Andreas, mein bester Kumpel in der Grundschule, wollte Schauspieler werden, weil er Thomas Gottschalk in die „Die Supernasen“ so toll fand. Pierre, der jeden Nachmittag „Captain Future“ glotzte, wollte ins All fliegen. Ich saß 1983 auch den ganzen Tag vor dem Fernseher. Mich interessierten keine Comicfiguren aus dem Weltraum. Ich vergötterte die Helden auf Erden, die Gladiatoren bei der Tour de France. Sah, wie ein junger Mann, blond wie ich, mit Stirnband auf dem Kopf die Berge hochflitzte. „Ich will so werden wie Laurent Fignon“, sagte ich mir und nervte meine Eltern so lange, bis sie mir auch so ein silbernes Rennrad kauften. Mit Schutzblech und Klingel.
Teure Radklamotten wollten sich meine Eltern für mich nicht leisten. Lycra-Handschuhe? Ich stibitzte die Winterhandschuhe meiner Mutter. Stirnband? Dafür musste mein alter Gürtel herhalten. Ich war überzeugt, dass ich die deutsche Antwort auf Fignon sein würde. Der Franzose gewann mit 23 die Tour. Ich strampelte als Zehnjähriger in Esslingen den Zollberg nach Ostfildern hoch, zu meiner Freundin Anja. Das waren exakt vier Höhenmeter.
Heute, fast 40 Jahre später, stehe ich am Start. In Briançon, der Hauptstadt der Südalpen. Ich will das machen, was „Le Professor“ – so wurde Fignon wegen seiner Intellektuellen-Brille genannt – 1983 im Gelben Trikot schaffte. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, wenn man die Königsetappe der Tour de France fährt. Und deswegen haben mein Kumpel Sebastian und ich uns angemeldet. Wir fahren die „L’Étape du Tour“ nach Alpe d’Huez. Vier Tage vor den Profis. 167 Kilometer, 4700 Höhenmeter. „Jeder, der es schafft, auf den gleichen mythischen Anstiegen und unter den gleichen Bedingungen oben anzukommen, ist eine Legende“, sagt Christian Prudhomme, der Tour-Direktor.
17 000 Starter
Sebastian und ich fühlen uns nicht wie Legenden, wir haben die Hosen voll. Erst müssen wir uns über den höchsten Pass der Tour quälen, den 2642 Meter hohen Col du Galibier. Dann geht es über den Col de la Croix de Fer (2067 Meter) und zum Abschluss hinauf nach Alpe d’Huez (1850 Meter). Unter dem Strich sind das 72 Kilometer bergauf. Kein Wunder, dass Prudhommes Vorgänger Jacques Goddet einmal gesagt hat, dass es unabdingbar sei, dass die Tour eine „unmenschliche Seite“ bewahre. Auf dieses unmenschliche Unterfangen hat uns Julbo eingeladen, einer der weltgrößten Brillenkonzerne. Wir fahren alle in einem Team aus Profisportlern, Hobby-Pedaleuren und Journalisten. 17 000 Starter!
Es geht los. Gleich nach 20 Minuten stopfe ich den ersten Riegel in mich rein. „Wenn man in der ersten Stunde dem Körper nichts zufügt, fehlt das einem, und man wird durchgereicht“, hat der Profi John Degenkolb mir mal erklärt. 90 bis 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde soll ich essen und trinken, meinte er. Also zwei Riegel und eine Trinkflasche mit Kohlenhydratzusätzen.
Es ist ausgelassene Stimmung im Feld. Wir genießen die aufgehende Sonne, die uns immer mehr wärmt. Vor allem sind wir von der Umgebung geflasht. Die Region Hautes-Alpes liegt im Südosten Frankreichs, direkt an der italienischen Grenze. Hier stehen neben den Gipfeln der Montblanc-Gruppe die höchsten Berge Frankreichs. Und ich fahre schnurstracks auf den Col du Galibier.
Aksel Lund Svindal, der Ski-Champ und Rennrad-Fan, hat mal gesagt, dass es schwierig ist, wenn man sich für eine Sache motivieren muss, vor der man Angst hat. Ich habe Angst, weil der Schriftsteller Javier García Sánchez schrieb, dass der Galibier einem die „Moral frisst“. Zum Glück merke ich davon noch nichts, meine Beine fühlen sich gut an. Die Einzigen, die mich überholen, sind Hungerhaken unterhalb der 65-Kilo-Grenze. Ich sehe sie nicht als Mitstreiter an, sondern als Jugendliche außer Konkurrenz. Mit meinen 80 Kilo sehe ich im Vergleich zu den Jungs aus wie ein russischer Bär, den man für eine Zirkusnummer auf ein Rad gesetzt hat. „Einer“, sagt Degenkolb, der am Ende in Paris auf dem Podest stehen möchte, muss nicht nur leicht sein und viel Watt treten können, sondern auch mental unfassbar stark sein. Davon gebe es nicht so viele auf der Welt. Na dann, mal sehen.
