Ein gewagte Prognose So wird 2024

Etwas Köpfchen und Licht an­knipsen: Der Rest wird auch noch. Foto: / dpa/Bernd von Jutrczenka; Illustration: Adobe Stock/Anna; Montage: Rolfes

Astrologisch ist alles klar. Politisch auch: Im Kanzleramt quietscht die Schuldenschaukel. Ein satirischer Ausblick auf das neue Jahr.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Martin Gerstner (ges)

Laut Astrologischem Kalender steht das kommende Jahr unter dem Zeichen des kollektiven multidimensionalen Quantenbewusstseins. Der Drang nach liebender Vernetzung werde immer stärker, heißt es.

 

Zu beobachten ist das bereits in den ersten Wochen des Jahres in Berlin, wo um das Kanzleramt ein eiskalter Wind pfeift. Drinnen hat sich die Ampel-Community in liebender Vernetzung aneinander gekauert. Sie glimmt nur noch schwach, die Mitglieder verlassen das Haus meist nachts, um den Müll rauszubringen.

Dialoge aus einem Kinderbuch, die Glatze des Kanzlers ist stumpf

Der elegante Finanzminister trägt eine Baseballkappe über dem fleckigen Hemd. Die einst sorgfältig polierte Glatze des Kanzlers ist stumpf, der Wirtschaftsminister murmelt mit halblauter Stimme die Dialoge eines neuen Kinderbuchs vor sich hin, dass nie erscheinen wird.

Die Suche nach den letzten Reserven aller Vorgänger-Regierungen bleibt ergebnislos. Bis ins sechste Untergeschoss hat man nach verborgenen Geldschränken, Schattenhaushalten oder alten Dienstlimousinen gesucht, um sie auf dem Polenmarkt loszuschlagen. Doch es finden sich nur einige Kostüme und Langlaufskier der damaligen Kanzlerin.

Als die Frühjahrssonne durch die blinden, ungeputzten Fenster des Kanzleramts scheint, steigt die Stimmung wieder. Ein Ministerialbeamter hat auf der Suche nach etwas Essbarem die sagenumwobene Teeküche des damaligen Kanzleramtsministers entdeckt, die als Bernsteinzimmer der Kulinarik gilt.

Der Kühlschrank ist gefüllt mit ruderbootgroßen Focaccias, Steaks, gewaltigen Artischocken, Ravioli ai Funghi Porcini in Vorratsdosen und einem zusammengefalteten Teppich aus Vitello Tonnato. Die Ampel macht sich was warm und kommt wieder zu Kräften. Mehrere Hundert Flaschen Barolo helfen, sich die Umfragewerte schönzutrinken. Das mehrtägige Gelage kann später nur durch den Einsatz der Schuldenbremse gestoppt werden.

Endlich Frühling

Draußen geht das Leben seinen Gang. Nachdem der kalte Winter die Laune der Deutschen auf einen historischen Tiefpunkt gesetzt hat, schimpft man im Frühling über das grelle Licht, die Staubfäden in der Wohnung und den allgemeinen Drang zu hemmungslosem Geschnäbel und Geturtel.

Spannung verspricht wenigstens die Präsidentschaftswahl in Russland – obwohl die meisten Wahlurnen in den Baikalsee gekippt wurden. Es gibt ein enges Rennen zwischen einem untersetzten Mann mit blanken Wangen, seinem kompakten Widersacher mit rosig frischem Teint und einem dritten, klein gewachsenen Außenseiter, dessen Haut seidig schimmert. Wer genau zuhört, kann sie anhand ihrer ausgestoßenen Flüche und der Art, wie sie über Leichen gehen, gut unterscheiden.

Im Kanzleramt quietscht die Schuldenschaukel

Im Kanzleramt vertreibt man sich die Zeit derweil auf der quietschenden Schuldenschaukel. Der Kanzler zeigt sich dabei volksnah, als er zum ersten Mal seit 34 Jahren die Beine baumeln lässt. Die Bilder lassen seine Beliebtheit noch einmal ansteigen. Irgendwie hat man ihn doch gern.

