Ein neues Quartier entsteht in Stuttgart So verändert sich die Calwer Passage

Die neue Calwer Passage wird 300 Meter länger und öffnet sich in der Lange Straße. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Im vierten Quartal 2021 wird schrittweise die neue Calwer Passage eröffnet. Hinter dem Projekt stehen große Ambitionen der Ferdinand Piëch Holding. „Wir denken das Ganze als Quartier“, sagt Geschäftsführer Frank Beling.

Stuttgart - Noch steht hier eine rote Gasflasche. Sie verdeckt den Punkt, der die geografische Mitte der Stadt am Calwer Platz kennzeichnet. Und die Gasflasche ist ein Symbol für die letzten Handgriffe eines Millionen-Projektes: die Calwerpassage nebst dem Bürogebäude, in das ab dem vierten Quartal des Jahres rund 300 Mitarbeiter der Anwaltssozietät CMS Hasche Sigle einziehen werden. Wenn Frank Beling, Statthalter der Ferdinand Piëch Holding, über diese Baustelle spaziert, ist er kaum zu bremsen. Er sprüht vor Tatendrang und Begeisterung. Für ihn entsteht an dieser markanten Stelle mehr: Die alte Mitte der Stadt soll nun auch die neue werden.

 

Auf dem Dach ein Miniwald mit elf Bäumen

Beling und die Holding denken groß und grün: „Wir entwickeln hier nicht nur eine Passage und die Calwer Straße, das alles ist als ein Quartier gedacht.“ Ferdinand Piëch, Sohn des gleichnamigen ehemaligen Porsche-Großaktionärs und VW-Aufsichtsratsvorsitzenden, will das Gesicht der Stadt mitentwickeln. Ganz im Sinne einer lebenswerten Stadt. An dieser Stelle und irgendwann auch am Hindenburgbau. Man denke langfristig, nicht um des schnellen Euro willen. Die Anlaufzeit belegt das: Piëch hat das Gebäude am Rotebühlplatz bereits 2014 für geschätzte 32 Millionen Euro von der Württembergischen übernommen und mit langem Atem mit den Stuttgart-21-Architekten Christoph Ingenhoven,Tennigkeit + Fehrle Architekten sowie dem Ingenieur Werner Sobek entwickelt. Auf dem Dach des neuen Gebäudes entlang der Theo gedeiht ein Mini-Wald mit elf Bäumen, der bald auf ganzer Fläche von einem Garten mit 100 Büschen, Sträuchern und Bäumchen umrahmt wird.

„Das ist kein grünes Marketing oder Alibi, sondern ein wichtiges Thema. Die grüne Fassade ist rund 30 Prozent teurer als eine Begrünung“, beteuert Beling und belegt es mit Fakten, die den Beitrag der Fassaden- sowie der Dachbegrünung am Stadtklima leisten. Natürlich will sein Arbeitgeber, die Holding, auch Geld verdienen. Daran sei nichts ehrenrührig. „Herr Piëch ist Stuttgarter, auch wenn er in Zürich geboren ist“, sagt der Geschäftsführer der Ferdinand Piëch Holding GmbH, „er ist hier aufgewachsen und der Stadt sehr verbunden.“ Mehr noch: „Wir sehen uns als einen Teil der Stadt und wollen die Stadtentwicklung nach vorne bringen.“

Neuer Concierge-Service am Kiosk

Wie Breuninger beim Dorotheen Quartier so ist auch für die Ferdinand Piëch Holding die Stadtverwaltung eine Art Partner auf Augenhöhe. Bedeutet: Man setze die Auflagen des Denkmalschutzes inzwischen „mit Freude“ um. Zuvorderst natürlich den Erhalt der kuppelbedachten Calwer Passage. Aber auch die Wünsche des Referates Bau bei den Zugängen der Passage, bei der alle Zugänge erhalten bleiben. „Die Stadt wünscht sich, dass sich das Gebäude hin zum Treffpunkt Rotebühlplatz öffnet“, sagt Beling, „wir sollen die Leute dort abholen.“