Den Ersten geht die Puste aus
Bereits nach 588 Höhenmetern, am Col du Lautaret, geht den Ersten die Puste aus. Sie werden den 23 Kilometer langen und im Schnitt 5,1 Grad Steigung schweren Galibier nicht schaffen. Sie fahren rechts ran, legen ihr Rad zur Seite und starren teilnahmslos auf ihre Rennmaschinen. Wem es zu peinlich ist, dass er schon nach so kurzer Zeit aufgeben muss, tippt eifrig auf seinem Handy herum. Dabei muss das keinem peinlich sein. Den Profis geht es ja auch nicht anders. Weil er sich dem Galibier nicht gewachsen sah, soll Gustave Garrigou die Veranstalter mal als „Banditen“ angebrüllt haben. Dass man ihn so einen Berg hochradeln lässt, sei „kein Sport mehr“, echauffierte sich Eugène Christophe. „Das ist Zwangsarbeit!“
Oben am Galibier warte ich auf Sebastian, der unten noch Bilder machte. Als er da ist, ziehen wir unsere Jacken über und donnern 20 Kilometer abwärts zur ersten Verpflegungsstation. Mittsechziger jenseits der 100-Kilo-Grenze schießen an uns vorbei wie Pfeile. Je mehr die Herren auf den Rippen haben, desto rasanter trägt sie die Schwerkraft nach unten. Wir erreichen die erste Futterstation, schütten Nüsse und Rosinen in uns hinein, füllen unsere Taschen mit Riegeln.
Weiter geht es nach Saint Jean-de-Maurienne, wo auf uns der Col de la Croix de Fer wartet. Als wir in den vom Veranstalter rot deklarierten Bereich kommen, sind wir binnen Sekunden genau in diesem. Sofort schießt uns das Laktat in die Haxen. Außerdem fühle ich mich wie ein Hendl im Backofen. Über mir brennt die Sonne, mir schießt der Schweiß aus jeder Pore. Unterhielten sich vorher noch die Cyclisten, herrscht jetzt Ruhe. Das Einzige, was man hört, sind Hightech-Maschinen jenseits der 10 000-Euro-Grenze, die mit ihren elektronischen Schaltungen wie Kätzchen schnurren. Gestört wird das Geräusch nur von Menschen, die auf den Maschinen sitzen und aus dem letzten Loch keuchen. Sebastian schimpft: „Alter, was machen wir hier?“
Ich rase in einem Tempo von sieben Stundenkilometern nach oben. Die Profis fahren fast dreimal so schnell. „Man begreift, dass das, was diese Männer leisten, alles übersteigt, was Normalsterbliche begreifen können. Das erinnert fast an ein theologisches Studium: Man braucht den ersten Grad der Einweihung, um zu verstehen, dass man nichts versteht“, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk, der in seiner Freizeit gerne auf den Mount Ventoux fährt.
Der Soziologe Roland Barthes setzt die Radsport-Helden mit den Kriegern Homers in der „Ilias“ gleich. Für ihn wiederholt sich das Ur-Duell zwischen Hektor und Achilles unter den Fahrern. In der Ebene kämpfen könne jeder. Aber wer am schlimmsten Berg bis zuletzt zweikampffähig bleibe, sei schon darum Hektor oder Achilles.
Ich fühle mich wie einer von denen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir alle 20 Minuten so einen Riegel reinschraube. Ich komme mir dabei vor wie ein Kind, das zum ersten Mal Cola trinken darf. Von Müdigkeit keine Spur, stattdessen bin ich total aufgedreht. Wie eine Nähmaschine trete ich hoch auf den Col de la Croix de Fer.
Kotzende Radfahrer
Ganz viele Teilnehmer müssen aufgeben. Ich hingegen überhole Fahrer um Fahrerin, kurbele einfach an ihnen vorbei. Übertreibe ich es vielleicht? Am Gipfel pfeife ich mir schnell einen Espresso rein. Dann weiter nach Alpe d’Huez! Kaum biege ich links um die Ecke, sehe ich eine kerzengerade Strecke, die mich nicht an eine Straße sondern an eine Skisprungschanze erinnert. Das Stück von „La Ferrière“ ist noch nicht mal rot deklariert!́ Das Thermometer zeigt 34 Grad an.
Ich bin frohen Mutes, auch wenn ich langsam bin. Neben mir geben immer mehr auf. Einige sieht man, die mit allerletzten Kräften plötzlich noch fünf, zehn Meter wie wild nach oben sprinten, dann saft- und kraftlos erst in sich zusammensacken, dann vom Rad absteigen. Und genau dieses Bild soll sich auf den 13,8 Kilometern und 21 Kehren bis nach oben ziehen. Männer und Frauen, die völlig fertig sind und sich mit ihrem Kopf auf dem Lenker abstützen. Das sind diejenigen, die noch ein Fünkchen Resthoffnung haben, weiterfahren zu können. Ich teile sie in die Kategorie I ein. Bei der Kategorie II liegen die Pedaleure nur noch erschöpft neben oder unter ihren Rädern. Sie haben jegliche Hoffnung verloren. Genauso wie die Mitstreiter in der Kategorie III. Sie hängen über Geländern oder ihren Rädern und kotzen ihre isotonischen Getränke, die sie in sich reingeschüttet haben, wieder raus.
