Pajé Kochti Kamãnawa, der 94-jähriger Stammesältester der Noke Koî, wird von seinen jungen Verwandten auf seiner Reise nach Deutschland begleitet. Foto: Linden-Museum Stuttgart
Es war ein weiter Weg: Vom hintersten Winkel Brasiliens waren die Noke Koî nach Stuttgart gekommen, um zu erzählen, wie bedroht ihre Heimat im Amazonasgebiet bedroht ist – zum Nachteil der Welt.
SOS Amazonas! Mehr Alarm geht nicht. Beim Kampf um Aufmerksamkeit bedienen sich auch das Naturkundemuseum Stuttgart und die Noke Koî der Mechanismen der klickgetriebenen Moderne: SOS Amazonas also. Unter dieser Überschrift stand der Besuch des 94 Jahre alten Pajé Kochti Kamãnawa und seiner Verwandten Vana Varinawa und Varisina Varinawa im Löwentormuseum in Stuttgart.
Es wird abgeholzt und abgeholzt. Foto: dpa/Fernando Souza
Wer Ohren hat zu hören und Augen zu sehen, weiß das ja alles. Der Regenwald im Amazonas wird abgeholzt und niedergebrannt, damit man Soja anpflanzen kann, das vornehmlich als Tierfutter für Rinder dient – die dann in Europa auf den Tisch kommen. Gerne auch als Burger in den unzähligen Burgerläden, die in dem Maße aus dem Boden sprießen, wie im Amazonas die Bäume fallen.
In Acre leben 30 000 sind Ureinwohner
Doch ist der Amazonas weit weg, man hat genug eigene Sorgen, also stopft man das in einen Hirnwinkel, wo es kaum zwickt und ziept. Doch Bilder und Texte sind das eine, die große, abstrakte Erzählung von der Klimakrise das andere. Wenn da drei Menschen eines Volkes aus Acre in Stuttgart sind und erzählen, was das mit ihnen macht, kommt das ganz nahe. Der brasilianische Bundesstaat liegt im Osten des Landes, grenzt an Bolivien und Peru. Dort leben auf der Hälfte der Fläche Deutschlands 880 000 Menschen, 30 000 sind Ureinwohner, Indigene, so wie die Noke Koî, die wahren Menschen.
Ihre Heimat ist schwer zugänglich, ihre Lebensweise gründet in uralten Traditionen, doch sie sind nicht weltfremd. Sie wissen, ihr Schicksal entscheidet sich auch in Europa und Nordamerika. So laden sie ein zu sich, sie beherbergen Touristen, sie kommunizieren via einer Webseite und Instagram – und sie gehen auf Reisen.
Die Militärdiktatur hat Straßen in den Amazonas gebaut
Mit seinen 94 Jahren nimmt Pajé Kochti Kamãnawa die Strapazen auf sich, um von seiner Heimat zu erzählen. Er ist Stammesältester, Schamane, Häuptling, das Oberhaupt des Stammes. Als er aufwuchs, war Acre isoliert. In diesen hintersten Winkel Brasiliens kamen vereinzelt Glücksritter, um Gummibäume anzuzapfen, aber eine Straße gab es nicht. Das änderte sich während des Zweiten Weltkrieges. Die Briten hatten aus Brasilien Gummibaumsetzlinge nach Malaysia geschafft, von dort kam aber kein Gummi mehr. Also wurde es wieder interessant, in Brasilien das Gummi zu zapfen.
Die Arbeit erledigten die Ureinwohner, von morgens bis abends. „Wir waren Sklaven“, sagt Pajé Kochti Kamãnawa. „Sie töteten und vertrieben uns“, erinnert er sich. Sie waren rechtlos. Die Militärdiktatur baute Straßen in den Amazonas, beutete das Land gnadenlos aus, Goldgräber wühlten das Land um. Erst Ende der 80er Jahre entwickelte sich in Brasilien ein Bewusstsein für das Leben, die Sitten und Bräuche der Ureinwohner. Bis dahin hieß es: Pass dich an oder weiche! Mittlerweile gibt es knapp 800 Reservate, die laut Verfassung „unveräußerlicher Besitz der indigenen Völker“ sind. Und so sagt Pajé Kochti Kamãnawa, „jetzt ist es viel besser als in meiner Jugend“.
Der Amazonas Foto: adobe Stock/Mariusz Prusaczyk
Doch Papier ist geduldig. Der Regenwald schwindet und schwindet. Die Noke Koî zeigen Fotos von ihrer Heimat, links sieht man eine endlose brauen Wüste, gerodet für Soja, rechts steht noch der Regenwald. „Und ohne Regenwald gibt es uns nicht mehr“, sagt er. Ihr ganzes Leben ist verknüpft mit „Gütern des Walde“: Essen, Trinken, Schutz, Baumaterial, Medizin. Ihre Lieder sind verknüpft mit der Natur. Vana Varinawa und Varisina Varinawa tragen zwei vor. Und sagen: „Mit dem Regenwald schwindet auch unsere Identität.“
Der Regenwald brennt. Foto: dpa/Greenpeace Brazil/Victor Moriyama
Vielen anderen Stämmen ist dies bereits widerfahren. Nikolaus Stolle, Kurator für Latein- und Nordamerika am Linden-Museum Stuttgart, war vorbeigekommen, um Historisches zu erzählen. Von Reisenden aus Europa, die vor 150 Jahren in den Regenwald gingen, heimkamen mit Geschenken und Aufzeichnungen. Die sind nun in Brasilien wieder begehrt, denn viele Ureinwohner haben buchstäblich ihre Stimme verloren. „Sind von einem Volk weniger als 500 Sprecher übrig, verschwindet die Sprache.“ Im Linden-Museum haben sie deshalb immer wieder Besuch.
Die Gäste aus dem Amazonas studieren die alten Wörter und Objekte ihrer Völker, um die Kenntnisse, die Sprache zu bewahren und wiederzubeleben. Nächstes Jahr erwartet Stolle wieder eine Delegation aus Brasilien. Es ist eine irre und fast schon zynische Wendung der Geschichte, dass Stuttgart das Gedächtnis von indigenen Stämmen ist.
Trotz aller Hilfe, trotz allen Wissens drohen diese uralten Kulturen weiter zu schrumpfen und zu verschwinden. Kein Wunder, dass es heißt: SOS Amazonas! Und damit auch: SOS Welt!