Ein Ludwigsburger restauriert Kreidler Tempo 140 mit einer Florett RS
In den 70er Jahren war eine Kreidler der Traum vieler junger Männer. Jürgen Wörner sorgt dafür, dass das schwäbische Kult-Moped bis heute weiterlebt.
In den 70er Jahren war eine Kreidler der Traum vieler junger Männer. Jürgen Wörner sorgt dafür, dass das schwäbische Kult-Moped bis heute weiterlebt.
Retrospektiv lässt sich das leicht sagen: Ist doch klar, dass der Jürgen Wörner ein gefragter Fachmann für Mopeds des 1982 untergegangenen Herstellers Kreidler aus Kornwestheim wurde. Heute hat der Mann aus Ludwigsburg, Jahrgang 1965, Kunden in vielen Ecken Deutschlands, in der Schweiz und in den Niederlanden. Erst vor Kurzem hat er einem Mann, der mit seiner Familie auf der Nordseeinsel Pellworm lebt, für dessen Tochter zum 15. Geburtstag ein altes Kreidler-Mofa neuwertig aufgebaut. Das Geschenk hat den Vater ein Vielfaches des einstigen Kaufpreises gekostet.
Wörners aktueller Clou ist ein neuer Zylinder-Triebsatz für den legendären Kreidler-Klassiker, die Kleinkraftrad RS. Statt 50 Kubikzentimeter Hubraum hat die Maschine jetzt über 100 – und sie leistet satte 30 PS. „Zweitakter mit diesem aufgemotzten Motor fahren Tempo 140“, sagt Wörner. Mindestens. Und das alles, „nach entsprechenden weiteren Optimierungsmaßnahmen“, mit dem Segen des Tüv, so der Fachmann. 80 dieser Zylinder aus der ersten Serie seien mittlerweile verkauft. Jetzt hat der Karosseriebaumeister zusammen mit seinem Kumpel und Helfer Lars Schietinger eine zweite Serie mit 100 Stück aufgelegt.
Hergestellt werden die Zylinderköpfe in einer Gießerei im Raum Ludwigsburg. Wo genau, das soll geheim bleiben. Die Firmen wollen unbekannt bleiben, erklärt Lars Schietinger, der bei einem großen Automobilzulieferer in Stuttgart arbeitet und das CAD-Modell des Zylinders erstellt hat.
Die beiden Männer kennen sich erst seit ein paar Jahren. Damals hatte Schietinger bei Jürgen Wörner sein altes Kreidler-Mofa Flory sanieren und tunen lassen, das fast vier Jahrzehnte in der elterlichen Garage gestanden hatte. Ein Projekt, das längere Zeit dauerte – und in dessen Verlauf sich die zwei Männer mit dem Faible für alte Zweitakter aus Kornwestheim gut angefreundet haben. Die Flory glänzt nun wieder wie einst und schafft Tempo 100. Irgendwann stellte sich heraus, dass beide als Teenager bei ein und demselben Zweiradhändler in Möglingen zu den Stammkunden gehörten. Seelenverwandte.
Jetzt also machen sie gelegentlich gemeinsame Sache. Man trifft sich zum Tüfteln, zum Schrauben, zum Biertrinken, zum Fachsimpeln – auch mal mit weiteren gleichaltrigen Männern, die ebenfalls viel Benzin im Blut haben. Auf ihren gemeinsamen Spritztouren spulen die Mitglieder dieser rund 15-köpfigen Kreidler-Bande an einem Tag mit ihren knatternden Motorrädern schon mal ein paar Hundert Kilometer runter. Im Schwarzwald, in den Alpen, wo auch immer. Die Mopeds seien komplett alltags- und langstreckentauglich, schwärmt Lars Schietinger.
Rückblende: Bereits als Grundschulkind hat der Jürgen Wörner ein Faible für stinkende Fahrzeuge mit Zweitaktmotoren. Mit zehn Jahren bekommt er sein erstes, gebrauchtes Mofa der Marke Solo, an dem er immer wieder rumschraubt, das er aber nie wirklich zum Leben erweckt bekommt. Als Steppke verdient er sich als Helfer auf einem Schrottplatz ein bisschen Taschengeld. Er rast zusammen mit Gleichaltrigen in der Jugendgruppe des Verkehrsübungsplatzes Ludwigsburg in Gokarts über den Asphalt. Mit 13 himmelt er die älteren Kumpels an, die das Objekt der Begierde vieler Heranwachsender besitzen: eine Kreidler Flory. Als Jürgen 14 Jahre alt wird und zur Konfirmation einen Batzen Geld geschenkt bekommt, ist es so weit: Endlich kann auch er sich so eine Flory kaufen.
Kreidler, das ist in den 1970er Jahren der Traum vieler junger Männer, man könnte vielleicht sagen: das iPhone der damaligen Zeit. Die Teenager wollen raus. Mit der Harro-Lederjacke am Leib und nicht immer mit dem Helm auf dem Kopf was erleben. Auf Tour gehen. Die Mädchen beeindrucken. Lange her. Kaum mehr vorstellbar in diesen Zeiten des Klimawandels. Die meisten jungen Leute wollen heute vor allem online erreichbar sein. Ein eigenes Moped? Ein Auto? Ist für viele nicht mehr erstrebenswert.
