine Anleitung in vier Schritten. Erstens: eine SMS an Hans aufsetzen. Zweitens: Stern, Raute, Null, Raute eingeben. Drittens: die GPS-Daten abwarten. Viertens: mit Google Maps Hans’ Standort ermitteln.
Jeden Tag schlüpft Hans Daiber in seine Wanderstiefel und verschwindet irgendwo im Morgennebel. Er trägt eine leuchtende Warnweste, eine rote Ledertasche um den Hals und im Winter eine Wollmütze. In der Tasche, die vor seiner Brust baumelt, steckt ein kastenförmiges Handy. Mit dem kann er nicht telefonieren, aber geortet werden. Dank des Schilds an der Tür können alle Dorfbewohner seinen Standort herausfinden. Manchmal blinkt das Signal von Hans Kilometer entfernt auf: in Faurndau, in der Kreisstadt Göppingen oder im Schurwald.
Oberwälden liegt über dem Filstal und hat 450 Einwohner. Der Eselsweg verbindet das Dorf mit der Gemeinde Wangen. Hans gehört zum Ortsbild. Meistens biegt er leicht schlurfend auf den Eselsweg ab. Wer ihm begegnet, bleibt kurz stehen: „Hallo, Hans!“ Jeder hilft Hans auf eigene Weise. Inklusion ist ein Wort, das die Oberwäldener nicht groß diskutieren. Hans ist einer von ihnen, fertig.
Das Zuhause
Ein altrosafarbenes Bauernhaus mit vielen Fenstern. Früher hatte jeder seinen festen Platz am Küchentisch. Darauf stand meistens ein Glas mit Sauerwasser, das sich alle teilten. An der Wand hing das Holzkreuz. Vater Fritz und Mutter Rosa erlebten viele Fehlgeburten. Rosemarie kam mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung zur Welt, Hans folgte 1953, stärker beeinträchtigt als die Schwester. Bis er vier war, sprach Hans kein Wort, verständigte sich nur über flötende Töne. Er sollte sein Leben lang an ganzen Sätzen scheitern, aber er sollte jedes Wort verstehen, das geredet wird. Er sollte den Traktor rückwärts einparken, beim Öhmden, der zweiten Mahd, helfen. Er lernte Lesen und Schreiben.
Als Rosemarie bei einem Autounfall starb, wurde der vierte Stuhl aus der kleinen Küche getragen. Nach dem Tod der Mutter, 25 Jahre später, blieben nur noch der Vater und Hans unter der tickenden Wanduhr übrig. Das war 2004, der Vater war 89, Hans 51 Jahre alt.
Was, wenn der Herrgott bald auch Fritz Daiber zu sich rufen mochte? Was würde aus Hans? Er müsste den Daiberhof verlassen und in ein Heim für behindertengerechtes Wohnen ziehen. Hinzu kam, dass Hans nicht richtig sprechen kann. Sein Vater wusste immer genau, wofür Hans die Worte fehlen, er verstand seinen Sohn.
Mit 91 Jahren suchte der Bauer, der sein Leben lang bestrebt war, „sei Sach“ beisammen zu halten, einen Mieter für die freie Wohnung über seinem Sohn. Der Neue sollte kostenlos auf dem Daiberhof wohnen dürfen – solange Hans lebt. Unter einer Bedingung: Er müsste auf Hans aufpassen. Ein Jahr vor dem Tod des Vaters zog jemand ein.
Herr Glück
Seit 13 Jahren hängt nun über dem Klingelschild „Daiber, Hans“ ein zweites mit der Aufschrift „Glück“. Die langen Haare trägt Joachim Glück, 61, zum Zopf gebunden, die Hände stecken in den Taschen einer Bikerjeans.
Über viele Ecken habe er damals von dem alten Herrn Daiber gehört, der jemanden für die Wohnung suche. Ein Jahr lang lebten sie zu dritt auf dem Daiberhof, dann kam der Vater ins Krankenhaus. Hans und Glück fuhren ihn besuchen: Stahlblaue Augen zwischen weißen Laken. Hans’ Vater, sagt Herr Glück, habe ausgesehen, als könne er jetzt sterben.
Damit Hans nichts vergisst, hat Herr Glück kleine Zettel in der Wohnung aufgehängt: „Hans, du sollst dein Telefon mitnehmen, wenn du deine Runden drehst. Denk bitte daran!“, steht da in großen Buchstaben. Herr Glück hat auch das GPS-Schild an der Tür angebracht. Er fährt Hans zum Zahnarzt, kauft ein, achtet darauf, dass der Haushalt läuft. Wenn Hans nicht nach Hause kommt, ortet er ihn.
