Stuttgart - Sechs Punkte betrug der Vorsprung des Zweitliga-Tabellenführers Arminia Bielefeld, als der Primus am 9. März 2020, einem Montagabend, beim Zweiten VfB Stuttgart vorspielte, dem wiederum der Hamburger SV als Dritter dicht im Nacken saß. Die sportliche Brisanz war also hoch vor einem Jahr. Das Coronavirus setzte sich derweil lautlos im Alltag der Fußballfans fest, was sich allein daran zeigte, dass es am 9. März 2020 im Umgang mit der Pandemie lediglich politische Empfehlungen, aber noch keine rechtlich bindenden Verordnungen gab.
Also fand die Partie VfB gegen Bielefeld, das Spitzenspiel des 25. Spieltages der Zweitligasaison 2019/20, wie geplant statt. Selbst wenn das Gefühl ein mulmiges war. „Die entscheidende Frage, die sich uns gestellt hat, war: Was ist das Beste für die öffentliche Sicherheit?“, sagte Sven Matis, Sprecher der Stadt Stuttgart unter dem damaligen OB Fritz Kuhn. „Es wären bei einer kurzfristigen Absage wohl Tausende Menschen auf engstem Raum vor dem Stadion zusammengestanden.“
Alles drin, kompakt aufbereitet, kostengünstig: Unser MeinVfB+ Abo
Und so sahen letztlich 54 302 Zuschauer in der voll besetzten Mercedes-Benz-Arena ein 1:1, in dem Bielefelds Cebio Soukou die Stuttgarter Führung von Mario Gomez ausglich. Während der Torero Gomez seine Karriere längst beendet hat, besitzt die Partie aber weiterhin ihr Alleinstellungsmerkmal: Denn der VfB gegen die Arminia aus Bielefeld vom 9. März 2020, das ist bis heute die letzte nationale Partie im deutschen Profifußball, die vor vollen Rängen über die Bühne ging.
Fangesänge gibt’s nur in der Kabine
„Es ist traurig. Im Moment helfen uns nur Fangesänge, die Orel (Mangala, Anm. d. Red.) und ich ab und zu in der Kabine laufen lassen“, sagte der VfB-Torhüter Gregor Kobel unlängst im Interview mit unserer Zeitung. Ein kleines Hallo mit den Fans hat es in der Zwischenzeit immerhin gegeben: Dies war in den ersten beiden Heimspielen der laufenden Saison gegen den SC Freiburg und Bayer Leverkusen, als ein Teilkontingent von bis zu 12 000 Fans zugelassen waren. Dass dieses Marke aber nicht erfüllt wurde, ehe die Pandemie wieder für Geisterspiel-Atmosphäre sorgte, belegt die Irritationen unter den Fans.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Warum Sasa Kalajdzic ein Glücksfall für die Bundesliga ist
Denn auch die Liebe zum Fußball durchlebte zunächst ganz harte Zeiten. Als die erste und zweite Bundesliga nach dem Lockdown Mitte Mai 2020 für die restlichen neun Partien der alten Saison wieder angepfiffen wurde, da war die Verunsicherung noch ziemlich groß. So sahen etwa die ARD-Sportschau am Samstag in jener Zeit nur knapp 3,5 Millionen Fußballfreunde – das war ein Minus von in der Spitze bis zu 30 Prozent. Inzwischen sind die alten Quoten wieder erreicht. Oder sie werden aufgrund des Zweikampfes an der Tabellenspitze zwischen dem FC Bayern München und RB Leipzig sogar noch übertroffen.
Deniz Aytekin muss sich umstellen
„Das hat mit Fußball nichts zu tun. Ohne Fans ist es nicht mal die Hälfte wert“, urteilte derweil Schiedsrichter Deniz Aytekin, als er zwei Tage nach dem VfB-Spiel mit der Nachholpartie Gladbach gegen Köln das erste Geisterspiel im deutschen Fußball gepfiffen hatte. Inzwischen sind die Spiele vor leeren Rängen im Big Business Bundesliga als notwendiges Übel akzeptiert, auch bei Aytekin. Doch die Clubs kämpfen finanziell ums Überleben.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der VfB und der Fluch der vielen Tore
Dabei trifft es eine Branche, die zuvor von einem Umsatzrekord zum nächsten gejagt war. Nach 15 Bestmarken in Folge mit vier Milliarden Euro Umsatz pro Spielzeit in der Spitze für die erste Liga müssen die 36 Clubs der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nun wesentlich kleinere Brötchen backen. Es fehlen die Zuschauer, was die Abhängigkeit der Vereine von den TV-Medienhäusern noch größer macht.
„Die Vorsaison war bestenfalls ein laues Lüftchen, jetzt kommt der Sturm“, sagt der DFL-Präsident Christian Seifert zu den sich abzeichnenden Finanzlöchern. Im schlimmsten Fall rechnet der deutsche Fußball bis zum 30. Juni mit einem Einnahmenausfall von einer Milliarde Euro.
In unserer Bildergalerie: Ein Jahr Geisterspiele – Erinnerungen an die letzte VfB-Partie vor vollem Haus gegen Arminia Bielefeld am 9. März 2020. Viel Spaß beim Durchklicken!