Ein Paar aus Winnenden segelt über die Ozeane Einmal um die ganze Welt
Der 61-jährige Ralf Reiter und die 66-jährige Gaby Katala aus Winnenden segeln seitfünf Jahren über die Weltmeere. Eine Halbzeitbilanz.
Der 61-jährige Ralf Reiter und die 66-jährige Gaby Katala aus Winnenden segeln seitfünf Jahren über die Weltmeere. Eine Halbzeitbilanz.
Sie sind auf Tahiti gestrandet. Pünktlich zu den Surf-Wettbewerben der Olympischen Spiele, die Ende Juli auf der zu Französisch-Polynesien gehörenden Insel begonnen haben, sind die beiden im Paradies. Wobei Olympia eher zu ihnen kam: Das Segelboot von Gaby Katala, 66, und Ralf Reiter, 61, aus Winnenden liegt schon seit Monaten auf Tahiti. Die Wettkämpfe werden die beiden wohl nicht besuchen. Übermäßig viel Notiz nehme in der Hauptstadt Papeete ohnehin niemand von den Spielen, sagt Ralf Reiter.
Eigentlich hatten die zwei schwäbischen Weltenbummler längst schon wieder unterwegs sein wollen. Aber das bestellte Ersatzsegel kam viel später an als erhofft. Das durchkreuzte alle Pläne. Egal. „Wir bleiben jetzt halt bis April 2025 auf Tahiti und Umgebung“, schreibt Ralf Reiter per WhatsApp. Ihr nächstes Ziel sind die Fidschi-Inseln. Weil die Hurrikan-Saison dort aber im Dezember beginnt, sei die Zeit zu knapp. „Fidschi ist viel zu schön, um nur kurz vorbei zu segeln.“ Also insgesamt fast ein Jahr Tahiti. Gaby Katala und Ralf Reiter denken während ihrer Weltreise schon lange nicht mehr in Tagen oder in Wochen. Seit fünf Jahren sind sie jetzt bereits mit ihrem Katamaran Katinka auf großer Tour.
Seit 1999 sind die beiden ein Paar. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte Gaby den Wunsch ihres Gefährten als Spinnerei abgetan. Er hatte schon als Kind segeln gelernt und von der weiten Welt geträumt. Sie indes wird auf dem Meer seekrank. Einmal um den Globus? Kommt gar nicht in Frage! Er hatte seine Idee zwar immer wieder mal ins Gespräch gebracht, irgendwann dann aber eigentlich endgültig verworfen. Die Alternative, mit einem Wohnmobil die Länder dieser Erde erkunden, erschien ihm auch nicht wirklich sinnvoll, erzählt Ralf Reiter während eines vierwöchigen Heimatbesuchs in diesem Frühjahr. „Es gibt doch viel mehr Wasser als Land“, sagt er lächelnd.
Und dann kam die überraschende Wende. Gaby fragte ihn eines Tages unvermittelt: „Was wird eigentlich aus unserer Weltumseglung?“ Mit diesen sechs Worten war die Sache quasi besprochen. „Das war mein Fehler“, sagt sie lächelnd. Mittlerweile allerdings liebt auch sie das Segeln, obwohl sie manchmal noch seekrank wird.
Damals, das ist jetzt sieben Jahre her, suchten die beiden ein Boot. Sie fanden einen Katamaran, Baujahr 1973, für rund 100 000 Euro. Sie versilberten ihre Habseligkeiten und kündigten ihre Jobs – er arbeitete als Techniker, sie in der Finanzbuchhaltung. Der kühne Plan des Paares: zehn Jahre auf dem Meer leben, die Erde einmal umrunden. Das Budget: 3000 Euro pro Monat. Große Sprünge, sagt er, können sie mit dieser Summe nicht machen. Bier trinken sei nicht immer drin.
Sie leben auf ihrem zwölf Meter langen, fünf Meter breiten Boot. Der Katamaran hat zwei Kojen mit je zwei Betten, einen Salon, eine Küche, ein Bad und eine Toilette. Alles winzige Räume, insgesamt etwa 45 Quadratmeter. Das Schiff hat Ralf Reiter zwei Jahre lang um- und ausgebaut. Die Katinka verfügt über eine Solaranlage und einen Windgenerator zur Stromerzeugung sowie eine Meerwasser-Entsalzungsanlage.
Gaby Katala macht einmal im Jahr einen Beuch in der Heimat. Im Haus ihres Sohnes in Winnenden haben sie und Ralf Reiter eine kleine Wohnung. Er ist seltener in Deutschland. Die Stippvisite im vergangenen Mai war sein erster Abstecher in die Heimat seit Beginn der ausgedehnten Segeltörn. Deutschland, sagt er, habe sich verändert. „Nicht unbedingt zum Besseren.“
Ende 2019. Die Katinka liegt in einer Marina in der Nähe von Genua. Der seit langem geplante Start der Weltumseglung steht unmittelbar bevor. Doch dann stoppt die Corona-Pandemie das Paar. „Wir waren monatelang in dem Hafen eingesperrt“, erzählt Ralf Reiter. Die Marina dürfen sie damals nur einzeln verlassen – und auch nur zum Einkaufen. Ein ziemlicher Fehlstart.
