Vor zwei Jahren fand der Pforzheimer Künstler Gerhard Batt einen hilflosen Schwan. Er adoptierte das Tier und machte sich mit ihm auf den Weg in eine andere Dimension.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Pforzheim - Die rührende Lovestory von dem Künstler und dem Schwan beginnt im Frühjahr 2013. Gerhard Batt ist gerade von der thailändischen Insel Phuket zurückgekehrt, wo er in sieben Jahren zwanzig Gemälde geschaffen hat. Nun lebt er wieder in seiner Heimatstadt Pforzheim, unter ihm 85 Quadratmeter Parkett, über ihm eine Stuckdecke, vor ihm die Staffelei. Nachts spaziert er durch den Stadtpark hinunter zur Nagold, hockt sich im Mondlicht ans Ufer und spricht mit einem alteingesessenen Schwanenpaar. Ende April bekommen Frida und Frido Nachwuchs: Acht Küken schlüpfen, sieben sind kerngesund. Nur Orpheus kommt nicht so recht auf die Flossen, seine Beinchen sind krumm wie Butterhörnchen.

Schwäne gelten als der Inbegriff von Schönheit, Eleganz, Reinheit, Unschuld und Stolz. Sie können aber auch gnadenlos sein. Orpheus ist gerade eine Woche alt, als sein Vater beschließt, den missratenen Sohn zu verscheuchen. Wie eine fauchende Hyäne hetzt Frido hinter dem hinkenden Küken her und zwickt ihn in den flaumigen Bürzel. Hinfort mit dem Krüppel, soll er doch verrecken! In der Natur ist kein Platz für Schwächlinge.

Gerhard Batt, Sternzeichen Krebs, ist ein spiritueller Mensch. Er glaubt, dass er schon vor langer Zeit auf diesem Planeten war und es in ferner Zukunft noch immer sein wird – nur dann halt nicht als Künstler, sondern vielleicht als Werkzeugmacher, Zirkusclown oder Bundeskanzler. Es ist für ihn kein Zufall, als er am Abend des 7. Mai 2013 von einer Augenzeugin des Schwanenfamiliendramas zu dem verstoßenen Küken gelotst wird, das unweit seiner Wohnung hinter einem Baum kauert. Das Schicksal hat ihm Orpheus anvertraut, eine höhere Macht fordert ihn auf, das Findelküken zu retten.

Extremer Mensch und überzeugter Single

Aber wie? Im Pforzheimer Tierheim erklärt man Batt: „Schwäne können wir bei uns leider nicht unterbringen.“ Mehrere Tierärzte raten ihm: „Lassen Sie den Schwan einschläfern, das ist das Beste für ihn.“ Kommt nicht in Frage, denkt Batt. Orpheus soll leben!

Der Designer Gerhard Batt entwarf einst Wiener Kaffeehäuser. Anfang der neunziger Jahre ließ er die bürgerliche Existenz hinter sich und reiste mit One-Way-Tickets durch Südeuropa, Nordafrika und Südostasien. Wenn er Geld brauchte, malte er Bilder und verkaufte sie. Auf der Suche nach Grenzerfahrungen lebte Batt monatelang in einem griechischen Kloster, durchquerte die Sahara und stieg zu einem Tiger in den Käfig. „Ich bin ein extremer Mensch“, sagt er, „und ein überzeugter Single.“ Keine Frau konnte ihn einfangen.

Erst als er langsam auf die siebzig zugeht und einen hilflosen Schwan kennenlernt, lässt er sich auf eine feste Bindung ein: Batt nimmt Orpheus in seine Jugendstilwohnung auf und baut ihm ein strohgefülltes Nest inklusive Planschbecken. Er füttert das Küken mit Hefezopf, weil Orpheus in den ersten drei Wochen jedes andere Nahrungsmittel verschmäht. Orpheus kackt auf den Parkettboden – egal, den Dreck kann man ja wegwischen. Batt stellt im Hof ein Badebassin auf, aber auch das ist Orpheus bald zu eng. Der Heranwachsende will die Welt entdecken.

