Nur jedes vierte Kind wächst in Deutschland ohne Geschwister auf. Foto: IMAGO/Westend61
Platzmangel, globale Krisen, schlaflose Nächte: Manche Paare entscheiden sich bewusst dafür genau ein Kind zu bekommen – trotz hartnäckiger Vorurteile. Zwei Frauen berichten.
Ina Schäfer
01.04.2026 - 13:23 Uhr
Auch wenn ihr Plan ein anderer war, ist sich Cagla inzwischen sicher: Ihr Sohn wird ein Einzelkind bleiben. Die vergangenen anderthalb Jahre seit der Geburt ihres Sohnes stecken ihr noch in den Knochen. „Ich bin so oft an meine Grenzen gekommen“, sagt sie. Der Schlafmangel, das nächtelange Stillen, das Schreien, das sie mehr als einmal überfordert hatte. „Ich habe viel versucht, um besser damit umgehen zu können. Atemübungen, aus dem Raum gehen – aber es hat nichts gebracht. Man muss ja erst lernen, das auszuhalten. Man muss lernen zu verstehen, dass man das aushalten muss. Das Ganze war für mich ein Prozess, der absolut nicht leicht war“, so Cagla.
Unterstützung hätte die Situation verändert, ist sich die 33-Jährige sicher. Doch die Familie war zu weit weg, um wirklich helfen zu können, deshalb waren sie und ihr Mann in der frühen Phase auf sich allein gestellt. Das hohe Stresslevel habe ihr nicht gut getan, sie habe sich selbst nicht wieder erkannt und schließlich gemeinsam mit ihrem Mann beschlossen, dass sie zu dritt bleiben möchten.
Trotz der sinkenden Geburtenrate in Deutschland bleibt die Zahl der Einzelkinder relativ stabil. Die meisten Paare bekommen immer noch zwei Kinder, nur etwa jedes vierte Kind ist ein Einzelkind. Die Vorurteile gegenüber Kindern ohne Geschwister sind immer noch weit verbreitet, sie seien selbstbezogen, verwöhnt, konfliktscheu und einsam. Die Wurzeln des schlechten Images reichen weit zurück: Ende des 19. Jahrhunderts waren Ein-Kind-Familien die Ausnahme. Blieb man als Kind allein, waren die Gründe entweder schwierige Familienverhältnisse mit krankem oder verstorbenem Elternteil oder eine uneheliche Schwangerschaft. Erste Untersuchungen, die sich mit Kindern ohne Geschwistern befassten zeichneten das negative Bild weiter: Der amerikanische Psychologe Stanley Hall bezeichnete sie in einer 1896 durchgeführten Studie als „eigenartig und eigenartig außergewöhnlich“.
Einzelkinder haben keine Verhaltensbesonderheiten
Die Vorurteile halten sich bis heute hartnäckig, dabei ist inzwischen widerlegt, dass sich Einzelkinder von Kindern mit Geschwistern grundlegend unterscheiden. „Seit den Achtzigerjahren sind alle Klischees wissenschaftlich widerlegt“, sagt Autorin Anna Hofer, die sich mit ihrem Buch „Mein fabelhaftes Einzelkind“ mit dem Thema befasst hat.
Die amerikanische Soziologin Judith Blake etwa bestätigte mit ihren Studien aus dem Jahr 1981 und 1989, dass Einzelkinder keinerlei Nachteile gegenüber Geschwisterkinder hätten. Im Gegenteil: Sie hätten häufiger die Bestrebung Freundschaften und Bekanntschaften zu schließen und zu pflegen als Kinder mit Geschwistern. Gleiches beschreibt auch Ann Layborn von der Universität Glasgow später in ihrem Buch „The Only Child: Myths and Reality“. Darin fasste sie die Ergebnisse aktueller Studien zusammen, in der Einzelkinder mit Geschwisterkindern verglichen wurden. Ergebnis: Keinerlei Verhaltensbesonderheiten emotionaler und psychischer Art.
