Ein Rentner aus Pfullendorf wird zum Trauerredner Mitten im Leben

Nadelstreifenanzug, ein weißes Hemd und eine dezent gemusterte Krawatte – damit ist seine Berufskleidung perfekt: der Trauerredner Karlheinz Fahlbusch auf dem Friedhof von Meersburg. Foto: Uli Fricker

Für Neues ist es nie zu spät: Als Rentner sattelte Karlheinz Fahlbusch um und wurde zum „Trauerredner im Linzgau“.

Er verspätet sich. Einige Minuten nach pünktlich stürzt Karlheinz Fahlbusch in das Café in Meersburg. Der Mann ist 71 Jahre alt und bezieht längst Rente. Doch halten ihn seine diversen Jobs immer noch ordentlich auf Trab. Er kommt von einem Beratungsgespräch, das er als VdK-Vorsitzender in Pfullendorf führte. Als Ombudsmann für die sozialen Dinge rufen ihn die Mitglieder an. Mietpreiserhöhung oder Bürgergeld – Herr Fahlbusch wird es richten.

 

Herr Fahlbusch trägt einen Nadelstreifenanzug und ein weißes Hemd. Später wird er eine dezent gemusterte Krawatte anlegen – fürs Foto. Damit ist seine Berufskleidung perfekt, die in Europa noch immer als Schwarz definiert ist. Seit sieben Jahren arbeitet er in einer Branche, die quicklebendig ist, auch wenn sie mit Toten zu tun hat. Als Trauerredner geht er in Friedwäldern und Friedhöfen ein und aus. Er vermittelt eine Dienstleistung, die sich kaum greifen lässt: Er spendet Trost.

Zu dieser speziellen Form der öffentlichen Rede kam Karlheinz Fahlbusch wie die Jungfrau zum Kind. Ein wichtiges VdK-Mitglied war verstorben, die Witwe bat Fahlbusch, doch einige Worte am Grab zu sagen. Der Verstorbene sollte auch von Vereinsseite her gewürdigt werden, so der Wunsch der Familie. Also flickte er Bruchstücke zu Sätzen und diese Sätze zur Ansprache zusammen. Die Worte gingen ihm nicht aus. Jemand sagte ihm: Das solltest du zu deinem Beruf machen. Auch er sagte sich damals: Das liegt dir. Allmählich baute er sich die neue Aufgabe auf. Reden liegt ihm. Er kann gut mit Leuten, auch weil in seinem eigenen Leben schon viel passiert ist.

Er wollte nicht zur Bundeswehr

Das war nicht immer so. Mindestens die Bundeswehr musste der Badener davon überzeugen, dass er überhaupt nicht mit Menschen umgehen kann. Dass er es kaum aushalten könne auf einer Stube, in der acht Mannschaftsdienstgrade nächtigen. Wie viele junge Männer hat auch Fahlbusch seine eigene Geschichte mit der Armee. Er wollte nicht rein, aber die Armee wollte ihn. Seine Verweigerung scheiterte in der Verhandlung vor einem hochkarätigen Ausschuss. Also musste er als Rekrut einrücken – und simulierte den psychisch Kranken. Der gutachtende Psychiater durchschaute ihn, der Bundeswehr entkam er doch. Darüber ist er bis heute froh. Sein Vater hatte ihn darin bestärkt. „Du wirst mir nie eine Uniform tragen“, hatte der gesagt. Er hatte im Zweiten Weltkrieg genug gesehen. Als Mitglied der Waffen-SS war er zuerst bei den Eroberern, dann bei den Gefangenen in Sibirien. Den warnenden Satz hat sich der Sohn hinter die Ohren geschrieben. Er trägt Nadelstreifen, aber nie Uniform.

