Er ist Anfang 30 und Ingenieur. Ingenieur könne man schreiben, die genaue Fachrichtung bitte nicht. Den echten Namen schon gar nicht. Er schlägt „Sven“ vor. Falls seine Ex-Freundin, manchmal muss er das „Ex“ noch nachschieben, den Artikel zufällig liest, soll sie keinesfalls denken, er wolle sie bloßstellen. Aber er möchte endlich alles berichten. So, wie er es erlebt hat.
Sven ist ein zierlicher Mann. Er hat seit sechs Monaten im Stuttgarter Männerhaus Schutz gefunden. Die eigene Wohnung war schon lange kein sicherer Ort mehr. Eher eine Arena. Für Kämpfe, die er immer verlor.
Wenn Sven seine Geschichte erzählt, werden seine Sätze von Minute zu Minute rasanter. Er peitscht sich in ein derartiges Tempo hinein, dass er immer wieder Verschnaufpausen braucht. Vieles hat er vergessen. Vieles scheint beim Sprechen erst wieder ins Bewusstsein zu rutschen. So lange hat er geschwiegen. Jetzt muss es mal raus.
Hilfstelefon für männliche Opfer von häuslicher Gewalt: 0711 / 33508784
Die meisten Opfer von häuslicher Gewalt sind Frauen. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall. Sven wurde von seiner Ex-Freundin über Jahre misshandelt. Warum hat er sich nie gewehrt? Sie nicht gestoppt? Oder verlassen? Diese Fragen stellt man sich reflexartig. Und man ist geneigt, mit scheinbar sicheren Urteilen über die Sache zu befinden. Das ist einfach. Doch das Meer der Liebe, so heißt es bei Robert Musil, kennt nur der Ertrinkende, nicht der Darüberfahrende.
Wie acht Jahre zusammenfassen? Acht Jahre, die Sven wie im Taumel erlebt hat und in denen so viel Erinnerung und Zeitgefühl verschüttgegangen ist. Wo anfangen? Bei den guten Zeiten? Waren sie je gut? Oder befand er sich schon gleich am Anfang im gemütlich möblierten Vorzimmer zur Hölle?
„Du, ich mag dich“
Sie lernen sich an der Stuttgarter Uni kennen, sind im gleichen Freundeskreis. Sven entspricht äußerlich nicht dem gängigen Model-Typ, sie schon eher. Umso mehr überrascht es ihn, als er eines Abends eine E-Mail von ihr empfängt: „Du, ich mag dich.“ Irritiert antwortet er: „Ich glaube, du hast die Nachricht aus Versehen an mich gesendet.“ – „Ich mein schon dich.“
Erst zögert er: Ist das gut? Was, wenn es nicht funktioniert und die Freundschaft daran zerbricht? Aber dann werden sie schnell ein Paar und ziehen gemeinsam in eine WG. Es ist schön mit ihr. „Easy going“, wie er sagt. Seine erste ernsthafte Beziehung. Svens Eltern mögen sie auch auf Anhieb. Sie ist sehr verständnisvoll. Kommt er mal zu spät – kein Problem. „Zu gut, um wahr zu sein.“
Dann beginnt eine Zeit, da verändert sie sich ein wenig. Fängt unvermittelt an zu weinen. Einen Grund kann sie auch nicht finden. „Sie wurde konfrontativer“, sagt Sven. Plötzlich hat sie etwas an seinen Freunden auszusetzen, an den WG-Mitbewohnern, an seinen Eltern. Und vor allem an ihm. Sie wirft ihm vor, die Wohnung nicht sauber genug zu halten. Wieso er ihr das antue? – „Dabei habe ich sogar die Lichtschalter geputzt.“
Immer öfter gibt er ihr Anlass, sich zu ärgern. Als er mal die Milch anbrennen lässt, schreit sie ihn an: „Du bist so blöd im Kopf!“ Sie tut ihm leid, weil Kleinigkeiten sie so aufwühlen und sie dann auch wieder weinen muss. Er entschuldigt sich tausendmal.