Junge Bioland-Bäckerei ist dabei

Natürlich soll diese neue Mitte auch mit Leben erfüllt werden. Dafür sorgen sollen unter anderem Mieter wie „Zeit für Brot“, eine junge Bioland-Bäckerei mit Café, „another milk“, das vegane glutenfreie Coffeeshop-Konzept, der Kiosk „yes yes“ mit einem Concierge-Service und „to je to“, ein Angebot in Form von Food und Drinks, Interior-Decor und Beauty. Darüber hinaus plant „Feinkost Böhm“ in den früheren Räumen von „McDonald’s“ einen weiteren Standort mit einem etwas kleineren Sortiment im Vergleich zum Mutterladen in der Kronprinzstraße. „Inhabergeführte Konzepte auf kleinen Flächen sind der neue Trend“, sagt Beling, der Calwer Platz samt Passage böten hierfür „das ideale Flair und die passenden Rahmenbedingungen dafür.“ Es sei erklärtes Ziel der Holding, mit bezahlbaren Mieten vor allem solchen individuellen Geschäften und Cafés in dieser zentralen Innenstadtlage eine Chance zu geben.

Freilich wird so kein zweites Fluxus entstehen. Ein Pop-Up-Konzept, mit dem der Entwickler Hannes Steim in der Übergangsphase der Passage neues Leben eingehaucht hatte. Auch wenn die Mieten nun günstiger sein sollen, für experimentierfreudige Gastronomen und Händler wird dieses neue Pflaster wahrscheinlich zu teuer sein. Gleichwohl hat Frank Beling nicht nur Sympathie für den Fluxus-Gedanken, sondern will auch von dem damaligen Ruhm profitieren: „Das Fluxus hat die Calwer Passage positiv aufgeladen.“

Passage ist wahrscheinlich sonntags zu

Und weil die Sache zuletzt gut funktioniert hat, wird die Calwer Passage nach der Wiedereröffnung nicht nur im Originalzustand geputzt, gewienert und wie neu erscheinen, die denkmalgeschützte Verbindung von Calwer- und Theodor-Heuss-Straße, wird verlängert. „Die gesamte Passage wird zukünftig eine Länge von rund 100 Meter haben, davon entfallen auf den denkmalgeschützten Bereich 70 Meter und auf den neuen Bereich 30 Meter“, erklärt Belings Assistentin Cindy Mayer-Walcher. Und sie betont: Die Durchgänge der Passage - auch der neue zur Lange Straße hin – müssen laut Stadtverwaltung von Montag bis Samstag von 9 bis 22 Uhr geöffnet sein. Ob diese Zeiten verlängert werden, soll noch mit den jeweiligen Betreibern abgestimmt werden. Dennoch sei eine hohe Durchlässigkeit wichtig. Um in dieser Hinsicht den Zugang zur Theo attraktiver zu gestalten, habe man das Gebäudeniveau dem der Straße angepasst.

Nicht minder wichtig ist aus Sicht von Frank Beling jedoch der Austausch mit der Calwer Straße. Sie liegt ihm und Ferdinand Piëch besonders am Herzen. Sie spielt in dem Konzept Calwer-Quartier als neue und alte Mitte eine zentrale Rolle. Nach und nach hat die Holding daher auf der Passagenseite der Calwer Straße drei weitere Gebäude aufgekauft und saniert, um anschließend bei der Betreiberauswahl Einfluss auf die gesamte Quartierentwicklung nehmen zu können. Als Beispiele nennt Beling die künftige Bar und den Verkauf von Kessler Sekt oder die Ansiedlung des Premium-Küchenherstellers Bulthaup. Beide Namen stünden für das Neue: die neue Passage, das neue Calwer-Quartier und damit die neue, alte Stuttgarter Mitte.

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