In den Branchen, in denen er sich tummelte, hatte Fahlbusch stets mit Menschen zu tun. Er saß dem evangelischen Pfarrgemeinderat von Mengen vor, er trat dem Sozialverband VdK bei. Der gelernte Erzieher war einer der ersten männlichen Kindergartenleiter im Landkreis Sigmaringen. Darauf ist er bis heute stolz. Später wurde ihm die Betreuung der ersten vietnamesischen Boatpeople anvertraut. Irgendwann konnte er jedoch nicht mehr. „Das waren 24 Stunden am Tag“, erinnert er sich. In der Reha wurde ihm nahegelegt, die Profession zu wechseln.

Er zog den nächsten Job. Auch dort hatte er wieder mit Menschen zu tun. Mit angenehmen und weniger angenehmen, mit hohen Tieren und unscheinbaren Zeitgenossen. Heute Baden, morgen Oberschwaben. Er wurde freier Journalist mit eigenem Büro. Fahlbusch zog über die Lande. Er klingelte in Meßkirch, schrieb über Sigmaringen, fotografierte in Pfullendorf, wo er bis heute wohnt. Für seine Zeitungskunden brauste er über die Dörfer. Bald kannten alle den rasanten Reporter mit dem markanten Schwäbisch. Narrentreffen, Feuerwehr, Ortschaftsrat – vor ihm war keiner sicher. An manchen Wochenenden hakte er bis zu zwölf Termine ab und war stolz auf diese Fülle, damals. Es staffierte auch ihn mit Bedeutung aus. Auf dem Land wird der Pressevertreter noch freundlich empfangen. Er darf in der ersten Reihe sitzen, er steht mitten im Leben.

Das war einmal. Heute ist er nurmehr sporadisch im Einsatz. Wenn beispielsweise in Heiligenberg am Bodensee ein Narrentreffen ist, dann ruft ihn der Elferrat an, und Fahlbusch braust aus Pfullendorf an. Doch die meiste Medienzeit hat er hinter sich. Er könnte die Füße hochlegen. Er könnte auch nach den acht Enkeln schauen, die seine sechs Kinder auf die Welt brachten. Will er nicht. „Ich bin kein Opa“, sagt Fahlbusch in erfrischender Klarheit. Großeltern, die ihre Enkel flächendeckend beschatten, kann er überhaupt nicht verstehen. Auch solche nicht, die mit laufendem Motor vor den Musikschulen oder Kindergärten stehen, um ihre Großkinder abholen. Großvater Karlheinz setzt einmal im Jahr einen Enkeltag an, den er seinen Nachkommen widmet. Damit ist es dann aber auch gut.

Er verlässt sich auf das Zeitgefühl seiner Frau

Da reizt ihn ein anderes Projekt, das dem Mysterium Leben vom anderen Ende her auf den Leib rückt: die Arbeit als Trauerredner. Darin fühlt er sich wohl. In den Ruhewäldern am Bodensee kennt man ihn. Zwischen Baum und Borke steht Fahlbusch in Nadelstreifen und doziert. Seine erste Regel: Er redet frei. „Ich muss doch sehen, wie die Leute reagieren. Ob das ankommt oder ob sie schon müde sind“, sagt er. Stichworte dienen ihm als Stütze. Er notiert sie auf kleinen Zetteln, damit die Namen stimmen. Er improvisiert auch, wenn er sieht, dass eine Passage ausbaufähig ist und besonders interessiert. „Eine Ansprache kann bis zu 20 Minuten gehen“, sagt er. Wenn ihm danach ist, verlängert er. Gut, dass ihn seine Frau in die Wälder begleitet, wenn er spricht. „Sie gibt mir dann ein Zeichen, dass ich den Schluss finde.“ Auf ihr Zeitgefühl verlässt er sich gerne. Nichts schlimmer, als ein Trauerredner, der den Schlusspunkt verpasst, sagt er. Auch die Rede über die Toten muss ein natürliches Ende finden.