Gemischtes Grünzeug und gequetschter Hafer

Batt setzt den Schwan auf den Beifahrersitz seines alten Renault und macht mit ihm Ausflüge an die Würm: eine Runde schwimmen, anschließend frischen Löwenzahn vespern und die Federn in der Sonne trocknen lassen. Eng beisammen, wie frisch Verliebte, liegen sie im Gras. Batt spürt Orpheus‘ Wärme, die Körpertemperatur eines Schwans liegt bis zu fünf Grad über der eines Menschen.

Das Paar zieht in ein 110 Jahre altes Gartenhaus um, das an eine russische Datscha erinnert. Die Decken sind so niedrig, dass Batt seine Staffelei nicht aufstellen kann. Das ist nebensächlich, Hauptsache Orpheus fühlt sich im neuen Zuhause wohl. Der Garten reicht für eine großzügige Voliere, die den Schwan vor Fuchs und Marder schützt, und einen Teich, den Batt eigenhändig mit einem Spaten gräbt. Von der Küche gelangt Orpheus durch eine überdimensionale Katzenklappe und eine Rampe direkt in das Freiluftgehege.

Abends zwischen acht und halb neun watschelt der Schwan wieder ins Haus, wo ihm gemischtes Grünzeug und gequetschter Hafer aus biologischem Anbau serviert werden. Orpheus fängt niemals alleine an zu essen, höflich wartet er, bis sein Mitbewohner am Tisch sitzt. Gerhard Batt nimmt im Beisein seines Tieres nur vegetarische Kost zu sich. Jede harmonische Wohngemeinschaft basiert auf gegenseitiger Rücksichtnahme.

Ein heiliges Tier

Um halb elf geht’s hinüber ins Schlafzimmer. Auf der Matratze, direkt neben seinem Kopfkissen, breitet Batt Küchenpapier aus, damit der Schwan nicht das Laken versaut. Orpheus legt seinen daunenweichen Hals auf Batts grau behaarte Brust. Es ist mucksmäuschenstill, für Batt beginnt die Meditation.

Der Schwan reinigt seinen Körper, seinen Geist und seine Seele. Er verhilft ihm zu einem nie da gewesenen Gefühl. „Im Laufe meines Lebens habe ich mir viele Wunden zugezogen, das Tier heilt sie“, sagt Batt. „Es ist geradezu eine überirdische Seelenverwandtschaft, die Orpheus und mich über alle Dimensionen vereint.“ Auf der Suche nach sich selbst und der wahren Liebe wird der Schwan zu seinem Lotsen, wirft Licht in alle verborgenen Ecken und Winkel seines Seins. „Für mich ist das eine Reise ins Innere“, sagt Batt. „Wir sind real in unserem Alltag und trotzdem entrückt.“

Mit einem Hund könnte er nichts anfangen. So ein schwanzwedelnder, domestizierter Vierbeiner wäre Batt zu profan. Der Schwan galt hingegen schon bei den Kelten als heiliges Tier. Für die alten Griechen war er ein Orakelvogel – weswegen Batt für seinen Schützling einen Namen aus der griechischen Mythologie wählte.

Als sich Orpheus längst an die Anrede gewöhnt hat, stellt sich bei der Genanalyse einer Feder heraus, dass er gar kein Bub, sondern ein Mädel ist. Für Batt ist das eine erfreuliche Nachricht: Männliche Schwäne verhalten sich während der Balz oftmals aggressiv, die gefiederten Damen sind sanftmütiger und sehnen sich nach ewiger Liebe. Als Symbol seiner unverbrüchlichen Verbundenheit kreiert Batt ein Gemälde, das nach gängigen Kriterien kolossal kitschig wirkt. Es zeigt, wie der Künstler mit Orpheus, seiner zauberhaften Muse, selig vereint durch den Kosmos schwebt.

