Pforzheimer Gerhard Batt und Schwanendame Seit fünf Jahren unzertrennlich

Moderner Lohengrin? Im Sommer war Gerhard Batt mit Sita auf Einladung des Fernsehsenders Sky bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth. Foto: Getty

Der Pforzheimer Künstler Gerhard Batt lebt mit einer Schwanendame zusammen. Sita verleiht ihm Flügel. Begegnung mit einem Mann, dem es egal ist, was andere von ihm denken.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Pforzheim - Weibliche Wasservögel sind offen für unkonventionelle Partnerschaften. Vor zwölf Jahren verliebte sich im westfälischen Münster die schwarze Schwänin Petra in ein weißes Tretboot und wich ihm nicht mehr von der Seite. Für die Journalisten war das eine Sensation, mit der sich prima das Sommerloch füllen ließ. Biologen sprachen von einer Fehlprägung.

 

Sita wird von Gerhard Batt geprägt. Im Frühjahr 2013 findet der Pforzheimer Künstler ein verlassenes Schwanenküken am Ufer der Nagold. Er zieht es auf und gibt ihm zunächst den Namen Orpheus. Eine Federanalyse bringt ans Licht, dass der Schwan eine Schwänin ist. Aus Orpheus wird daraufhin Sita.

In der hinduistischen Mythologie ist Sita die Gemahlin des Gottes Rama, sie gilt als Inbegriff einer treuen, devoten Frau. In Gerhard Batts Universum ist Sita seine gefiederte Partnerin, der er alles unterordnet: Für die Schwänin verlässt er seine schicke Jugendstilwohnung und zieht in ein altes Gartenhaus. Er baut ihr eine Voliere, legt einen Teich an und errichtet eine Rampe, so dass Sita jederzeit aus ihrem Freigehege in die Küche watscheln kann.

Vor gut drei Jahren erzählte die StZ die ungewöhnliche Lovestory von dem Pforzheimer Künstler und seiner Schwänin. Seinerzeit drohte die Geschichte wie eine klassische Tragödie zu enden: Die Liebenden schienen sich in einen Konflikt hineinzumanövrieren, der nur mit ihrem Untergang enden konnte. Das gemietete Gartenidyll sollte mehreren Einfamilienhäusern weichen. Und die Behörden machten Stress, weil man laut Gesetz zwar mit fünf Hunden und zehn Katzen unter einem Dach wohnen darf, aber nicht mit einem einzigen Wildtier. Dafür benötigt man eine Sondergenehmigung.

Die Freiheit würde Sita nicht überleben

Gerhard Batt ließ sich von den Problemen nie aus der Ruhe bringen. Im Laufe seines 71 Jahre währenden, bewegten Daseins auf Erden hat er gelernt, dass sich die Dinge meistens von allein zum Guten wenden.

Und so kam es auch: Kurz bevor die Abrissbagger anrückten, kaufte ein wohlhabender Nachbar das Gartenhaus samt Grundstück – damit Batt und seine Schwänin dort bleiben können. Und der Amtsveterinär duldet die Mensch-Tier-Wohngemeinschaft stillschweigend. Vermutlich ist dem Fachmann klar, dass die Freiheit für Sita den Tod bedeuten würde. In der Natur überleben nur die stärksten Höckerschwäne, nicht einmal 30 Prozent erreichen die Geschlechtsreife mit drei bis vier Jahren. Sita kam mit Beinchen zur Welt, die krumm wie Butterhörnchen sind. Sie ist ein geborener Schwächling – und hat dennoch bereits den fünften Geburtstag hinter sich.

Die Schwänin kann man schlecht fragen, ob sie heute lieber unter Lebensgefahr auf einem Fluss dümpeln würde, als in ihrem sicheren Nest verwöhnt zu werden. Dennoch muss sich Batt dauernd anhören, dass Sita statt ihm unbedingt einen männlichen Artgenossen an ihrer Seite benötige, um glücklich zu sein. Als er einmal zu Gast in der SWR-Talkrunde „Nachtcafé“ war, belehrte ihn eine Frau Doktor Sowieso: „Ein Schwan ist ein Schwan. Alles andere interpretiert der Mensch in ihn hinein.“ Batt entgegnete: „Das ist Ihre weltliche Sicht.“ Er ist in anderen Sphären unterwegs. Was führte ihn dorthin?