Jeden Morgen schlappt Hans in seinen grauen Filzschuhen zu seinem Briefkasten und holt die „Neue Württembergische Zeitung“ raus. Er hat außerdem das „Evangelische Gemeindeblatt“ abonniert und das „Wangener Mitteilungsblatt“.
In der Küche bindet er sich eine Schürze um den schmalen Körper und schlägt das „Wangener Mitteilungsblatt“ auf. Alle großen Geburtstage werden hier aufgelistet. Hans hegt eine besondere Leidenschaft für Zahlen und für Tage. Er kann die Wochentage der Geburtstage aller Dorfbewohner voraussagen. Hans schreibt dann jedem eine Karte.
Hans kann sich nicht gut ausdrücken. Meistens lässt er es bei einem einfachen „Ja“ bewenden. Aber wenn Hans schreibt, kann er seine Gefühle in Worte ordnen und sie in ein Kuvert stecken. Jeden Brief beendet er mit den Worten: „In Liebe sendet Hans“. Oft handeln die Briefe, die er an die Oberwäldener verschickt, von der tiefen Trauer über den Verlust der Schwester.
Die Antworten der Dorfbewohner bedecken die Tapeten seiner Wohnung. „Lieber Hans, ich danke dir ganz herzlich für deinen Brief. Das Foto von deiner Schwester Rosemarie gebe ich dir zurück. Das will bei dir bleiben.“ Der Unfall ist so lange her, dass das Grab seiner Schwester nicht mehr existiert. Über seinem Bett hängt eine ausgeschnittene Zeitungsmeldung, nur wenige Wochen alt: „Junge Frau stirbt bei Autounfall“.
Frau Bauer
„Wenn er Geburtstag hat, dann kommt er vorbei, das geht schon ewig so.“ Frau Bauer hat ein Auge auf Hans. Die 80-Jährige wohnt unweit des Daiberhofs. Wenn Hans bei Nacht und Nebel noch nicht heimgekehrt ist, Frau Bauer sieht hin. Wenn Hans auf der kleinen Friedhofsbank hockt, Frau Bauer sieht hin. „An der Stelle, wo seine Schwester Rosemarie lag, hat er auch noch getrauert, als das Grab schon längst weg war.“
An seinem Geburtstag wartet Frau Bauer immer mit einem Tisch voller Süßigkeiten. Seit mehr als 20 Jahren klingelt Hans am 11. November mit einem großen leeren Jutebeutel an ihrer Haustür.
Sie blickt zu ihrem Fenster: „Einmal habe ich ihn beobachtet, da hat sein Vater noch gelebt. Er stand da und winkte in eine Baugrube.“ So sagte Hans Ade zum Grundstück, das sein Vater verkauft hatte.
Frau Wetzel
Die Türklingel läutet, ein kalter Luftzug kommt herein. „Hallo Hans.“ In der Bäckerei in Wangen rückt die Verkäuferin die Auslage zurecht. Haferbrötchen und Buttermilchbrote stapeln sich hinter ihr.
Seit neun Jahren ist Frau Wetzel Hans’ Lieblingsverkäuferin. Vom Daiberhof ist es ein 20-minütiger Fußmarsch bis zur Bäckerei. Die meiste Zeit verbringt Hans vor den Weingummis, der Schokolade und den Keksen. Neben der Kasse liegt eine große Auswahl an glitzernden Karten.
Hans begutachtet die Vollmilchschokolade. Minuten verstreichen, dann landet sie neben Keksen, Mozartstangen und einer Geburtstagskarte im Korb. Auf dem Weg zur Kasse bremst ihn die Kuchentheke aus. „Hans, hasch elles?“ Hans zeigt auf den Zwetschgenkuchen. Wenn er geht, bleibt er jedes Mal an der Tür stehen und dreht sich noch einmal um. „Bald ist Ostern oder Pfingsten oder Weihnachten“, ruft er dann. „Und er hat immer recht“, sagt Frau Wetzel.
Frau Lohrmann
Frau Lohrmann lässt gern raten, wie alt sie ist. 88 rät niemand. „Jetzt machen wir dich schön, Hansi“, sagt sie und hilft Hans in den schwarzen Kittel. Sie ist die Einzige im Dorf, die ihn so nennt.