Bei der Oscar-Verleihung im März droht ein neuer deutscher Erfolg. Die Verfilmung des Dreißigjährigen Krieges wird dramaturgisch auf eine Länge von nur sechs Stunden verdichtet. In den Hauptrollen: Matthias Schweighöfer als Winterkönig, Heiner Lauterbach als Gustav Adolf, Simone Thomalla als Mutter Courage und Til Schweiger als explodierende Arkebuse. Als die Oscar-Jury erwacht, herrscht längst Frieden im alten Europa.

Die erste komplett vegane Kuh

Bei der Veggienale in Leipzig wird im April zum ersten Mal eine komplette vegane Kuh gezeigt, die mit einer einfachen Laubsäge portioniert werden kann. Neu ist auch die ultravegane Alternative zur verpönten Hafermilch – bestehend aus Birkensaft und Schwitzwasser von der Allgäuer Bio-Sennerin. Viele Rentner, die sich nur noch durch den Besuch von Agrarmessen ernähren können, werden davon nicht satt. Die Polizei schlägt Hungerrevolten nieder.

Ende Mai wird in ganz Deutschland der Gieß-eine-Blume-Tag gefeiert. Blumen, so erklärt man es den Heranwachsenden, seien jene zarten Gebilde, die sie mit Künstlicher Intelligenz auf ihren Handys erscheinen lassen können. Es gebe sie aber auch in echt. Tatsächlich gießt die Klasse neun der Werkrealschule Berlin-Friedrichshain eine Margerite, die dann aber von einem Lastenradfahrer niedergemäht wird.

Kaum ist der Blumentag abgefeiert, wird der Welterbetag begangen. Die Unesco will dabei den Blick auf irgendwelche Kulturstätten lenken. Allerdings gibt es zugleich massive Demonstrationen von Erben, die sich an ihre Doppelgaragen und Bodensee-Ferienhäuser festkleben. Sie fordern einen vererbbaren Steuerfreibetrag von 100 Prozent. Die Politik zeigt ein unerwartetes Verständnis für die Erbkleber.

An den genauen Ablauf der Fußball-EM im Juni kann sich später niemand mehr erinnern. Die Aufzeichnungen der Spiele sind aus den Archiven verschwunden oder wurden gelöscht. Ob Deutschland überhaupt an dem Turnier teilgenommen habe, wisse man nicht.

Es sei auch irgendwie egal, heißt es. Fußball werde zu wichtig genommen. Man könne auch mal ein Gedicht lesen, aufs Meer hinausschauen oder Backen lernen. Nur ein Ex-Fußballprofi mit fränkischem Akzent tobt in den sozialen Medien herum. Niemand hört ihm zu.

Verfassungsrang für das Führerprinzip

Im September finden Wahlen im Osten Deutschlands statt. Die Triumphe der neuen Regierungsparteien werden mit stundenlangen Fackelumzügen begangen. Das Führerprinzip erhält Verfassungsrang und in den Schulen werden Volksschädlinge und Migranten schon in der ersten Stunde niedergesungen. Das Kanzleramt wirkt desinteressiert. Man habe andere Probleme. Passanten berichten von einem muffigen Geruch in Berlin-Mitte. Offenbar werden die letzten Reste aus dem Kühlschrank aufgewärmt.

Im Herbst findet der Welttag der Lehrerin und des Lehrers statt. Die Suche nach Lehrkräften, die Spaß an ihrem Job haben, muss ergebnislos abgebrochen werden. Man generiert mittels Künstlicher Intelligenz eine sensibel-motivierte, zugleich empathische, aber mit freundlicher Strenge und unendlicher Geduld ausgestattete Lehrkraft, die für alle Schultypen geeignet ist.

Als das Jahr sich langsam dem Ende zuneigt, vertreibt sich die Ampel die langen dunklen Tage mit der Lektüre von Sachbüchern gegen die Krise. Die Verlage haben ihre gesamten Neuerscheinungen ins Kanzleramt geliefert. Es geht um inneres Wachstum, ums Loslassen und die Selbstüberwindung – und um das wahre Ich. Vor allem der Ratgeber mit dem Titel „Morgen ist auch noch ein Tag“ wird zum Leitmotiv der Regierung.

Am Jahresende sind die Kabinettsmitglieder der Ampel mit der Lektüre durch und können endlich loslassen. Es bemerkt aber niemand mehr.

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