Autorin Anna Hofer, die außerdem psychologische Beratung für Familien anbietet, ist selbst ohne Geschwister groß geworden und seit 2012 Mutter eines Einzelkindes. Sie weiß um die Vorurteile, die einem trotz der Studienlage begegnen können. Sie kennt die Frage nach einem zweiten Kind, sobald das Erstgeborene ein gewisses Alter erreicht hat. Oder Sprüche wie: „Ein Kind ist kein Kind“. „Wir sprechen hier ganz klar von gesellschaftlichen Normen, die einen großen Druck erzeugen können“, sagt sie. In ihren Beratungen erlebe sie häufig, dass Eltern Angst haben mit nur einem Kind nicht mehr richtig dazu zu gehören, sich nicht mehr über anstrengende Zeiten beklagen zu dürfen, zu denen zu gehören, die „es nicht schaffen“ oder es sich leicht machen mit „nur einem Kind“. Vor allem Frauen hätten ein Gefühl von Versagen. „Und das ist so schade! Gerade heute sprechen wir viel davon, auf die eigenen Ressourcen zu achten, auch mal nein zu sagen. Doch in dem Zusammenhang fühlt es sich falsch an“, sagt Anna Hofer.
Cagla hat sich ihre Ressourcen in den ersten anderthalb Jahren ihrer Mutterschaft sehr genau angeschaut und für sich beschlossen, dass die Erschöpfung zu groß für ein zweites Kind ist. „Ich habe erst als ich Mutter wurde gemerkt, dass ich mit einem hohen Stresslevel nicht gut umgehen kann“, sagt sie. Aber auch andere Gründe hätten eine Rolle gespielt: „Es ist immer auch eine Frage, wie man sein Leben gestalten möchte.“ Mit Mann und Sohn wohnt sie im Stuttgarter Westen. Weiteren Nachwuchs hätten sie sich zwar leisten können, doch mit deutlichen Abstrichen, etwa in Bezug auf die Familienurlaube.
Autorin Anna Hofer Foto: privat
Das Leben wird teurer, die Mieten in den Ballungszentren steigen, die Konflikte in der Welt verunsichern – die Gründe weniger Kinder zu bekommen sind individuell. „Kinder sind sehr schnell Privatvergnügen“, sagt Anna Hofer. „Wir wissen um die Herausforderungen einen Kita-Platz zu bekommen, um die Qualität von Schulen und alle Themen rund um Vereinbarkeit. Manche hätten vielleicht noch gerne ein weiteres Kind, doch finden nicht die Bedingungen vor, die sie dafür brauchen.“
„One and done“ (eins und fertig) wird die Entscheidung genau ein Kind groß zu ziehen in sozialen Netzwerken häufig genannt. Doch es kann dauern, bis Paare an den Punkt kommen, an dem sie ihre Entscheidung so klar formulieren können. „Was in solchen Situationen gut hilft ist Social-Media-Fasten. Der Algorithmus zeigt uns sonst zu viele Babybäuche und Gender-Reveal-Partys. Stattdessen sollte man bewusst Zeit mit der Familie verbringen und schauen, wie man das Leben mit seiner Familie empfindet, so wie sie gerade ist. Und sich dann zu fragen: Denke ich wirklich über ein zweites Kind nach“, empfiehlt Anna Hofer. „Man muss für sich im Kern verstehen, ob man ein zweites Kind begleiten möchte. Dieser Wunsch ist völlig okay und legitim. Aber nicht unter der Prämisse, dass mein Erstgeborenes unbedingt ein Geschwister braucht – denn das ist nicht so“, sagt sie weiter. Kinder würden nicht nur Zuhause sondern vor allem auch außerhalb geprägt – in Kita, Schule und Vereinen.
Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Julian Schmitz beschreibt es in ihrem Buch so: „Spätestens ab dem Kindergartenalter oder auch später in der Schule verbringen Kinder im sozialen Miteinander mit anderen Kindern einen großen Anteil des Tages gerade nicht mit ihren Geschwistern. Sie sind in der Kita in ständigem sozialem Kontakt und in einem permanenten Aushandlungsprozess.“ Auch Zuhause noch um Ressourcen kämpfen zu müssen, sei nicht notwendig und nach seiner Einschätzung nicht immer von Vorteil. Anna Hofer selbst habe früh ein offenes Haus eingerichtet. Spielkameraden waren immer willkommen und sind es auch heute noch wo ihr Sohn schon größer ist.
Cagla ist in ihrer Mutterrolle inzwischen angekommen, der Sohn wird älter, der Schlaf besser. Außerdem hat sie sich Hilfe geholt und macht alle zwei Wochen eine Familien-Beratung. „Ich bin eine tolle Mama für meinen Sohn. Ich weiß aber nicht, ob ich diese Qualität auch mit einem zweiten Kind hinkriegen würde. Und die Angst davor ist einfach größer, als der Wunsch noch ein Geschwisterchen zu bekommen“, sagt sie. Deshalb ist sie zufrieden mit ihrer Entscheidung und genieße die intensive Zeit mit ihrem Sohn.