Ein Jahr vor dem Stadtjubiläum „Sie hatte Tränen in den Augen“: Esslingens Gedächtnis verabschiedet sich

Bald schließt er die Tür des Esslinger Stadtarchivs hinter sich zu: Der langjährige Leiter Joachim Halbekann geht in den Ruhestand. Foto: Roberto Bulgrin

Volle Kanne Halbekann! Nicht mehr lange. Joachim Halbekann, der langjährige Chef des Stadtarchivs, verabschiedet sich in den Ruhestand. Doch er geht nicht so ganz.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Über dem Fenster seines Büros mit dem idyllischen Blick auf eine von Esslingens schicken Fachwerkzeilen hängt eine in der Mitte durchgesägte Gießkanne. Ein kreativer Witzbold hat sie ihm geschenkt. Eine halbe Kanne schien das ideale Präsent für Joachim Halbekann zu sein. Doch bald wird er sie abhängen und mitnehmen. Denn der langjährige Leiter des Esslinger Stadtarchivs geht in den Ruhestand. Verabschiedet wurde er schon. Aber das Aufräumen des Büros hält den 63-Jährigen am alten Arbeitsplatz fest. Es sei eher eine Sache von Tagen als von Stunden, meint er.

 

Viele Erinnerungen packt er mit ein. Ein Professor klopfte einst im Stadtarchiv an. Für ein Projekt suchte er eine wieder verwendete hebräische Pergamenthandschrift aus dem Mittelalter. Solche Funde hat auch das Esslinger Stadtarchiv nicht gerade in der Ablage griffbereit. Historisches Wissen half. Pergament, das wusste Joachim Halbekann als promovierter Historiker, war vor der Nutzung von Papier kostbar und wurde daher meist recycelt. Benutztes Pergament diente etwa als Einband zur Stabilisierung von Büchern. Er und sein Team schauten sich Bücher aus der fraglichen Zeit an und sie stießen auf ein Buch, das mit einem wieder verwendeten Pergament umhüllt war – einem Gebetbuch in hebräischer Sprache aus dem 15. Jahrhundert.

Die Arbeit im Esslinger Stadtarchiv

Langweilig war es nie. Und angestaubt? Muffig? Oder weltabgeschieden? Bei jeder dieser Vokabeln könnte Joachim Halbekann stundenlang den Kopf schütteln. Archivarbeit bedeute nicht im Mief der Vergangenheit einzustauben, sondern die Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lebendig zu machen. Sie sei ein Stück gelebte Demokratie, meint der 1962 in Köln Geborene. Aus Schriften im Stadtarchiv könne etwa belegt werden, wie eine Entscheidung des Gemeinderats vor vielen Jahren ausgefallen ist. Oder warum die Stadt einen bestimmten kommunalpolitischen Weg eingeschlagen hat. Demokratische Zeitzeugen seien das.

Archivarbeit, meint Halbekann, sei aber auch ein Stück Lebenshilfe. Forschende, Doktoranden, Hobbyhistoriker, Schüler oder Menschen auf der Suche nach ihren Wurzeln würden mit Wissen versorgt. Vor Corona habe das Stadtarchiv etwa 1000 solcher Anfragen im Jahr bearbeitet. Mit der Digitalisierung sei die Zahl etwas gesunken. Doch gefragt werde immer. Eine Frau aus Kanada wollte Esslingen besuchen. Mit ihrer 90-jährigen Mutter. Sie hatte hier in einem Lager für Menschen lettischer Herkunft gelebt, wusste aber den genauen Standort nicht mehr. Er war in der Pliensauvorstadt, konnte das Archivteam antworten. Man sei sogar mit der Besucherin hingefahren. „Sie hatte Tränen in den Augen“, erzählt Halbekann.

Warum geht Halbekann ein Jahr vor dem Esslinger Stadtjubiläum?

