SPD-Spitzenkandidat in Pforzheim Hück hat keine Angst, sich zu verheben

Waldemar Meser, Annkathrin Wulff und Uwe Hück beim Rundgang auf dem Haidach: Foto: Sebastian Seibel

Der frühere Porsche-Betriebsratsvorsitzende Uwe Hück ist Spitzenkandidat der SPD in Pforzheim für die Gemeinderatswahl. Die Stadt ächzt unter vielen sozialen und finanziellen Problemen – der Boxer aber sprüht vor Kampfeslust und Zuversicht.

Klima/Nachhaltigkeit : Thomas Faltin (fal)

Pforzheim - Uwe Hück hat einen Lieblingssatz, und auch an diesem Nachmittag, bei einem Rundgang durch den Haidach in Pforzheim, einem früheren Problemviertel mit vielen Russlanddeutschen, fällt der kraftvoll und mit Empörung ausgesprochene Satz mehrfach: „Das geht gar nicht!“ Dass die Stadt das letzte Hallenbad geschlossen hat: geht gar nicht. Dass immer mehr Dönerbuden und Friseurläden die Innenstadt verunstalten: geht gaaar nicht. Und dass es im Jugendhaus nicht mal ordentliche Tischtennisschläger gibt: geht gaaaaar nicht!

 

Aber Uwe Hück, bald 57 Jahre alt und noch immer ein Baum von einem Mann: der geht, und wie. Seit er seinen Spitzenjob als Betriebsratsvorsitzender von Porsche hingeschmissen hat und nun als Spitzenkandidat der SPD in den Kommunalwahlkampf eingestiegen ist, wird fast jeder kleine Termin mit fast bundesweiter Bedeutung aufgeladen. Beim Sportfest des FSV Buckenberg, wo Hück seit mehr als 20 Jahren Vorsitzender ist, hält Spiegel TV fest, wie Hück den Fußball-Pimpfen einimpft: „Nationalitäten spielen keine Rolle im Leben, sind wir uns da einig?“ Bei der Eröffnung des „Revolutionsbüros“ der SPD in der City (drunter macht es Hück halt nicht) schnurren die Kameras. Die „taz“ war schon da, der SWR sowieso, und auch beim Besuch auf dem Haidach lauschen mehr Journalisten als Bürger den Botschaften Hücks. Alle wollen sehen, ob er was wuppt in Pforzheim. Oder sich doch nur blamiert.

In Pforzheim ist Uwe Hück seit langem sozial engagiert

Derzeit zumindest scheint das Zweitere unwahrscheinlich. Denn Pforzheim ist ein Heimspiel für Hück. Klar, manche halten ihn für ein Großmaul, aber viele finden Hück großartig. Am Jugendhaus rennen die Kinder sofort raus, als Hück um die Ecke biegt. „Den kenne ich“, sagt ein Junge: „Der ist ein super Boxer.“ So gilt Hück manchen wirklich als Vorbild. Er kommt selbst von ganz unten, ist auf dem Haidach aufgewachsen und ging dort als Vollwaise in eine Sonderschule: „Nicht, weil ich dumm war, sondern weil ich sozial auffällig war – ich bin öfters ins Klassenzimmer gegangen, ohne die Tür aufzumachen“, sagt Hück. Der FSV Buckenberg war einer der Vereine, die schnell Flüchtlinge aufgenommen haben. Und mit seiner Lernstiftung, wo nur boxen darf, wer auch zu lernen bereit ist, habe er schon 260 junge Menschen in Arbeit gebracht. Hück ist deshalb für viele Pforzheimer authentisch. Er ist einer von ihnen.

Und man sollte Hücks Gespür fürs Machbare nicht unterschätzen. Er ist mehr als nur ein Prolo-Lautsprecher, der nie um einen guten Spruch verlegen ist: „Was ist der Unterschied zwischen einem Radio und mir? Ein Radio kann man abstellen.“ Vielmehr verfolgt Hück ein klares Ziel: Er will die soziale Schieflage in Pforzheim beheben. Denn sozialer Unfriede führe immer zu rechter Politik, wird Hück nicht müde zu betonen. Deshalb brauche man ein Gesamtkonzept für den Haidach und für die Nordstadt mit ihren hohen Ausländeranteilen: „Und in drei Monaten stehe ich wieder hier und kontrolliere, ob wir nur geschwätzt haben oder auch was geschafft“, sagt er am Aldi auf dem Haidach. Das Geld dafür besitze selbst die bitterarme Stadt Pforzheim, deren Etat vom Regierungspräsidium überwacht wird. Sowieso will er Investoren anlocken – es gebe so viel Leute mit so viel Geld, die nur darauf warteten, es investieren zu dürfen.