Jürgen Wörners Flory läuft seinerzeit ab Werk nur läppische 25 Stundenkilometer. Er und ungezählte weitere Jugendliche frisieren ihre Mofas, manche dieser Zweiräder schaffen Tempo 60, andere fahren schneller als 100. Jürgen Wörner macht sich auf seiner Jahreskarte fürs Asperger Freibad ein Jahr älter und fährt verbotswidrig schon mit 14 Mofa. Notfalls, so seine Überlegung damals, zeigt er den Beamten bei einer Kontrolle halt das keck gefälschte Dokument. So weit die Theorie. Das Mofa, das er unter seinem Hintern hat, ist aber ohnehin illegal, weil es viel zu schnell fährt. Mehrmals wird er mit dem getunten Feuerstuhl von der Polizei erwischt. Zur Strafe darf er erst mit 19 Jahren den Autoführerschein machen.
Jürgen Wörner macht nach der Schule eine Lehre, er arbeitet halbtags fest angestellt – und eröffnet nebenher seine erste kleine Garage in Asperg. Kauft und verkauft Ersatzteile sowie Mopeds, am liebsten Zweiräder der Marke Kreidler. Sein Geschäft läuft gut und benötigt mehr Platz, zunächst zieht Wörner innerhalb von Asperg um, dann nach Ludwigsburg in das Gebäude Wöhlerstraße 15, in dem er nun seit fast 20 Jahren arbeitet. Früher hatte er mehrere Angestellte, seit ein paar Jahren ist nur noch eine Kollegin an seiner Seite: seine Frau.
Die beiden Filialen von Jürgen Wörners Firma Kiesler Racing in Waiblingen und in Stuttgart sind längst abgewickelt. Heute schafft Wörner am liebsten allein vor sich hin, zeitlich flexibel und ohne Druck. Wenn das Wetter gut ist, schwingt er sich gerne für eine spontane Tour ins Grüne aufs Fahrrad. Und wenn’s regnet, wird an Mopeds geschraubt, auch am Wochenende oder abends. Kunden, die bei Jürgen Wörner eine Kreidler restaurieren lassen wollen, müssen Geduld mitbringen – und das nötige Kleingeld. Es könne schon mal anderthalb Jahre dauern, bis ein neuer Auftrag in Angriff genommen werde, erzählt der gefragte Fachmann und grinst.
In seiner Werkstatt stehen ein paar Dutzend alte Kleinkrafträder, Leichtkrafträder, Mokicks und Mofas. Alle warten darauf, aufgemöbelt zu werden. Jürgen Wörner hat nicht nur einen aus einem Aluminiumblock gefrästen, größeren Motor entwickelt. Er hat jede Menge andere Kreidler-Originalteile verbessert, etwa das Getriebe und die Kurbelwelle, die in dem 30-PS-Motor bis zu 15 000 Umdrehungen pro Minute aushalten muss. Lars Schietinger sagt, die Kreidler-Krafträder von Jürgen Wörner seien „besser als die Originale“. Denn alle Zweiräder, die die Werkstatt in Ludwigsburg verlassen, seien in Handarbeit aufgebaut worden, sie hätten bessere Bremsen als früher und „optimierte Fahrwerkselemente“.
Von den insgesamt 1,3 Millionen Kreidler-Mopeds, die einst die Kornwestheimer Werkshalle verließen, sind heute noch maximal 80 000 übrig – einschließlich aller Floretts, Florys und Mustangs, die irgendwo in dunklen Garagen vor sich hin schlummern und auf einen Prinzen warten, der sie mit einem beherzten Tritt auf den Kickstarter wachküsst. Um seine Zukunft macht sich Wörner trotz des überschaubaren Kundenkreises offenkundig überhaupt keine Sorgen. Zu tun hat er nämlich genug – und die restaurierten Kreidler-Motorräder bringen gutes Geld. Bestimmt auch später mal, falls er sich seine Rente mit dem Verkauf aufbessern will. Wer eine RS mit dem größeren Kiesler-Racing-Motor und mit dem Segen des Tüv kaufen will, muss mehr als 10 000 Euro in die Hand nehmen. Über genaue Summen spricht Jürgen Wörner nicht.
Die Frage, ob es angesichts der Energiekrise überhaupt noch legitim ist, alte Zweitakter am Leben zu erhalten, die aus Sicht von Kritikern alles andere als umweltfreundlich sind, antwortet Lars Schietinger: Bei den Motorrädern aus Kornwestheim handle es sich um Zeitdokumente. Mit den Floretts seien die nostalgischen Erinnerungen aus den 50er und 60er Jahren verbunden. Das Wirtschaftswunder. Die Freiheit auf zwei Rädern. Und um in die Zukunft zu blicken, sollte man seine eigene Vergangenheit nicht vergessen. Im Übrigen verbrauche seine alte Flory, die er gemeinsam mit Jürgen Wörner im wahrsten Wortsinn wieder flott gemacht hat, lediglich drei Liter Benzin auf einhundert Kilometer – genauso viel beziehungsweise wenig wie anno 1979, als das Mofa maximal Tempo 25 schaffte. Kurzum: Der Mythos Kreidler lebt noch, auch wenn in der Fabrik in Kornwestheim längst die Lichter ausgegangen sind.