Ein Jahr nach der Flut im Ahrtal Auf der Suche nach der verlorenen Heimat

Das Wort Wiederaufbau hat für die Biologin Ragna Neumann-Franz mittlerweile einen bedrohlichen Beiklang. Sie sagt: „Wir müssen es besser machen.“ Foto: StZ/Hilke Lorenz

Eine Biologin, ein Feuerwehrmann, ein BKA-Mann und ein Pfarrer: Vier Menschen sprechen über ihre Verluste in der Flutnacht und haben eine gemeinsame, dringende Forderung. 

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Auf dem schwarzen Hoodie, den Ragna Neumann-Franz trägt, steht in weißen Lettern „Schlammpe“. Mit zwei M. Schlamm gab es hier schließlich im Übermaß. In der Normalität ist das Leben der von der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal Betroffenen zwar noch nicht angekommen, aber selbstironisch über sich lachen zu können, das hilft ja manchmal. Wie soll man auch sonst durchhalten?

 

Ragna Neumann-Franz steht auf der Straße vor ihrem Haus. Die Stuckateure sind gerade dabei, es neu zu verputzen. Endlich. Hier wohnt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern, sechs und drei Jahre alt. Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 hat die Familie im ersten Stock ihres gerade neu gebauten Hauses verbracht. Um drei Uhr nachts kam die Nachricht, dass das Wasser nun nicht mehr weiter steigen würde. Die Angst war trotzdem da. Sie hatten nicht nur Extremhochwasser, sondern auch Sturmflut. Das Wasser schoss mit Höchstgeschwindigkeit durch die Wohnstraße. Eigentlich fließt die Ahr in 300 Meter Entfernung.

Damit das Ahrtal wieder blüht

Inzwischen steht im Vorgarten der Neumanns in in Bad Neuenahr-Ahrweiler ein riesiges Bienenhotel und ein zweckentfremdeter Süßigkeiten-Automat. Wenn man ein 50-Cent-Stück einwirft, spuckt er eine Kapsel mit Samen für eine Bienenwiese aus. Mit heimischem Mix, „weil heimische Insekten heimische Pflanzen brauchen“. Die 40-Jährige ist promovierte Biologin und hat mit Unterstützung der Bienenhelfer die Initiative „Lass es leben – mit uns blüht und lebt das Ahrtal wieder“ gegründet. „Die Mensch haben Sehnsucht nach etwas Heilem“, sagt sie. Erst wollte sie nur sich selbst helfen, dann willigte sie ein, Verteilstelle zu sein. Schließlich hat sie selbst Nistkästen und Bienenhotels gebaut. Im April hat sie mit Spendengeldern eine Pflanzaktion gestartet. 31 Hochbeete stehen jetzt in der Stadt verteilt. Denn ohne Pflanzen keine Bienen und Insekten – und keine Vögel.

Nach der Flutnacht war es plötzlich sehr still. Kein Vogelgezwitscher mehr. Neumann-Franz’ Ziel: Das Ökosystem soll genesen, auch wenn die Samenkapseln nur ein kleiner Beitrag dazu sind. „Wenn wir es neu machen, müssen wir es besser machen. Hand in Hand mit der Natur.“ Lediglich 34 Häuser dürfen im Ahrtal nicht wieder aufgebaut werden. Aber das Wort Wiederaufbau hat für Neumann-Franz mittlerweile einen verstörenden Beiklang. „Haben wir den Knall nicht gehört?“, fragt sie.

Mehr als 180 Menschen sind in der Katastrophennacht ums Leben gekommen. 134 Menschen allein im Ahrtal. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt noch immer gegen den ehemaligen Landrat Jürgen Pföhler wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung. Er hatte nicht rechtzeitig Katastrophenalarm ausgelöst.

Fluthilfe aus dem Land

Tina Siber (43) ist heute bei Ragna Neumann-Franz vorbeigekommen. Siber lebt eigentlich in Steinheim an der Murr und hat die Initiative „Fluthilfe aus’m Ländle“ gegründet. Am ersten Wochenende nach der Flut war sie mit einem Tross Helfern da und hat gefragt, wo sie helfen könne. Sie stammt selbst aus Sinzig. Das Twin, das Bad Neuenahrer Schwimmbad, in dem sie als Jugendliche trainiert hat, wird abgerissen. Ebenso die Ahr-Thermen, wo sie ihre Ausbildung absolviert hat. Ihre Schule in Sinzig stand unter Wasser. Tina Siber weiß also, wie es sich anfühlt, wenn ein Stück Heimat verschwindet.