Er setzt sich neben eine Trockenhaube aus den 60er Jahren. Die ehemalige Friseurin Frau Lohrmann ist lange in Rente. Nur Hans darf noch kommen. „Der Hansi ist auch der Einzige, der immer zufrieden ist.“ Sie setzt den Rasierer an. „Damit du schön bist, wenn du spazieren gehst.“ Ihre Hände zittern etwas beim Augenbrauenschneiden. „Danke schön“, sagt Hans. Das einzige Mal, dass er etwas sagt.
Frau Henninger
Hans schlurft durch die Regalreihen voller Bücher, biegt falsch ab und steht verloren in der Belletristik. Seit Jahren leiht er sich in der Wangener Bücherei Kinderbücher aus, Bücher mit großer Schrift. Frau Henninger trägt alles in sein Konto ein, und wenn Hans vergisst, sie wieder abzugeben, verlängert sie einfach für ihn. Frau Henninger ist Mitte 50. „Man kann ihn nicht beraten, weil man nie weiß, was er in einem Buch sieht.“ Hans legt „Speedy, das kleine Rennauto“ auf die Theke.
Herr Rempel
Kein Tag vergeht, an dem sich Rolf Rempel und Hans nicht kurz über den Weg laufen. Schließlich wohnen sie Zaun an Zaun. Trotzdem steckt Hans an vielen Tagen eine Karte in den Briefkasten: „Ein Grüsslein von mir“, steht oft darauf. In der Einfahrt zum Hof parkt ein riesiger Fendt GT, ein Ackerschlepper aus den 50er Jahren. Rempel wischt sich die Hände an der Latzhose ab. Hinter ihm türmen sich Radieschen und Kohl. Rempel spricht mit einer Stimme, die es gewohnt ist, Traktorenlärm zu übertönen. Wenn er über Hans redet, wird diese Stimme sanft. Rempel ist mit Hans groß geworden. Er stapft mit den schmutzigen Stiefeln ins Haus und holt Dutzende von Briefen. „Mein lieber Rolf, heute gab es Zwetschgenkuchen“, schreibt Hans in einem.
Frau Scheurer
Frau Scheurer sagt, sie sei in die Sache mit dem Hans „so reingerutscht“. Ihr Mann ist der Großcousin von Hans, und Frau Scheurer hat wie er Spaß an Zahlen, damit verdient sie auch ihr Geld. Sie ist Sparkassenbetriebswirtin und als rechtliche Betreuerin für Hans verantwortlich. Sie unterschreibt an seiner statt Verträge, verwaltet sein Erbe, seine Altersrente. Sie passt auf, dass alles seinen geordneten Gang geht. Herr Glück schickt ihr die Belege für seine Ausgaben. Einmal im Jahr legt sie alle Rechnungen beim Betreuungsgericht vor. Manchmal fahren Frau Scheurer und Hans zum Notar. Hans wird dann gefragt, ob er zufrieden sei? – „Ja.“
Die Holzkiste
Hans’ Glück ist, ohne großstädtische Infrastrukturen aufgewachsen zu sein, ohne behördliche Maßnahmen und Interventionen, sondern unter der Obhut des Ortes. In einem Dorf, das sich heute langsam auflöst. Die Oberwäldener werden älter, die Bärte grauer, die Mienen grantiger. Hohe Hecken trennen Zugezogene von Alteingesessenen. In den Auffahrten vor den Neubauten parken glänzende Autos. Das Dorf, wie es einst war, verschwindet, und mit ihm die alten Gesichter.
In Hans’ Schlafzimmer steht, hinter den Schiebetüren der Kommode, eine kleine Holzkiste. Der Deckel lässt sich kaum noch schließen. Manchmal holt Hans sie am Abend heraus und setzt sich in die Küche. Mehr als 400 ausgeschnittene Todesanzeigen hat er in der Kiste gesammelt. Manche stammen aus den 70er Jahren, andere aus den 90ern, einige sind erst wenige Tage alt. Die Verstorbenen haben alle in Oberwälden gelebt.
Hans verarbeitet Dinge, indem er sie ausschneidet, in die Hand nimmt und aufbewahrt. Zwischen den Todesanzeigen liegen ausgeschnittene Zeitungsüberschriften: „Wenn Eltern alt werden“ – „Nichts wie raus an die frische Luft“ – „Zwei Autos landen nach Crash im Acker“. Ein vergilbter Zeitungsausschnitt liegt ganz unten: „Keiner lebt für sich allein“.