In der Nachkriegszeit wächst er in einem Schwarzwalddorf auf. Seine lebenslustige Mutter zeigt wenig Interesse an dem Sohn, vom Stiefvater setzt es bloß Schläge. Als Teenager beginnt Gerhard damit, sich seinen Kummer von der Seele zu malen. Seine surrealistischen Bilder handeln von der menschlichen Gier, vom allmählichen Verfall und vom Tod. Das außergewöhnliche zeichnerische Talent verhilft ihm zu einer Lehrstelle in einer Pforzheimer Werbeagentur, er wird Designer. Die Frauen stehen auf ihn, den lässigen Vollbart-Typ mit dem weit aufgeknöpften Hemd. In seinem VW-Bus verbringt er manches Schäferstündchen. Doch eigentlich sehnt er sich nach der ewigen Liebe.

Gesamtkunstwerk aus 49 Objekten

Gerhard Batt macht sich auf die Suche. Er zieht um die Welt, besucht Klöster, beschäftigt sich mit dem Christentum, dem Taoismus, den alten Ägyptern und den Babyloniern. Die gesammelten Erkenntnisse verarbeitet er in einem Zyklus, den er „Epos der Menschheit“ nennt. Die 49 Objekte dieses Gesamtkunstwerks tragen Titel wie „Fenster zum Kosmos“ oder „Die Botschaft des Vogelmenschen“.

Schwäne sind wunderschön und monogam. Seit Anbeginn der Zeiten dienen sie dem Menschen daher als Projektionsfläche für seine Sehnsüchte. In antiken Mythen glaubt Zeus, dass die weißen Wasservögel bei Frauen besser ankommen als er selbst, der Göttergott. In Indien symbolisiert der Schwan die Fähigkeit eines erleuchteten Meisters, die Wahrheit von der Täuschung zu trennen. Als Schwan bezeichnete Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, eine Stufe der Erkenntnis, auf der der Mensch in der Liebe zu allen Wesen zu seinem höheren Ich gelangt.

Jahrzehntelang hat sich Batt mit solchen esoterischen Konstrukten beschäftigt. „Es ist kein Zufall, dass Sita zu mir gefunden hat“, glaubt er. Der Schwan ist das Tier, das seine von Legenden geprägte Wahrnehmung symbolisiert. Sita trägt sein Inneres nach außen.

In diesem Sommer war Gerhard Batt von dem Fernsehsender Sky zu „Lohengrin“ nach Bayreuth eingeladen worden. In Wagners Oper reist ein Ritter mit einem Schwan an, der sich am Ende als verzauberter Thronfolger entpuppt. Batt kam in seinem zerbeulten Renault nach Bayreuth, Sita saß in einer Plastikwanne im Kofferraum. Noch am späten Abend musste das Paar die 320 Kilometer heimwärts fahren, weil kein Hotel eine Übernachtung mit einem Wildtier zulässt. Dennoch war für Batt der Ausflug ein weiteres Zeichen dafür, dass er und Sita zusammengefunden haben, weil ihm eine höhere Macht den lang gehegten Herzenswunsch erfüllen wollte, neue Grenzerfahrungen zu sammeln. „Eine Ehe mit einer Frau würde mich langweilen“, sagt er. „Aber die Schwänin ermöglicht es mir, ein anderes Lebensspektrum zu entdecken.“

Batt lebt wie ein Mönch

Batt bekommt nur noch selten Besuch in seinem Gartenhaus. Seit er mit der Schwänin zusammenlebt, haben sich die meisten Freunde von ihm abgewandt. Sie halten ihn für einen komischen Kauz – oder Schlimmeres. „Offenbar stellen sich manche Leute vor, dass ich mit Sita kranke Sachen mache“, sagt er. Dabei ist es doch das Reine, das Unschuldige, das die Beziehung für ihn so besonders macht. Schon bevor ihm Sita an der Nagold begegnete, lebte Batt wie ein Mönch. Den fleischlichen Lüsten hat er entsagt, seine Höhepunkte findet er in der Spiritualität. Er genießt, wie er es ausdrückt, „die heilige Einsamkeit und die wertvolle Stille“ seines Rückzugorts am Pforzheimer Stadtrand. Freilich ist das Gartenhäuschen mittlerweile von Eigenheimen umgeben. Man erkennt sofort, wo der Exote Gerhard Batt zu Hause ist.