Da konnte sie gar nicht anders als hinzufahren und zu helfen. Seit einem Jahr unterstützt sie mit mal mehr, mal weniger Helfern einzelne Menschen im Ahrtal. Ihr Mann wird im Sommer mit einem Kreidler-Moped MP  2 an einem Charity-Rennen teilnehmen. Der Erlös soll an Ragna Neumann-Franz gehen. Vielleicht kann die damit ja ein paar Bäume pflanzen im kahlen Ahrtal. Das wollte sie heute mal fragen. Wichtig sei, sagt Siber, was die Betroffenen wollen. 80 Ahrtalbewohner haben sie in den vergangenen Monaten unterstützt. Mit Arbeitskraft, Material, Geld und Kontakten.

Hoffen auf Vernunft beim Wiederaufbau

Ein Teil des Geldes für ihr Engagement stammt aus dem Verkaufserlös des Buches, das Ragna Neumann-Franz’ Mann Andy geschrieben hat. Während sie im unmittelbaren Umfeld etwas bewegen will, wird er als Stimme von der Politik gehört. „Es war doch nur Regen!? Protokoll einer Katastrophe“ heißt sein Buch, das zum „Spiegel“-Bestseller wurde. Ein zweites, die Denkschrift „Vergiss mal nicht!“, ist gerade erschienen. Da Neumann beim Bundeskriminalamt mit Katastropheneinsätzen bei Terrorangriffen zu tun hat, ist er Betroffener und Katastrophenmanager in einer Person. Ein Mann mit Doppelexpertise. Sein Urteil über die Koordination im Katastrophenschutz ist vernichtend.

Er ist gerade im Homeoffice. In seiner Mittagspause steht auch er im Garten und findet die gleichen deutlichen Worte, wie er sie drei Tage später in einer Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestags zur Zukunft des Zivilschutzes als Experte sagen wird. Er mahnt bundeseinheitlich geordnete Hilfsstrukturen im Katastrophenschutz an – und setzt auf vernünftige Entscheidungen beim Aufbau der Brücken und dem Straßenverlauf vor Ort.

Heimweh hat eine neue Bedeutung

Da klingt der Spruch auf dem großen Transparent an einem Bad Neuenahrer Bauzaun wie Versprechen und Mutmachspruch in einem: „Unsere Stadt wird #wiederbunt“. Der Wunsch nach Normalität ist überall mit Händen zu greifen. Den Jahrestag mit den offiziellen Gedenkveranstaltungen und Politikerbesuchen haben die Überlebenden noch vor sich. Nicht alle wollen den 14. Juli vor Ort verbringen. Die immer wieder gezeigten Bilder von der Katastrophe ertragen viele nicht mehr. Hinter allen liegen jetzt fast 365 Tage des Schuftens, des Schlammschippens, des Antragstellens und Wartens, der Suche nach Handwerkern. Das sind viele Tage des immer wieder um Fassung Ringens. Das Wort Heimweh hat im Ahrtal eine neue Bedeutung bekommen. Es ist der Schmerz darüber, wie schnell ein Leben verloren sein kann. Und die Sehnsucht nach einer heilen Heimat.

Wie verletzlich Leben sein können, hat Pierre Sebastian (36) erlebt. Der Schreiner und Feuerwehrkommandant arbeitet und lebt in Dernau. Die Häuser in dem Weindorf wurden zu 90 Prozent von der Flut beschädigt oder ganz zerstört. Sebastian hat seinen Onkel, seine Tante und seinen Cousin verloren. Er selbst hat sie identifiziert. Begriffen habe er das Ausmaß der Tragödie erst, als er vor den Leichensäcken stand, hat er Ende August bei der ersten Begegnung erzählt. Er habe lernen müssen, dass seine Kraft nicht reicht, um alles in Ordnung zu bringen. Auch wenn er vier Wochen durcharbeiten würde.

Der Bundespräsident kommt

Sebastian ist einer, der anpackt, der mit 40 Feuerwehrmännern und -frauen auch das Gerätehaus in Dernau wieder auf Vordermann gebracht hat. Die Schreinerei an der Bundesstraße 267 arbeitet wieder auf Hochtouren. 25 000 Arbeitsstunden haben das Team und die Helfer geleistet. Alle Maschinen sind neu. Die Heizung haben sie von Gas auf Holz umgestellt. Am Jahrestag wird der Bundespräsident auf seiner Tour durchs Ahrtal bei Pierre Sebastian Station machen.

