Ein Hongkong-Tweet und die Folgen Verliert NBA-Manager Morey wegen China seinen Job?

Von Tim Wohlbold 

Daryl Morey gehört zu den besten Managern der Basketball-Profiliga NBA. Nun könnte ihm die Unterstützung der Hongkong-Proteste zum Verhängnis werden – ist der NBA die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China wichtiger als die freie Meinungsäußerung der eigenen Landsleute?

Daryl Morey und seine Tochter Karen bei einem NBA-Promo-Event. Foto: AFP/JOE SCARNICI
Daryl Morey und seine Tochter Karen bei einem NBA-Promo-Event. Foto: AFP/JOE SCARNICI

Stuttgart - Politische Äußerungen von Sportlern und Sportfunktionären sind regelmäßig ein heikles Thema. Olympische Spiele in autoritären Staaten, Weltmeisterschaften in Ländern, wo das Wort Menschenrechte nicht mehr als eine leere Worthülse ist – seit Jahren Normalität in der Sportwelt. Wer sich öffentlich äußert, riskiert empfindliche Strafen oder könnte gar ganz vom jeweiligen Sportevent ausgeschlossen werden. Daher machen die meisten Sportler das, was die Herren der Ringe und ihresgleichen erwarten: den Mund halten.

„Kämpft für Freiheit“

Was passieren kann, wenn man das nicht tut, musste nun Daryl Morey, gefeierter General Manager der Houston Rockets, in der NBA machen. Auf der Asienreise seiner Rockets, die in der Saisonvorbereitung am Dienstag in Japan auf den amtierenden NBA-Meister aus Toronto treffen, twitterte Morey über die seit Monaten andauerenden Proteste in Hongkong und veröffentlichte ein Bild mit der Aussage: „Kämpft für Freiheit. Ich stehe an der Seite von Hongkong.“

An sich nichts ungewöhnliches. Immer wieder spricht Morey über seine links-liberale politische Einstellung und scheut auch den Disput mit den eher Trump-freundlichen texanischen Sportfans nicht. In diesem Fall aber, löschte er seinen Tweet nur wenige Minuten nach der Veröffentlichung. Der Grund: die Houston Rockets (wie mittlerweile die meisten NBA-Teams) haben enge wirtschaftliche Verbindungen ins Reich der Mitte und so stellte Rockets-Besitzer und Self-made-Millionär Tilman Fertitta ebenfalls über Twitter klar: „Hört zu...Daryl Morey spricht NICHT im Namen der Houston Rockets. Unsere Anwesenheit in Tokio hat ausschließlich mit der Promotion der NBA zu tun. Wir sind KEINE politische Organisation.“

Zwar war Fertitta gegenüber ESPN bemüht, schnell Feuer aus der Sache zu nehmen („Ich habe den besten General Manager der NBA.“). Da aber das kommunistische Regime in Peking und der chinesische Basketballverband in einer offiziellen Stellungnahme eine weitere Zusammenarbeit mit dem NBA-Club ausschließen, steht einer der besten Manager der Liga offenbar vor dem Aus. Zu wichtig scheinen die wirtschaftlichen Interessen des Clubs in China. Zu gravierend sind die Einbußen, die durch den (von der Regierung erzwungenen?) Rückzug mehrerer chinesischer Sponsoren entstehen. Auch die Streaming-Plattform, die in China die NBA-Rechte besitzt, kündigte an, zukünftig keine Rockets-Übertragungen mehr im Programm zu haben. Für die in China bis dato überaus beliebten Rockets ein schwerer Schlag.

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Morey ruderte mittlerweile auf Twitter zurück, ohne sich vom Inhalt seines Hongkong-Tweets zu distanzieren. Er bedauere, wenn sich chinesische Fans oder Geschäftsleute von seinen Tweets beleidigt gefühlt hätten. Aus dem Umfeld des 47-Jährigen ist zu vernehmen, dass ihn die Wucht der Kritik aus China völlig überrascht habe.

Und die NBA? Sie steckt in der Zwickmühle. Einerseits setzt die Liga auf mündige Spieler und Trainer wie LeBron James, Steph Curry und Steve Kerr, die immer wieder öffentlich über soziale und politische Missstände sprechen – andererseits ist China außerhalb der USA der mit Abstand wichtigste Markt für die Basketball-Liga. Rund 500 Millionen Chinesen schalten die NBA laut Liga-Angaben regelmäßig ein. Einen öffentlichen Disput mit dem Regime will im NBA-Hauptquartier niemand.

NBA in der Zwickmühle

Entsprechend weich klang der Kommunikations-Chef der NBA, Mike Bass, in seinem Statement: Es sei „bedauerlich, dass sich viele chinesischen NBA-Fans und -Freunde von den Morey-Aussagen angegriffen fühlen. (...) Wir haben großen Respekt vor der chinesischen Geschichte und Kultur und hoffen, dass die NBA als einigende Kraft helfen kann, kulturelle Differenzen zu überbrücken.“ Auf der chinesischen Plattform der Liga, schreibt sie gar von „unangebrachten Aussagen Moreys“ – das wiederum ruft nun Unmut in den USA hervor. Schließlich gelte für US-Bürger die Meinungsfreiheit.

Morey droht laut Angaben der gut informierten US-Plattform „The Ringer“ nun wohl Ungemach von anderer Seite: Diverse Anteilseigner der Rockets forcieren trotz gegenteiliger Behauptungen von Rockets-Besitzer Tilman Fertitta seine Ablösung. Das wiederum könnte zu einem Disput mit Superstar James Harden führen, der ein selbsterklärter Fan von Morey ist.

Harden versucht die Wogen zu glätten

Und doch tat der 30-Jährige im japanischen TV das, was sein Arbeitgeber (die NBA) von ihm erwartete – die Wogen glätten: „Es tut uns Leid. Wir lieben China. Wir lieben es, hier zu spielen“, sagte Harden, während er neben Teamkollege Russell Westbrook stand. „Wir beide sind mindestens ein, zweimal im Jahr dort. Die Leute zeigen uns ihre Unterstützung und Liebe, die uns sehr wichtig ist.“

Fest steht bis jetzt also nur: Gewinner hat diese Angelegenheit keine. Und sollten sich die Houston Rockets oder die NBA trauen, Morey aus seinem Job zu drängen, dürfte der nächste Shitstorm garantiert sein – wenn in diesem Fall wohl nicht mehr von chinesischer Seite.