Wie ging es weiter? Ja das mit der Fernbedienung, „die hat sie bei jedem neuen Anfall durch die Wohnung geschleudert, ja so war’s“, sagt Sven. Dabei gehen der schöne Spiegel und die Glastür zu Bruch. Ihm gefällt ja ihr energetisches Temperament. Diese „Nebeneffekte“, wie er sagt, gefallen ihm nicht. Einmal will er sie wieder trösten, da fuchtelt sie um sich und kratzt ihm blutige Streifen in den Arm. Danach tut es ihr leid, sie verarztet ihn.
Das ist schon die Zeit, als Sven sein Leben immer mehr auf sie ausrichtet. Es gibt kaum noch Kontakt zu den Freunden oder Besuche bei den Eltern. Das Schachspielen gibt er auf – weil sie sich schlecht fühlt, wenn er bei seinen Vereinsfreunden und sie allein zuhause sitzt. Im Supermarkt wird nur noch eingekauft, was ihr schmeckt. „Das war okay für mich“, sagt Sven. Er achtet nun sehr darauf, keinen Fehler mehr zu machen.
Kam dann das mit der Packung Erdnüsse, die sie ihm aus lauter Wut ins Bett streute? Nein, das muss schon vor den Kratzern gewesen sein. „Richtig rabiat wurde sie, als wir in die kleine Wohnung zogen.“ Wenn er die Klobrille oben lässt, setzt es Ohrfeigen. Sie wirft das Waffeleisen nach ihm. Er kann noch so achtsam sein, sie findet Gründe, wegen ihm zu erzürnen. Gibt es mal keine neue Verfehlung, kramt sie alte hervor. Hat sie mal gute Laune, nutzt es Sven, um das mit ihrer Aggression anzusprechen. Dann ist die Chance groß, dass es danach nicht so viel Prügel gibt.
Eine Ärztin spricht ihn auf die Blutergüsse und Bisswunden an
Einmal schließt er sich auf seiner Flucht ins Schlafzimmer ein. Keine gute Idee. So wird sie erst recht zur Furie und demoliert die Tür. Fortan lässt er das lieber. Stattdessen wickelt er sich in die Bettdecke, um ihre Faustschläge zu dämpfen. Anfangs gelingt es ihm noch, in ruhigen Minuten mit ihr über die Ausraster zu reden. Manchmal ist sie einsichtig. Manchmal schauen sie friedlich nebeneinander fern. Oder sie machen Spaziergänge in den Weinbergen. Solche Tage verbucht Sven unter „schön“.
Wenn es wieder anfängt, kauert er am Boden. Es folgen dann Schläge und Tritte auf den Rücken. Aber noch unschöner sind die Male auf der Stirn, wenn sie ihn in dieser Stellung über den Teppich zieht. Die neue Wohnung hat Laminat, der hinterlässt wenigstens nicht so sichtbare Spuren. „Sie ist zart gebaut, kann aber unglaubliche Kräfte entwickeln“, sagt Sven. Eine Ärztin spricht ihn mal auf die Blutergüsse und Bisswunden auf der Schulter an. Er weiß nicht mehr, was er damals sagte. Aber wer schöpft bei einem Mann schon den Verdacht auf häusliche Gewalt? Ein anderer Arzt ist sichtlich überfordert, als er von Sven den Grund für die Blessuren erfährt: „Das geht wieder weg.“
Wann ist der Zeitpunkt zu sagen, so geht es nicht mehr weiter. Wann der Punkt, diese Worte auch umzusetzen. „Es war alles so schleichend, und sie tat mir ja immer so leid dabei“, sagt Sven. „Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, ihr keinen Grund mehr für weitere Ausbrüche zu geben.“ Mit der Zeit bemerkt er, dass sie besonders zur Gewalt neigt, wenn sie hungrig ist. Also bekocht er sie fleißig und bietet ihr immer wieder eine Zwischenmahlzeit an. Das federt ihren Groll ein bisschen ab.