Was wird er ihm erzählen? Dass er sich selbst professionelle Hilfe geholt hat, um aus dem Hamsterrad seiner Gedanken rauszukommen? Oder dass es noch immer keine geregelte Zusammenarbeit zwischen den Feuerwehren gibt – und keine richtige Ausrüstung. Sein Erzählfluss ist rekordverdächtig schnell. Er arbeitet nicht weniger, aber er hat jetzt seine Strategie, wenn die Angst wieder da ist und er das Gefühl hat, er stehe wieder im Wasser. Dann stellt er sich breitbeinig hin, um sich und seinem Körper zu sagen, dass er heute auf festem Grund steht.

Fenster bitte nicht putzen!

Auf den Fensterrahmen, auf denen weit oben immer noch der Dreckstreifen des Wassers zu sehen ist, hat jemand mit schwarzen Edding geschrieben: „Das obere Fenster nicht putzen!“ So viel Erinnerung darf und muss sein. Flutbilder kann Pierre Sebastian sich auf seinem iPad nur mittags anschauen, wenn die Sonne scheint, nicht nachts auf dem Sofa. Er sucht noch immer jemanden, der den Abbruch seines Elternhauses erledigt. Tina Siber, die Pierre Sebastian von Anfang an mit unterstützt hat, horcht auf, als sie das hört. Wenig später reicht sie ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer. „Ruf da mal an“, sagt sie.

Bei Pierre Sebastian war es das Haus seiner Eltern, seiner Verwandten und zugleich seine Arbeitsstelle. Vor nichts haben die Wassermassen damals haltgemacht. Nicht einmal vor den Friedhöfen und den Toten dort. Ein Mann läuft mit Gießkanne über den Ahrtorfriedhof in Ahrweiler. Die Flut hat Friedhofsmauer und Gräber zerstört, Grabsteine umgerissen und fortgespült. Erst einige Wochen nach Allerheiligen konnten hier wieder Verstorbene beigesetzt werden. Drei Wochen habe er sich nicht ans Grab seiner Eltern getraut, sagt der Mann. So wie andere bis heute noch nicht in den Nachbarorten waren. Aus Angst vor dem Anblick der Zerstörung. Erst kam man nicht durch, später wagte man es nicht mehr.

Die Geschäfte öffnen wieder

Die Überlebensstrategien sind ganz unterschiedlich. „Das sieht hier noch immer ganz schön schlimm aus“, sagt der Mann mit der Gießkanne. Er wohnt jetzt mit seiner Frau in einem Container. „Es geht uns vergleichsweise gut“, meint er. Die Eigentumswohnung im Erdgeschoss wird immer noch saniert. Die Möbel hat er schon einen Monat nach der Flut bestellt. Da habe er sich wohl verschätzt, sagt er. Dann erzählt er die Geschichte einer alten Dame. Nachdem die Seniorin die Nacht im Obergeschoss ihres Hauses verbracht hat, sagte sie am nächsten Morgen optimistisch: „Jetzt wischen wir ein bisschen durch. Dann ist gut!“ Doch das Unvorstellbare war geschehen.

Auch wenn man in der historischen Altstadt von Ahrweiler schon die Fortschritte sehen kann. Die Apotheke am Ahrtor hat wieder geöffnet. Das Spielegeschäft Brettspielheld ebenso. Die, die ihr Geschäft noch renovieren, haben Schilder an den Holzverschlägen angebracht, wie etwa das Elektrogeschäft. „Wir sind trotz der Flutkatastrophe weiter für Sie da.“ Wird werden, sagt das.

Mahnender Pfarrer

In der 750 Jahre alten Pfarrkirche St. Laurentius, in der das Wasser über einen Meter hoch stand, stehen Stühle statt Kirchenbänke auf dem Steinboden. „Das ist ja immer noch feucht“, sagt Jörg Meyrer, der Pfarrer. Ein Holztisch dient als Altar, darauf steht eine brennende weiße Kerze. Strom gibt es keinen. Am Abend liest Meyrer hier aus seinem Buch „Zusammenhalten – Als Seelsorger im Ahrtal“. Licht fällt nur durch die Kirchenfenster. Es ist sehr still, als er liest und einen besseren Katastrophenschutz anmahnt: „Wir müssen vieles besser machen und nicht nur wiederaufbauen. Die Ahr hat verletzt und ist verletzt.“

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