Ob Halbekann auch Tränen zum Abschied in den Augen hat? Der Job habe ihm immer Spaß gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen räume er den Posten, den er seit dem 1. April 2002 innehatte. Ausgerechnet ein Jahr vor dem Stadtjubiläum? Im Gespräch sei, so verrät er, dass er für Esslingens 1250. Geburtstag, der während des ganzen Jahres 2027 gefeiert wird, eine kleine Historie zur Neckarstadt verfasse. Das Adjektiv „kleine“ betont er. So etwa 250 Seiten stark. Werde nicht einfach, eine Stadt voller Geschichte zwischen zwei so nahe beieinander liegende Buchdeckel zu pressen.

Er wird es versuchen. Vor Ort. Denn den bekennenden Rheinländer mit seiner unverwüstlichen Verbundenheit zum Karneval zieht es nur teilweise zurück in die alte Heimat. Er habe zwei Wohnsitze, sagt Halbekann – einen in Stuttgart, einen in Köln. Die duale Lebenssituation möchte er so belassen. Zumindest für die nähere Zukunft. Wer sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin wird, kann er nicht sagen. Kenntnisse in Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung wären aber kein Fehler, meint er. Denn KI werde die gewohnte Archivarbeit in noch ungewohnte Bahnen lenken. Vieles verändern, vieles vereinfachen.

Er kennt noch die echte Archivhandarbeit. Und er würde es wieder so machen. Einen kurzfristigen Berufswunsch – Sportreporter – hat er nach einem Praktikum verworfen. Das Archiv war Beruf und Berufung. Dennoch hat sein Lebenslauf auch Kurven. Wegen seines Asthmas, erzählt Halbekann, musste er als Teenager weg von zu Hause. Der besseren Luft wegen besuchte er ein Internat in Ostfriesland, wo er sein Abitur machte. Zuerst war es hart. Doch die Zeit hat er insgesamt in guter Erinnerung. Er habe gelernt, sich durchzusetzen. Das habe ihm gut getan.

Sportreporter wäre Joachim Halbekann in jungen Jahren auch gerne geworden. Doch ein Praktikum zeigte ihm: „Das ist nichts für mich.“ Foto: Roberto Bulgrin

Halbekann liebt Esslingen als historische Allrounderin

Gut getan hat ihm auch Esslingen. In all den Jahren, versichert er, habe er sich nie auf eine andere Stelle beworben. Denn die Neckarstadt sei eine historische Allrounderin. Nicht nur eine historische Periode sticht hier hervor. Esslingen habe in vielen Epochen mitgespielt – diese Vielfalt mag er. Ebenso den Charme der Bürgerstadt, die als Freie Reichsstadt nur dem Kaiser, aber keinem Landesherrn unterstellt war. In einer Kommune mit einem Adelsgeschlecht sei alles auf die Residenz und diese hochwohlgeborenen Herrscher zugeschnitten – in Esslingen eben nicht.

Tatsachen, die er in sein Jubiläumsbuch packen kann. Doch zuvor wird er sein Büro ausräumen und die durchgeschnittene Gießkanne vom Haken am Fenster holen. Die halbe Kanne geht mit Halbekann.

Joachim Halbekanns Stationen

Ausbildung
Joachim Halbekann wurde 1962 in Köln geboren und studierte Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Köln. Nach seinem Magister-Abschluss 1987 promovierte er im Fach Geschichte mit einer Arbeit zur rheinischen Adelsgeschichte des Mittelalters. Von 1994 bis 1996 wurde er in Stuttgart und Marburg für den höheren Archivdienst ausgebildet.

Tätigkeiten
Es folgten verschiedene Tätigkeiten. So war er ab 1996 am Gräflich von Bodmanschen Archiv in Bodman am Bodensee beschäftigt. Danach folgte ab 2001 eine etwa anderthalbjährige Tätigkeit im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg. Ab 2002 leitete er das Stadtarchiv in Esslingen am Georg-Christian-von-Kessler-Platz 10 neben dem Alten Rathaus.

Nachfolge
Wie das städtische Pressereferat der Stadt Esslingen auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt, wird die Stelle der Leitung des Stadtarchivs auf jeden Fall nachbesetzt. Weitere Informationen zum Zeitplan könnten derzeit noch nicht erteilt werden.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Esslingen Abschied