Die ganz schlimme Phase kommt erst noch. Sie dauert vier Jahre. Vier Jahre täglich Prügel. Manchmal geht es von 22 Uhr bis in die Nacht hinein. Die Wutanfälle kommen nun immer unvermittelter. Oft erwacht er nach besonders rüden Attacken wie aus einem Traum, sieht grelle Farben und nimmt einen Schluck Tabasco, um zu prüfen, ob das alles noch real ist. „Ich war chronisch kaputt“, sagt Sven. Wie er das noch mit dem Studium hinbekam, ist ihm selber ein Rätsel. „Mein Schutzraum war die Uni.“
Einmal ist er halb bewusstlos, nachdem sie ihm mit der Kleiderstange schwer am Kopf getroffen hat. Er hört noch, wie sie weint „Oh Gott, jetzt bist du tot“ – und im nächsten Moment wieder wütend wird: „Wegen dir muss ich jetzt ins Gefängnis!“ In der Notaufnahme erzählt er dem Arzt, was passiert ist. Der sagt: „Sie müssen da raus.“
Doch Sven fühlt sich ja schuld an dem Problem. „Da war das Gefühl, dass ich versage, weil ich es einfach nicht hinbekomme, diese Situationen zu verhindern.“ Und es gibt ja auch die Momente, da nimmt sie ihn in den Arm. Dann ist alles wieder gut. Alles andere nie passiert. Alles ganz normal. Kein anderer Gedanke mehr. Alles gut. Bis wieder eine Ohrfeige knallt, weil er die Zwiebel falsch geschnitten hat.
Sie stranguliert ihn mit dem Bademantelgürtel
Der Umzug, sein Job bei einem Maschinenbauer soll ein Neuanfang werden. Sie will das auch. Fünf Tage hält es. Bald stranguliert sie ihn mit dem Bademantelgürtel: „Das kann doch nicht sein, dass es so lange braucht, bis du stirbst!“ Es gibt Paare, für sie sind solche Inszenierungen eine sexuelle Spielart. Sven kann dabei absolut keine Lust empfinden. Oft fällt ihm das Sitzen im Büro schwer wegen den blauen Flecken auf dem Hintern. Die Oberschenkelnarbe, wo sie ihm mit dem Küchenmesser attackierte, ist ihm eine bleibende Erinnerung.
Sven ist ein Wandel in der Wahrnehmung von Gewalt gegen Männer aufgefallen. In der ersten Zeit reagiert nie jemand, wenn sie ihn auf der Straße schlägt oder beschimpft. Später gibt es Situationen, wo Leute was sagen: ,Soll ich die Polizei rufen?’ – ,Kann ich helfen?’ – ,Sag mal, wie behandelst du den?“
Gewalt gegen Männer, lange Zeit existiert der Begriff nicht für Sven. „Ich dachte, solche Attacken seien normal in vielen Beziehungen, man macht es halt nicht zum Thema.“ So redet sie es ihm auch ein. Erst allmählich dämmert in ihm: Das ist Gewalt. Aber keine Alternative. Sich wehren? Er kann doch keine Frau schlagen. Außerdem ist er überzeugt: Allein liefe sein Leben völlig aus dem Ruder. So ein unmöglicher Mensch wie er kommt allein nie klar in der Welt. Dann wenigstens häusliche Sicherheit – mit Prügel.
Er googelt „Gewalt gegen Männer“. Findet nur einen Hof in Brandenburg, der zum Schutzhaus umgebaut wurde. Er ruft drei Mal bei der Hotline für Frauen an. Die erste Beraterin lehnt es ab, mit einem Mann zu sprechen. Die zweite meint, sie wisse, dass das auch ein Problem sei, könne ihm aber nicht helfen. Die dritte erklärt, Schutzhäuser für Männer gebe es nicht, die einzige Lösung, die sie sehe, sei die Obdachlosenunterkunft.
