Ein Kurs im Berneuchener Haus am Kloster Kirchberg Wege zur Mitte

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Weisheit der Märchen, Wege zur Mitte, kontemplativer Gesang, Malen als Meditation: im Berneuchener Haus am Kloster Kirchberg treffen sich Leute, die mehr wollen, als sie im Alltag finden.

Beugen und strecken nach dem Spürgebet:  Rolf und die anderen Teilnehmer des Seminars schweigen bereits seit fünf Tagen. Foto: Andreas Reiner
Beugen und strecken nach dem Spürgebet: Rolf und die anderen Teilnehmer des Seminars schweigen bereits seit fünf Tagen. Foto: Andreas Reiner

Sulz am Neckar - Auf dem Holzboden stehen orangefarbene Kerzen. Drum herum knien zehn Frauen und fünf Männer auf Kissen oder niedrigen Holzbänken. Unter ihnen liegen hellgraue Teppiche. Viele haben ihre Hände gefaltet. „Du gibst meiner Seele große Kraft“, sagt die Kursleiterin Anette Niethammer. Kurz danach wiederholt sie den Satz. Dann herrscht Stille.

Doch von Anfang an: Montagmittag, rund 60 Kilometer südwestlich von Stuttgart. Die A-81-Ausfahrt Sulz am Neckar runter, ein kleines Schild „Berneuchener Haus Kloster Kirchberg“ führt einen auf einen kilometerlangen Feldweg. Weit und breit nur Bäume, Wiesen, Äcker. Man fürchtet schon, sich verfahren zu haben – dann taucht es doch noch auf. Ein ehemaliges Dominikanerinnenkloster mit einer kleinen Kapelle, einer Kirche, einem Klosterladen und einem Café namens „Schenke“. In der Mitte plätschert ein Brunnen. Ansonsten hört man – nichts.

Rückzug aus der gewohnten Umgebung

Es ist der erste Tag des „Retreat“-Seminars, eines von mehr als 100 Kursen, die das Berneuchener Haus jährlich anbietet. Im Prospekt liest man „Kontemplative Exerzitien“, „Den eigenen Weg finden“, „Malen als Meditation“ oder „Ich bin liebenswert“. Es gibt auch Bogenschießen und eine Schreibwerkstatt. Der Großteil der Kurse aber beschäftigt sich mit Lebensfragen, viele haben einen christlichen Bezug.

Bevor es spirituell wird, steht eine Vorstellungsrunde an. „Wo kommt ihr her?“, fragt Anette Niethammer in die Runde. Und damit meint sie nicht Karlsruhe, Ludwigsburg oder Stuttgart. Sie will wissen, in welcher Verfassung die Teilnehmer in das Seminar gekommen sind. Eine Frau sagt, sie komme aus einem „tiefen Tal“, eine andere kommt aus langer Krankheit. Andere berichten, dass sie in letzter Zeit großen beruflichen Stress hatten. Zwei Pfarrer sind auch dabei. Einige Teilnehmer stehen kurz vor dem Ruhestand. Eine jüngere Frau meint: „Das soll ein Break für mich sein, bei dem ich mich zurückziehen will.“

Im Seminar sollen sich die Gäste vier Tage mit Meditation, kontemplativen Körperübungen, Stille-Zeiten und „christlichen Impulsen“ aus ihrer gewohnten Umgebung zurückziehen, um eine spirituelle Ruhepause einzulegen. „Wir wünschen uns, dass Körper, Geist und Herz wieder zueinanderfinden“, sagt die Kursleiterin.

„Nimm es locker, nimm es leicht“

Nur eine Teilnehmerin ist zum ersten Mal dabei. Wer noch nicht im Ruhestand ist, opfert seinen Urlaub für das Seminar. Der Rückzug ist wichtiger als eine Woche Meer oder Berge. Die meisten tragen bequeme Sportklamotten. Fast alle haben ihre Schuhe ausgezogen und sind sockig.

Die Teilnehmer sollen ihren Körper mit den Fäusten „abklopfen“, sich aufrichten und fallen lassen, mit ihren Armen Kreise über dem Kopf oder auch liegende Achter in die Luft zeichnen. Zwischendurch sagt Anette Niethammer „Nimm es locker, nimm es leicht“ oder „Lasst eure Schwere von der Brust in den Bauch fallen“.

Geist und Körper sollen zur Ruhe kommen

Nachdem die Körper entspannt sind, soll auch der Geist zur Ruhe kommen. Die Gruppe liest gemeinsam den Sonnengesang des heiligen Franziskus, eine Hymne auf die Schöpfung. „Wir wollen die Freude an Gott wahrnehmen“, sagt Anette Niethammer. Das Gebet wird mehrmals täglich wiederholt. Viele Gäste halten dabei ihre Hände gefaltet. Einige schließen die Augen. Ein Mann schreibt mit.

Die 44-jährige Britta, sie ist die Jüngste im Seminar, hat keinen Bezug zu Gott. Ihr gehe es allein um die Körperübungen, sagt sie. „Wenn wir bei schönem Wetter draußen üben, ist das eine tolle Atmosphäre.“ Von den Gebeten bekomme sie inhaltlich nichts mit. „Die Stimmung schätze ich trotzdem.“ Dann steht sie auf und stellt sich zu den anderen in den Kreis: Strecken und fallen lassen steht auf dem Programm.