Berg der Holländer
Ob Sebastian das schaffen wird? Ich versuche ihn zu erreichen, er geht allerdings nicht ans Telefon. Also trete ich weiter und bin zuversichtlich, dass er wenigstens zur Kategorie IV gehören wird. Das sind die Hobby-Racer, die zwar nicht mehr „racen“, aber noch laufen können. Ich frage mich, was einen mit völlig blauen Beinen noch antreibt, mit dermaßen unbequemen Radschuhen noch acht bis zehn Kilometer einen Berg hochzulaufen.
Ich bin mir sicher: Wenn Sebastian die Kurve sieben meistert, schafft er es auch bis nach oben. Er ist ja Holländer. Und Alpe d’Huez ist der Berg der Holländer, weil in den 70er Jahren Profis wie Joop Zoetemelk oder Hennie Kuiper die Brutalo-Etappe gewannen. Die Experten rätseln bis heute, warum ausgerechnet eine Nation dort so erfolgreich ist, deren Land nur knapp über dem Meeresspiegel liegt, ein Viertel sogar darunter.
Was ich später erfahren werde: Sebastian hat Kurve sieben nie zu Gesicht bekommen. Er verließ die Strecke in einem Krankenwagen. Eine Mischung aus Erschöpfung und Hitzeschlag. Am Abend erkläre ich ihm, dass so etwas selbst den Besten passiert. Charly Gaul, der Bergfahrer, musste auf dem Mont Ventoux auch mal mit dem Krankenwagen runtergebracht werden, Eddy Merckx wurde sogar ohnmächtig, benötigte ein Sauerstoffzelt. So ein Hitzeschlag ist wirklich nicht schlimm, sage ich ihm. Schade nur, dass wir das Foto nicht machen können. Ich wollte mit ihm Hand in Hand ins Ziel fahren. So wie Bernard Hinault und Greg Lemond 1985.
Ich habe keine andere Wahl. Mich zieht es weiter nach oben. Auch wenn sich solche Vergleiche verbieten, es sieht so aus, als würde ich auf einem Schlachtfeld fahren. Überall kauern Menschen. Nach dem Rennen kommt die Nachricht, dass von den 17 000, die gestartet sind, nur 9000 im Ziel ankamen.
Karl-Heinrich Bette, Professor für Sportwissenschaft an der TU Darmstadt, nennt das, was wir da so machen, „die Ökonomie der Verausgabung“ und „die Inkarnationen freiwilligen Leidens“. Trotzdem ist für viele aufgeben keine Option. Oder wie es die gelben Streckenschilder verkünden: „Pain is temporary, glory is forever“ – Schmerz ist vergänglich, Ruhm bleibt für immer.
Noch ein Kilometer bis zum Ziel. Ich trete noch mal in die Pedale, hole alles aus mir heraus und denke an den Rennfahrer Jean de Gribaldy. Er sagt: „Radfahren ist kein Spiel, Radfahren ist ein Sport. Hart, unnachgiebig, unerbittlich. Man muss auf vieles verzichten. Man spielt Fußball oder Tennis oder Hockey. Aber man spielt nicht Radfahren.“
Noch 500 Meter
Noch 500 Meter. Weil Rennen von jenen gewonnen werden, die am meisten leiden können, gehe ich voll aus dem Sattel. Vor mir tauchen Hunderte Zuschauer auf, feuern mich und alle anderen an. Meine Beine flehen an, endlich mit dem Mist hier aufzuhören. Meine Lunge schreit: „Ich explodiere gleich.“ Zwei Tage später fange ich an zu husten. „Belastungshusten“, erklären mir die Mediziner in Stuttgart.
Egal, ich bin im Ziel, habe das Biest Alpe d’Huez besiegt. Ich fühle mich wie eine echte Legende. Zumindest wie eine kleine. Dass ich das schaffen würde, hätte ich am Fuße des Passes wirklich nicht für möglich gehalten. Immer und immer wieder plapperte ich jedoch den guten alten Hinault-Spruch „Solange ich atme, werde ich angreifen“ vor mich hin. Genauso dachte ich an Andreas und Pierre, meine schwäbischen Schulkameraden. Die muss ich diese Woche anrufen. Zum einen will ich wissen, ob sie nun Schauspieler und Astronaut geworden sind. Zum anderen muss ich ihnen von meiner Heldengeschichte bei der Tour erzählen. Und dass ich mich wie ein echter Radprofi fühle.