Populistische Töne sind ihm nicht fremd

Vor allem aber wolle er den kleinen Menschen Gehör schenken, viel zu lange habe die Politik sich zu wenig um sie gekümmert, erzählt Hück weiter. Das sind fast populistische Töne. Und wüsste man es nicht besser, könnte man die AfD sprechen hören, wenn Hück markig betont, dass es in Pforzheim keine Parallelgesellschaften geben dürfe und dass jeder Ausländer Deutsch zu lernen habe.

Ob er so große Probleme, an denen sich schon mehrere Oberbürgermeister verhoben haben, lösen kann als einzelner Stadtrat? Das ist fraglich, aber eine politische Taktik hat Hück vorzuweisen. Im Rat sitzen derzeit acht Parteien und Gruppierungen, die Folge ist viel Streit und Stillstand. Hück kämpft dafür, dass SPD und CDU eine Mehrheit im Rat erhalten, er will eine Groko für Pforzheim. Aus diesem Grund ist er auf dem Haidach auch mit Waldemar Meser unterwegs, einem CDU-Kandidaten und Freund. „Wir müssen aufhören, parteipolitisch zu denken. Es zählt nur die Sache“, sagt Hück.

Hück will Handwerker werden und ein Buch schreiben

Solche Sätze hört man in der SPD mit gemischten Gefühlen. Denn Hück inszeniert doch immer nur sich selbst: Beim FSV-Sportfest vergisst er sogar, die anderen SPD-Kandidaten vorzustellen. Und beim Rundgang auf dem Haidach kommt Annkathrin Wulff, die bis zu Hücks unverhofftem Auftauchen im März die eigentliche Spitzenkandidatin war, nicht einmal zu Wort. Man wird sehen, ob sich das Alphatier Hück zurücknehmen kann; dass er sich in eine Fraktionsdisziplin einordnen kann, glaubt eh niemand. Und sowieso: Nicht alle in der SPD sind sicher, ob Hück der große Stimmenbringer sein wird. Vielleicht, so befürchten manche, wählen die Pforzheimer nur Uwe Hück und sonst niemanden auf der SPD-Liste. Das Zittern bei geht deshalb weiter.

Will Hück höher hinaus

Die Fragen, warum er als großes Porsche-Tier in die kleine Kommunalpolitik eingestiegen sei, beantwortet Hück weiter souverän. „Das hätte ich viel früher machen sollen“, meint er: „Bei Porsche habe ich einem Unternehmen geholfen, als Politiker helfe ich der Gesellschaft.“ Dass ihm Pforzheim bald zu eng werden könnte, diese Befürchtung zerstreut Hück dagegen nicht so richtig. Er betont zwar, dass er Politik von der Pike auf machen wolle; das gehöre zu seinem Selbstverständnis. Gelegenheiten für die Landes- oder Bundespolitik hätte es längst gegeben. Doch dann sagt er manches, was Hintertürchen offenlässt, wie dieses: „Lass uns erst mal Pforzheim machen. Was dann 2020 oder 2021 ist, werden wir sehen.“

Vorerst aber dürfte es Hück nicht langweilig werden. Er will in Pforzheim einen Handwerksbetrieb gründen, um den Jugendlichen zu zeigen, dass Handwerk Spaß und Geld einbringen kann. Er will ein Buch darüber schreiben, wie sich die Politik ändern müsse. Und natürlich will er Pforzheim retten. Herkules Hück hat keine Angst vor der Sisyphosarbeit.

Uwe Hück und Andreas Sarow: Neue Gesichter für Pforzheim

Politik

Es war ein Paukenschlag, als Uwe Hück vor drei Monaten ankündigte, in die Kommunalpolitik zu wechseln. Zunächst hatte er mit einer eigenen Liste in seiner Heimatstadt Pforzheim antreten wollen, obwohl er seit Jahrzehnten SPD-Mitglied ist. Landeschef Andreas Stoch und Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel konnten ihn umstimmen.

Pforzheim

Die Stadt mit 122 000 Einwohnern kämpft immer noch gegen einen schlechten Ruf. Die AfD war dort bei der letzten Landtagswahl mit 24,2 Prozent der Stimmen stärkste Partei geworden. Es gibt viele soziale Probleme, einen hohen Ausländeranteil und wenig Geld. Auch Hück sagt: „Hier ist es schon fünf nach zwölf.“

SPD

Derzeit sitzen noch sechs Sozialdemokraten im Gemeinderat von Pforzheim, der 40 Sitze hat. Das entspricht 16,4 Prozent der Stimmen. Die CDU hat 13 Sitze. Mit dem bisher unpolitischen Gebäudekünstler Andreas Sarow, der etwa eine Villa schwarz angestrichen hatte, will auch die CDU neue Wege gehen. Sarow steht auf Listenplatz 5.

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