Ein Jahr Flüchtlingskrise – Perspektive des Asylpfarrers Die einzelnen Schicksale im Blick

Joachim Schlecht ist in seinem  ersten Jahr als Asylpfarrer sehr gefordert gewesen und nimmt harte Schicksale auch mal mit nach Hause. Foto: Lichtgut/Kovalenko
Joachim Schlecht ist in seinem ersten Jahr als Asylpfarrer sehr gefordert gewesen und nimmt harte Schicksale auch mal mit nach Hause. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Mit Beginn der Flüchtlingskrise hat auch der Stuttgarter Asylpfarrer Joachim Schlecht sein Amt begonnen. Mehr als 500 Flüchtlinge, schätzt er, haben in dem Jahr bei ihm persönlich um Hilfe gebeten. Ihre Lebensgeschichten sind teils brutal.

Lokales: Viola Volland (vv)
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Stuttgart - Am 5. September 2015 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel entschieden, die deutsche Grenze für die Flüchtlinge zu öffnen, die in Ungarn festsaßen. Sie durften nach Deutschland kommen. Als Joachim Schlecht davon erfuhr, hat er es zuerst gar nicht glauben können. Aber dann habe er sich gefreut über diese „humanitäre Entscheidung“, erinnert sich der 54-Jährige.

Er war damals gerade dabei, in sein neues Büro zu ziehen. Am 14. September 2015 sollte er sein neues Amt als Stuttgarter Asylpfarrer offiziell antreten, doch seit Anfang des Monats war er schon vor Ort, um die Räume einzurichten und sich einzuarbeiten. Dass er indirekt durch Merkels Entscheidung selbst betroffen sein würde, daran dachte er damals nicht. Für ihn sei klar gewesen, dass Deutschland mehr Verantwortung in der Flüchtlingsfrage übernehmen müsse, meint Schlecht nun, fast ein Jahr später.

Großer Respekt vor Leistung der Ehrenamtlichen

Die zurückliegenden Monate sind anstrengend für ihn gewesen. Als er sich im Winter 2014 für die Nachfolge von Werner Baumgarten, dem langjährigen Stuttgarter Asylpfarrer, beworben hatte, war noch nicht abzusehen, dass so viele Flüchtlinge nach Stuttgart kommen würden. Gerade fällt zudem eine wichtige Mitarbeiterin aus, da ist der 54-jährige ehemalige Krankenhausseelsorger noch mehr gefordert. Doch Schlecht mag nicht jammern. „Im Vergleich zu den Flüchtlingen geht es mir gut – hier leben zu dürfen, mit Pass, festem Einkommen und Wohnung“, sagt er.

Großen Respekt hat er vor dem Einsatz der Ehrenamtlichen. Bei manchen beobachtet er aber inzwischen auch Frustration: Sie bemühten sich für einen Flüchtling, vermitteln sogar einen Ausbildungsvertrag und dann platze alles, weil der Bescheid kommt, dass der Flüchtling nicht anerkannt wird. Und dann bangen sie: „Wird er noch anfangen können zu arbeiten oder vorher abgeschoben?“ Wird der ganze Kampf umsonst sein oder nicht?

Zu Joachim Schlecht selbst kommen vor allem die Menschen mit unsicherem Bleiberechtsstatus, die schon sehr viel probiert haben – und nun ihn, den Pfarrer, als letzten Strohhalm sehen, nach dem sie greifen. Sie denken, er werde es schon richten können, denn in vielen der Heimatländer haben Geistliche großen Einfluss. Dass das hier anders ist, sei dann für manche schwer zu begreifen. Wie viele Flüchtlinge es genau sind, die bei ihm in dem Jahr Hilfe gesucht haben? 500 werden es gewesen sein, vielleicht auch mehr, überschlägt Schlecht. Darum geht es ihm aber nicht. „Das sind einzelne Menschenschicksale, nicht Zahlen.“ Diese Perspektive ist ihm wichtig.

Er berichtet auch über die Option der freiwilligen Ausreise

Er erzählt von einem Schwarzafrikaner, der im Februar im Flur des Asylpfarramts warten musste und auf dem Sofa eingeschlafen ist. Als er zu ihm kam und ihn weckte, sei der Mann panisch aufgesprungen. „Er hat einen riesigen Satz gemacht, zwei, drei Meter, wie eine Katze, er dachte, das wäre die Polizei.“ Diese Angst stecke in vielen Flüchtlingen tief drin, obwohl sie doch eigentlich hier in Sicherheit seien. Nicht verstehen kann Schlecht, dass Menschen aus Gambia so schlechte Chancen auf Asyl haben. Der Arbeitskreis Asyl hat der politischen Situation in Gambia einen Themenabend gewidmet. „Wir hoffen, dass sich die offizielle Einschätzung ändert“, sagt der gebürtige Herrenberger.

An diesem Morgen haben drei Menschen Joachim Schlecht um seine Hilfe gebeten: ein 20-Jähriger aus Mazedonien, ein Afghane und eine Syrerin. Der 20-Jährige ist mit 17 nach Deutschland gekommen, hat hier seinen Hauptschulabschluss gemacht, eine Lehrstelle als Koch gefunden und könnte nun im September anfangen. Doch Ende Juli kam der Bescheid, dass die Familie nicht anerkannt wird. Joachim Schlecht findet es schwer, die freiwillige Ausreise zu empfehlen, klärte den Mann aber auf: Wird er abgeschoben, dürfe er 30 Monate nicht mehr einreisen, reist er freiwillig aus, zehn Monate. Er hat dem Mazedonier auch einen Rechtsanwalt vermittelt, „aber ich bin skeptisch“.

Syrerin will zurück – zwei ihrer sieben Kinder sind auf sich gestellt

Besonders mitgenommen hat ihn die Geschichte der Syrerin: Die 35-Jährige hat sieben Kinder, der Mann ist in Syrien gestorben. Fünf Kinder habe sie nach Deutschland mitnehmen können, zwei im Alter von sechs und acht Jahren habe sie bei ihrem Bruder in einem Flüchtlingslager in der Türkei gelassen. Der Bruder sei Arzt und habe sich bereit erklärt, sich um die beiden zu kümmern. Doch nun hat sich die Lage geändert: der Bruder darf nach Kanada ausreisen, aber nur mit der eigenen Kernfamilie, nicht mit den Kindern der Schwester. „Sie müssen alleine dort bleiben“, berichtet Schlecht. Die Frau sei am Boden zerstört. „Sie will zurückgehen, weil sie die Situation nicht aushält“, sagt er. Über ihren eigenen Asylantrag ist noch nicht entschieden worden, deshalb kann sie auch keinen Antrag auf Familienzusammenführung stellen. Es gebe aber auch niemanden, der diese auf Seiten der Türkei organisieren könnte und die Kinder zur Botschaft brächte. „Solche Geschichten – das ist brutal“, meint Schlecht. Das sind Schicksale, die der Vater eines erwachsenen Sohnes auch mit nach Hause nimmt.




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