Er spricht nahe über jemanden, den er nicht kannte. Die Trauerrede ist im Kern eine Simulation. Die Familie schweigt, und ein Wildfremder blättert in ihrem Fotoalbum. Nach seinem Auftritt geht das Leben weiter, das hat er gelernt. In der Ausbildung wurde ihm beigebracht: „Ihr müsst eine Schutzmauer für euch aufbauen.“ Das hat er sich gemerkt für die letzten Worte. Er lässt die Bestürzung nicht an sich herankommen. Nach dem Tod kommt das Leben zurück.

Mit dem Durchhaltevermögen von Angehörigen macht er eigene Erfahrungen. Die guten Worte alleine genügen nicht. Irgendwann werden auch die Leute, die um die zierliche Urne stehen, ungeduldig. Also zeigt er Bilder aus dem Leben des Toten und sucht passende Musik dazu aus. Alles darf sein, nur nicht Langeweile. Das Singen lehnt er auch ab. „Im Friedwald singt man nicht“, sagt Karlheinz Fahlbusch. Weil es einfach nicht in das Land der Bäume passe. Nicht, dass er etwas gegen Musik hätte. In jungen Jahren spielte er in einer Band die E-Gitarre. Aber das war etwas anderes. Im Friedwald wird nur gehört.

Nicht immer werden er und die Trauerfamilie sich einig

Bald jede Woche erhält der er eine Anfrage, aber nicht immer kommen er und die Familie zusammen. „Einmal im Monat spreche ich“, sagt er. Das reicht, es strengt ihn an. Gute Arbeit hat ihren Preis, er berechnet 80 Euro für die Stunde, die er im Wald oder im Gespräch mit Angehörigen verbringt. Fahlbusch nennt sich „Trauerredner im Linzgau“. Das klingt besser als „Trauerredner in Pfullendorf“. Linzgau ist Hinterland, hat aber den Vorteil, dass keiner genau weiß, wo es anfängt und wo es aufhört. Linzgau ist die landschaftlich milde Kante nördlich des Bodensees. Es hört dann dort auf, wo Oberschwaben anfängt. Der Friedwald der Fürsten zu Fürstenberg liegt dort. Der Trauerredner steuert ihn oft an. Auch Auswärtige lassen sich nach der Verbrennung gerne unter adligen Fichten und Buchen bestatten und stoßen dabei auf den umtriebigen Fahlbusch.

Damit nicht genug. Der Trauerredner will sein Portfolio erweitern. Derzeit beschäftigt er sich mit dem Islam. Bald will er auch Muslimen ein gutes Wort ins Jenseits mitgeben, wenn sie das wünschen. Fahlbusch entdeckt da eine Marktlücke. „Das islamische Totengebet kann man lernen“, da ist er sich sicher. Mit der Religion ist es eine eigene Sache, da hat auch Fahlbusch seine Erfahrungen. Es ist die Geschichte einer allmählichen Distanzierung von seiner evangelischen Kirche. Sein persönlicher Glaube bleibt davon unberührt: „Ich bin überzeugt, dass es nach dem Tod in einer Weise weitergeht, die wir noch nicht kennen.“ Wenn seine Kunden einen Gottesbezug wünschen, dann flicht er ihn ein. Auch das herzhafte Sprechen eins Vaterunsers empfiehlt er den Hinterbliebenen. „Das ist ein Gebet, das doch jeder kennt. Da steckt alles Wichtige drin“, sagt er. Das sind Worte, die mitten im Leben stehen.

Auch für sein eigenes Ableben hat er sich schon etwas ausgedacht. Er wird eine Rede auf sich schreiben und auf Band sprechen. Bei der Trauerfeier soll sie abgespielt werden. Damit nichts Falsches gesagt wird. Wie oft hat er beim Besuch von Begräbnissen den Kopf geschüttelt wegen der Dinge, die da erzählt werden. Teils verlogen, teils übertrieben. Er findet: „Ich kann keinen in den Himmel loben, wenn er ein Schweinehund war.“ Mit sich selbst will Karlheinz Fahlbusch ehrlich sein. Was er genau sagen wird, gibt er nicht preis. Diskretion bis in den Tod.

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