Ein Jahr Metoo-Debatte Metoo lässt sich nicht klein reden
Der Kampf gegen Sexismus hat global vieles bewirkt. Doch nun muss er sich ändern.
Der Kampf gegen Sexismus hat global vieles bewirkt. Doch nun muss er sich ändern.
Stuttgart - Ein Jahr ist es her, seit die Schauspielerin Alyssa Milano mit dem Hashtag #Metoo bei Twitter eine weltweite Debatte über sexuelle Gewalt angestoßen hat. Tausende sind ihrem Aufruf gefolgt, Hunderte Fälle von sexueller Belästigung enthüllt worden. Metoo ist nicht wie andere Skandale schnell wieder vergessen worden – im Gegenteil. Eine längst überfällige Diskussion über Machtmissbrauch und Gleichberechtigung hält in vielen Ländern immer noch an.
Metoo ist keine elitäre Bewegung. Vielmehr nutzen Frauen den Hashtag überall in der Welt, ob im arabischen Raum, in Mexiko oder in abgewandelter Form in China. In Folge der Enthüllungen ist an Küchentischen ebenso über Sexismus diskutiert worden wie im Bundestag. In einigen Ländern sind Gesetze verschärft oder verabschiedet worden, die sexuelle Belästigung unter Strafe stellen, wie in Frankreich.
Die Debatte hat weltweit ins Bewusstsein gerückt, wie alltäglich Sexismus ist. Kritik ist dabei auch an männerdominierten Führungsstrukturen geübt worden, die Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt begünstigen. Zurecht wurde die Frage danach gestellt, wie stark überkommene Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit unsere Kultur prägen und wie tief die Geringschätzung des Weiblichen auch im 21. Jahrhundert noch verankert ist. Jene Vorstellung von der Frau als Objekt, der man – wie US-Präsident Donald Trump bereits im Wahlkampf prahlte – jederzeit zwischen die Beine greifen könne.
Der Prozess der Bewusstseinsbildung, den Metoo angestoßen hat, lässt sich nicht klein reden. Die Debatte mag manchem als zu radikal oder pauschal erscheinen, da sie vieles zugleich anprangert: den blöden Herrenwitz und die Vergewaltigung. Doch die vollkommen unterschiedlichen Fälle zeigen nur, wie breit das Spektrum der Belästigung von Frauen immer noch ist. Es war auch nicht die Aufgabe der Metoo-Aktivistinnen, vorzusortieren und nur jene Fälle öffentlich zu machen, die im allgemeinen Konsens als krasse Vergehen gelten – und die anderen weiter zu verschweigen. Es ging darum, auf gravierende strukturelle Probleme aufmerksam zu machen.
Genau diese Probleme sollten spätestens jetzt, ein Jahr nach Beginn der Metoo-Debatte, im Mittelpunkt stehen. Je hysterischer die Debatte gerät, desto weniger ernst wird sie genommen. Desto eher wird daraus eine Schlammschlacht, bei der es um Skandalprozesse geht. Es muss selbstverständlich bleiben, dass niemand vorverurteilt wird. Nur ein Gericht darf über Schuld oder Unschuld entscheiden.
Viele der bei Metoo geschilderten Fälle liegen nun 20 Jahre zurück, die Arbeitswelt ist schon seit Beginn dieses Jahrhunderts im Begriff, sich gravierend zu verändern, Hierarchien werden abgebaut, männliche Alphatiere seltener. Frauen sollten nun die Opferrolle hinter sich lassen und hineinfinden in eine selbstbewusste Weiblichkeit, eine solidarische Gemeinschaft, die eigene Standpunkte vehement vertritt und weibliche Sichtweisen auch kulturell etabliert. Frauen müssen sich aufkeimenden regressiven Bewegungen, wie den Maskulinisten in den USA, entschieden, geschlossen und gleichzeitig besonnen entgegen stellen.
Wirkungsvoll sind neue Gesetze oder Vereinbarungen nicht da, wo sie die Interaktion zwischen den Geschlechtern reglementieren, sondern dort, wo sie strukturelle Veränderungen herbeiführen – also an jenen Strukturen arbeiten, die sexuelle Belästigung begünstigt haben. Wenn die Debatte eines gezeigt hat, dann, dass die Gleichstellungsfrage zum Fundament unserer Gesellschaft gehört. Initiativen wie die Aktion „50/50 by 2020“ im Filmgeschäft führen in die richtige Richtung. Dabei wollen Filmschaffende sicherstellen, dass die Hälfte ihrer Führungskräfte bis 2020 weiblich ist – so wie eben auch die Hälfte der Kinozuschauer Frauen sind.