Vor ein Uhr mittags steht er selten auf. Dann kocht er sich erst mal eine Gemüsesuppe und setzt sich ein paar Stündchen zu Sita an den Teich. Mit dem Malen beginnt er erst nach Mitternacht. Die Schwänin thront auf dem Bett – unter sich eine Inkontinenzdecke, denn stubenrein ist sie bis heute nicht – und schaut ihm neugierig bei der Arbeit zu.

Zurzeit verarbeitet Gerhard Batt ein Foto, das er vor ein paar Jahren in einem thailändischen Urwald geschossen hat, zu einem Triptychon. Bei diesem Großprojekt muss er improvisieren, denn in dem Gartenhaus ist nicht genügend Platz für eine Staffelei: Den mit einer Leinwand bespannten Keilrahmen hat er wie ein Poster an die Wand gehängt. Wenn den bildenden Künstler gegen vier Uhr die Müdigkeit übermannt, legt er sich zu Sita. Batt spürt ihren warmen Körper und wie ihr kleines Herz schlägt. Das ist für ihn das allerhöchste Glück. Vor dem Einschlafen meditiert er noch ein halbes Stündchen. In diesem erweiterten Bewusstseinszustand sitzt er manchmal auf dem Rücken seiner Schwänin und fliegt mit ihr davon.

Er ist von allem angetan, was seine Schwänin treibt

Aus Sicht eines Technokraten sind das Hirngespinste eines alten Mannes, der völlig den Bezug zur Realität verloren hat. Nüchtern betrachtet verlor Gerhard Batt in dem Moment, als er beschloss, ein Findelküken zu adoptieren, seine Freiheit: Er kann seine Schwänin nur ein paar Stunden alleine in der Voliere lassen. Flugreisen sind unmöglich und Begegnungen mit anderen Menschen schwierig. Kommt ein Fremder zu Besuch, zwickt ihn die gefiederte Diva ins Bein, und Batt ruft: „Jetzt ist aber gut, Sita!“

Doch selbst, wenn er so schimpft, merkt man an dem zärtlichen Klang in seiner Stimme, dass er insgeheim von allem angetan ist, was seine Schwänin treibt. In einem Moment gibt sie sich wie eine eifersüchtige Geliebte, und kurz darauf ist sie wieder ganz Tier: watschelt auf ihren Flossen durch die Küche, kackt auf den Boden und pickt mit ihrem Schnabel ein paar Haferkörner aus dem Futternapf. Schließlich schmiegt sie ihren Schwanenhals an Batts Menschenbein und gibt einen trompetenartigen Ton von sich, der nur bedeuten kann: „Du hast mich doch noch lieb, oder?“

Natürlich hat er das. Sita ist seine magische Muse, die ihm Flügel verleiht. „Das Leben mit Tieren übertrifft die Partnerschaft mit Menschen bei Weitem“, sagt Batt. „Wann verstehen wir endlich, dass wir die Erde in Würde mit diesen besonderen Wesen teilen könnten, die uns in Charakter, Intelligenz und Ehrlichkeit weit voraus sind?“

Gerhard Batt befindet sich im Hier und Jetzt – und bewegt sich doch in einer eigenen Welt. „Ich lebe losgelöst von der Gesellschaft“, sagt er. „Die anderen Menschen sind nicht mein Maßstab.“ Er schaut niemals fern und surft nicht im Internet. Er verweigert sich all dem, worin er eine „Vermüllung des Geistes“ sieht. Der spirituelle Kulturfreak Batt ist davon überzeugt, dass nicht die Wissenschaft dem Menschen neue Horizonte erschließt, sondern allein die Fantasie.

Was ist normal? Petra, die schwarze Schwänin, die sich in ein weißes Tretboot verliebt hatte, verschwand an Silvester 2008 aus Münster. In Osnabrück, 50 Kilometer nordöstlich gelegen, lernte sie einen männlichen Artgenossen kennen. Von ihrem Nachwuchs überlebte nur ein Sohn. Dieser junge Schwan ist nun mit einer Stockente liiert. Zwischen Himmel und Erde passiert viel Unerklärliches.

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