Sven merkt, dass ihn die Kollegen in der Firma mögen. Ob er vielleicht gar kein so unmöglicher Mensch ist? Ob er allein Fuß fassen könnte? Aber wie soll er das hinkriegen, ohne dass sie verzweifelt, weil er sie im Stich lässt? Schließlich empfiehlt ihm sein neuer Hausarzt ein Gespräch bei der Stuttgarter Sozialberatung. Er arrangiert heimlich einen Termin. „Gewalt hat keiner verdient“, sagt der Mann dort. – „Ja, aber ich mache schon auch viel falsch.“ – „Es gibt keinen Grund zuzuschlagen.“ – „Ja aber . . . “ – „Es gibt absolut keinen Grund für Gewalt.“
Das Männerhaus riecht wunderbar
Im vergangenen Oktober muss die Freundin über Nacht verreisen. Die Gelegenheit. Sven bereitet den Absprung vor. Kaum ist sie weg, packt er seinen Koffer.
Jedes Haus hat seinen Geruch. Das Männerhaus riecht wunderbar. Nach Sicherheit und Ruhe. Die Zimmer sind spärlich eingerichtet, „aber ich bin super froh, es hat sich wirklich gelohnt“, sagt Sven. Er teilt die Wohnung mit einem Mann, dem es genauso ging. Sie kommen gut klar miteinander. Vielleicht auch, weil sie ähnliche Verhaltensweisen entwickelt haben: sehr umsichtig sein, sich selber zurücknehmen für den anderen.
Sven hat Angst, dass er ihr zufällig auf der Straße begegnet. Im Bus sind da immer die Kontrollblicke: Wer steigt ein? Manchmal fühlt er sich, wie aus den Fängen einer Tiefseekrake entkommen. Manchmal als Verräter: „Für sie ist es schlimm, was ich mache. Ich gehe weg, und ich sage nicht, wo ich bin.“ Er sorgt sich noch immer um sie.
Sie haben noch Kontakt über Whatsapp. Sie will ihn zurück. Irgendwie fühlt er sich noch verantwortlich, dass sie ein gutes Leben hat. Wenn sie anruft, muss er sich zwingen, nicht gleich ranzugehen. Wo er doch weiß, wie sehr sie das aufregt. Und er weiß auch: Keiner ist ihr so vertraut.
Wenn sie dann mal sprechen, versucht er ruhig und im Guten zu erklären, warum er weg ist. Sie fängt dann immer an zu weinen. „Sie kapiert es nicht. Kapiert nicht, dass sie mir Gewalt angetan hat. Sie denkt eher, ich hätte eine andere“, sagt Sven. „Ich glaube, sie verdrängt total, was sie gemacht hat. Es wäre zu belastend für sie, sich das einzugestehen.“
Vieles an seinem neuen Leben ist ungewohnt. Er hat keine Panik mehr, wenn er einkauft, was er will. Neulich aß er einfach Erbsen – mit einem Rest an schlechtem Gewissen. Im Rückblick hat er das Gefühl, als hätte er in einem anderen Universum gelebt. „Wie ein Afghanistansoldat, der ins Zivilleben zurückkehrt.“ An eine neue Partnerin denkt er nicht. Wenn ihn Kolleginnen zum Geburtstag umarmen, ist das fast schon zu viel Nähe. Sollte es je eine neue Beziehung geben, dann mit einer Frau, bei der man keine Angst haben muss, was sie als Nächstes tut.
Er hat noch viel nachzudenken
In dieser Woche verlässt er das Schutzhaus. Die Leute von der Sozialberatung haben ihm geholfen, eine Wohnung zu finden. „Mal sehen, ob die Auswilderung gelingt“, scherzt Sven. Er wird sich weiter zu Gesprächen mit dem Sozialteam treffen. Er hat noch viel nachzudenken. Noch einige Baustellen. Die Albträume: In einem, der immer wiederkehrt, isst er einen Döner. Dabei tropft Knoblauchsoße auf die Straße, und sie schlägt ihn.
Nach drei Stunden hat sich Sven erschöpft geredet. Es wühlt ihn auf. Vielleicht, sagt er, könne seine Geschichte anderen helfen, denen es so geht, wie es ihm ging. Vielleicht ist das Gesagte ja auch unbewusst eine Erklärung an die Ex-Freundin. Weil auf normale Weise kann man ja nicht mit ihr reden.
Dieser Text erschien erstmals am 11.03.2022.