Erst im Mai 2020 geht es richtig los. Sie steuern die Katinka um Sizilien herum, weiter nach Sardinien, dann zu den Balearen. Ein paar Stopps am spanischen Festland, weiter nach Gibraltar. Madeira, sagt Gaby Katala, sei ihre absolute Lieblingsinsel. Wenig später bleibt das Paar auf den Kanarischen Inseln hängen. Eigentlich wollen die beiden über den Atlantik und dann Südamerika umrunden. Doch viele Länder sind wegen der Pandemie geschlossen. „Wir haben ein Jahr lang auf den Kanaren gewartet“, erzählt Gaby Katala. Nächster Stopp: die Kapverden, wo sie am Strand von einer mit Messern bewaffneten Gang ausgeraubt werden. Das Bargeld und die Smartphones sind weg. Die Lust am Segeln noch nicht.
Es geht weiter nach Französisch-Guyana und Kolumbien. Die beiden streifen durch den Dschungel und besuchen Bogota, die kolumbische Hauptstadt, von der es heißt, sie sei nicht ungefährlich. „Aber alles easy“, sagt Gaby. Überall treffen sie „tolle Leute“. Auch in Panama, wo Ralf Reiter und Gaby Katala allerdings verhaftet werden – weil ihre Visa abgelaufen sind. Gegen eine Zahlung von umgerechnet etwa 100 Euro kommen sie wieder frei. Die Passage durch den Panamakanal kostet rund 2500 Euro, fast ein ganzes Monatsbudget. Dafür wird die Stippvisite auf den Galapagos-Inseln gestrichen, die Einreise mit dem Boot würde noch mal viel Geld verschlingen.
Ralf Reiter und Gaby Katala leben ständig auf engstem Raum zusammen. Wird das nicht langweilig? Geht man sich nicht irgendwann auf die Nerven? „Nein“, sagen beide sofort. Gelegentlich kommen Freunde oder Verwandte zu Besuch und segeln ein paar Tage mit. Das sei schön, „aber am liebsten sind wir zu zweit“, sagt Gaby. Und Ralf schwärmt von „dem Jahr der Stille“ auf den Gambier-Inseln, einem Archipel im Südpazifik.
Die 7000 Kilometer lange Passage über den Pazifik zu dem Archipel indes sei nicht immer lustig gewesen, erzählt Gaby Katala. Mehrere Wochen lang hätten sie nicht ein einziges anderes Boot gesehen. Über diese Fahrt hat Ralf Reiter ein Buch geschrieben: „4000 Meilen bis ins Paradies“. Gaby erzählt von einem „Auf und Ab der Gefühle – wobei das Ab deutlich überhand hatte“. Mal gar kein Wind, dann viel zu viel Wind oder Wind von der falschen Seite. Er spricht mit Blick auf die Passage von „der einsamsten Gegend der Welt“ und schreibt in dem Buch vom „Abenteuer, das uns physisch und psychisch alles abverlangte“. Der gefährlichste Moment ist die Begegnung mit einem peruanischen Fischer, der über Funk irgendetwas von „Wasser“ spricht. Die beiden Deutschen glauben, der Mann benötige Frischwasser. Bald aber kapieren sie, dass er sie warnen will: Im Wasser treiben riesige Fischreusen. Hätten sie mit ihrer Katinka nicht gerade noch ausweichen können, wären sie da nie mehr heil rausgekommen.
Ralf Reiter und Gaby Katala wissen auch: Wenn sie auf hoher See richtig krank werden, käme jede Hilfe zu spät. Ein Herzinfarkt? Wäre wohl kaum zu überleben. „Wir haben uns so gut wie möglich vorbereitet“, sagt er. „In medizinischen Kursen haben wir sogar Schweinehälften zusammengenäht.“
Die Monate auf den Gambier-Inseln, die zu Frankreich gehören, seien bis jetzt die tollsten gewesen, sagt Ralf Reiter. Alle Europäer dürften bleiben, so lange sie möchten – ohne befürchten zu müssen, wegen eines fehlenden Visums verhaftet zu werden. Das „grandiose“ Kulturfestival auf der Insel Marquesas vergessen sie auch nie. Die Einheimischen tanzen, tragen Kleider aus Blättern, kochen in Erdöfen. Sie treffen einen 75-jährigen Schweden, der ganz allein mit einem Einhandsegler unterwegs ist. Oder Jens, der auf Grönland lebt. Oder Peter und Petra aus Bruchsal.
Ralf Reiter sagt, er liebe es, langsam zu reisen und fremde Menschen gut kennenzulernen. Die Hektik in den größeren Städte hingegen vermisse er nicht. Im Hafen von Papeete sei er nach vielen Monaten wieder in einem Supermarkt gewesen. „Es gab acht verschiedene Salamisorten. Acht! Ich war überfordert und hab’ gar keine gekauft.“
Im nächsten Frühjahr wollen die beiden zu den Cook Inseln segeln, nach Tonga und dann nach Fidschi. Im Oktober 2025 steht Neuseeland auf dem Reiseplan – „für eine Segelpause, um Land und Leute besser kennenzulernen“. In den folgenden Jahren sind dann noch Australien und Madagaskar geplant, Afrika, die Insel St. Helena sowie Brasilien. Er würden gerne Südamerika umsegeln. Sie sagt: „Kommt gar nicht in Frage.“ Also, mal abwarten. Auf New York und die Azoren als großes Finale haben sich Ralf und Gaby hingegen schon einigen können. Anfang 2030 wollen sie dann zurück sein am Winnender Zipfelbach.