Die Beziehung ist in Gefahr

Doch wie in einem klassischen Drama gefährden gesellschaftliche Konventionen die außergewöhnliche Verbindung. Ein Wildtier, auch ein zahmer Höckerschwan wie Orpheus, darf nur mit einer offiziellen behördlichen Genehmigung gehalten werden. Batt wird angezeigt, eine Amtsveterinärin schaut vorbei – und zieht wieder ab, als sie sieht, dass es Orpheus bestens geht. Legalisiert ist die Partnerschaft freilich noch immer nicht. Sie wird geduldet, weil Orpheus behindert ist und nur durch Batts Zuneigung überlebt hat. Müsste der Künstler seinen Schwan hergeben, würde dieser Verlust wohl sein Herz brechen. „Ich glaube, dass Außenstehende niemals auch nur annähernd verstehen können, welche Innigkeit uns wirklich verbindet.“

Der schwächliche Schwan bedarf ständiger Pflege: Gelenkschmerzen, Magenprobleme und eine Schnabelentzündung machen ihm zu schaffen. Einmal frisst Orpheus verdorbenes Getreide und bekommt davon eine Lebervergiftung. Zutiefst besorgt bringt Gerhard Batt das kranke Tier zu einer Wildvogelspezialistin in die Pfalz, unterwegs flüstert er ihm zu: „Orpheus, du darfst nicht sterben!“

Ein paar Monate später tötet Batt seinen Liebling fast selbst: In der guten Absicht, den verhätschelten Orpheus allmählich an die raue Natur zu gewöhnen, lässt er ihn über Nacht draußen in der Dezemberkälte. Am nächsten Morgen hat sich der Wildvogel in einen Eiskristall verwandelt: Weil Orpheus nicht gelernt hat, seine Federn zu fetten, sind sie gefroren. Seither übernachtet der Schwan nur noch neben Batts Bett auf einer flauschigen Decke.

Noch ein Wunder

Jesus Christus, Shiva und Buddha, die der konfessionslose Künstler auf seinem Schlafzimmer-Altar zu einer überreligiösen Gottheit verbunden hat, sollen den Schwan vor irdischen Bedrohungen schützen. Doch manchmal, wenn Batt beim Einkaufen ist oder irgendwo noch schnell einen Kaffee trinkt, überfällt ihn plötzlich der Gedanke, dass Orpheus daheim etwas passieren könnte. Womöglich dringt gerade ein missgünstiger Schurke in die Voliere ein und dreht dem wehrlosen Tier den Hals um. Panisch lässt Batt dann alles stehen und liegen, rennt nach Hause und ist erst beruhigt, wenn ihn Orpheus mit seinen schwarzen Äuglein neugierig anlinst.

Theoretisch könnte der Schwan seinen menschlichen Gefährten sogar überleben. Vorsorglich hat Batt eine Verfügung erlassen, die er wie einen Organspendeausweis stets bei sich trägt. Darin wird Cecilia erwähnt, eine junge Peruanerin, die in Pforzheim Marketing studiert und sich mit dem Künstler angefreundet hat. Cecilia hat versprochen, sich wie eine Patentante um Orpheus zu kümmern, falls Batt etwas zustoßen sollte. „Auch das“, sagt er, „ist für mich ein Wunder.“

Zum großen Glück fehlt Batt nur noch, dass das Schicksal ihm auch dabei behilflich ist, einen Ruhesitz für sich und seinen Schwan zu finden. Das Gartenhaus ist nur gemietet, es droht die Kündigung. Am Zaun hat der Eigentümer bereits ein „Grundstück zu verkaufen“-Schild aufgehängt. Ringsum entstehen Eigenheime aus Beton, die sich Gerhard Batt nicht leisten könnte und in denen er auch nicht wohnen wollte.

Startbahn in ein artgerechtes Leben

Der Künstler sucht eine besondere Immobilie, mit einem Raum, in dem er endlich wieder seine großformatigen, superrealistischen Gemälde malen kann, und mit Platz für ein Innenbecken, weil sein Schwan ja nicht winterfest ist, aber auch von Oktober bis März schwimmen will. Zudem müssten für die warmen Monate vor dem Haus ein Bach oder ein Teich sowie eine fußballfeldgroße Wiese liegen – als Startbahn für Orpheus in ein artgerechteres Leben. Denn bisher konnte der Schwan die Welt nur auf seinen krummen Beinchen erwatscheln.

Eines Tages, wenn sich Orpheus auf seinen Schwingen in die Luft erhebt, wird Batt vielleicht erfahren, ob sein weißer Wundervogel bei ihm bleiben will. Der Weg in die Freiheit wäre tödlich. Was würde Gerhard Batt tun, wenn er ein junger Schwan wäre?