Ein Schiff auf der A 8 Leser knacken das Rätsel des Autobahnwappens

Beim schnellen Vorbeifahren kann man die Wappen leicht übersehen. Foto: Eibner-Pressefoto

Wir fragten uns, woher das Schiffswappen an der Autobahnbrücke zwischen Böblingen und Stuttgart kommt. Unsere Leser haben die Antwort gefunden.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Keine zwei Wochen ist es her, als wir uns fragten, woher das Schiffswappen an der Autobahnbrücke zwischen Stuttgart-Vaihingen und Böblingen kommt. Ein Leser hatte uns auf das Wappen aufmerksam gemacht. Er fährt oft über die Pascalstraße, die vielen noch als alte B 14 bekannt ist und hatte sich ebenso oft gefragt, warum neben dem Stuttgarter Wappen, erkennbar als Rössle, ein Wappen mit einem Dreimaster prangt. Die Autobahn-Gesellschaft des Bundes wusste nichts darüber, aber es waren mehrere Leser wie Christof Marte, Rainer Werle, Steffen Fechner, Frank Schmidt und Benjamin Schütz, die uns auf die Seite des Verschönerungsvereins Stuttgart führten. Benjamin Schütz kam im Mai 1967 zum Landratsamt Böblingen.

 

Er schreibt: „Damals war die heutige Autobahn A 831 noch nicht gebaut. Nach Böblingen fuhr man an dieser, jetzt ,alten’ Abfahrt von der Autobahn ab. In den frühen Morgenstunden begann auf dem Ausfahrbogen bereits der Stau nach Böblingen. Er wurde von der ersten Ampel in Böblingen hervorgerufen. Beim Stehen auf der Ausfahrt sah ich damals schon dieses Wappen. Der damalige Landrat in Böblingen Karl Hess, der viel Interesse an der Heimatgeschichte hatte, sagte mir damals auf meine Frage, dass dies an die vielen Auswanderer erinnere, die einst in Stuttgart in der Auswandererberatung beraten wurden und sich dann auf den Weg machten.“ Schütz, der uns auch herzliche Grüße aus der alten Bundeshauptstadt Bonn sendet, schreibt in einer E-Mail: „In einer Datei des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart wurde ich direkt auf Seite 2/3 fündig. Vielleicht hilft das ja, das Rätsel zu lösen?!“

Stuttgart, Stadt der Auslandsdeutschen

Es half! Denn die besagte Seite führt auf eine Forschungsarbeit des Landesdenkmalamts für Kleindenkmäler, die vom Verschönerungsverein Stuttgart mitgestaltet wurde. Dort ist vermeldet: „Zwei Sandsteinwappen, Brückenportal flankierend; links ein Segelschiff, Symbol für das Institut für Ausländer; Stadt der Auslandsdeutschen; rechts Stuttgarter Rössle. Am 17. Dezember 1937 wurde die Strecke Vaihingen bis Degerloch übergeben; die Wappen wurden wohl beim Neubau der Brücke (Verbreiterung der A 8) wieder eingesetzt.“

Der Eintrag führt auf die entscheidende Spur. Was dort als „Institut für Ausländer“ bezeichnet wird, war tatsächlich das „Deutsche Auslandsinstitut“, kurz DAI. Der entscheidende Hinweis kam dann von unserem Leser Helmut Schwall aus Sindelfingen, der das Konterfei am Portal des ehemaligen Waisenhauses am Charlottenplatz in Stuttgart entdeckt hat. Direkt über dem Toreingang zum heutigen „Institut für Auslandsbeziehungen“ ist ein dreimastiges Schiff mit hohem Hinterkastell gemeißelt, gerade so wie auf dem Wappen der Autobahnbrücke.

Aus religiösen Gründen ausgewandert – oder aus Armut

Dieses Deutsche Auslandsinstitut war 1917 gegründet worden. Zunächst sollte es Leute beraten, die auswandern wollten und die deutschen Volksgruppen im Ausland erforschen und dokumentieren. Es ist sicherlich kein Zufall, dass es ausgerechnet in der Hauptstadt des damaligen Königreichs Württemberg gegründet wurde. Vor allem schwäbische Auswanderer waren es gewesen, die Kolonien in den USA, in Südamerika, dort vor allem Brasilien, und in Russland gebildet hatten. Eine kleine Kolonie gab es sogar in Palästina.

Teils waren sie aus religiösen Gründen ausgewandert wie die Palästina-Schwaben, teils aus Armut, die in Württemberg besonders grassierte, hervorgerufen durch die Sitte, Bauernhöfe zu gleichen Teilen aufzuteilen, statt sie dem ältesten Sohn zu übergeben. Damit wurden mit der Zeit die Äcker zu klein, um noch rentabel bewirtschaftet werden zu können. Oft waren die Schwaben von den damaligen ins Land gerufen worden, wie etwa die Wolgadeutschen, die mit ihrem Fleiß und ihrer Zähigkeit das in den Kriegen entvölkerte Russland wieder nach vorne bringen sollten. Aber auch der große Kolonialbesitz des Kaiserreichs hatte viele Deutsche nach Afrika oder Indonesien gelockt.

Die fünfte Kolonne

Dieses Deutsche Auslandsinstitut nahm in den 20er und 30er Jahren mehr und mehr kulturelle Aufgaben wahr, denn immerhin war die Zahl der Auslandsdeutschen in den 30er Jahren auf rund 30 Millionen Menschen angewachsen. Geht man von einer Bevölkerungszahl von 63 Millionen in Deutschland für das Jahr 1925 aus, lebte also ein Drittel aller Deutschen damals im Ausland.

Nachdem die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren, änderten sich die Aufgaben des Deutschen Auslandsinstitutes grundlegend. Es ging hier um die „Bewahrung des Volkstums“, ziemlich sicher auch um Spionagetätigkeit und vielleicht auch um die Möglichkeit, die Volksdeutschen als Verbündete bei der Eroberung fremder Staaten zu gewinnen.

Sieben Städte erhielten Ehrentitel

Weil nun Stuttgart das Deutsche Auslandsinstitut beherbergte, musste es für den damaligen Reichsstatthalter Wilhelm Murr nahe gelegen haben, Stuttgart in diese Richtung zu positionieren. Insgesamt sieben Städte hatten Nazi-Ehrentitel erhalten. München war „Hauptstadt der Bewegung“, Nürnberg „Stadt der Reichsparteitage“ und Stuttgart wurde im September 1936 „Stadt der Auslandsdeutschen“, ein Begriff, den Murr selbst geprägt hatte. Dazu schreibt uns der Historiker Hans-Jürgen Sostmann aus Böblingen, der ebenfalls zum Wappen geforscht hat:

„Aus dem Jahresbericht des DAI von 1936/37 geht hervor: ,Der Arbeit des Deutschen Auslands-Instituts hat im abgelaufenen Arbeitsjahr die Ernennung Stuttgarts zur Stadt der Auslandsdeutschen durch den Willen des Führers ihr kennzeichnendes Gepräge verliehen.“

Das Institut galt den Amerikanern „ belastet“

Damit ging das Wappen des Auslandsinstitutes quasi auf die Stadt über. Kein Wunder, dass es nun an der neuen Autobahnbrücke angebracht wurde, die im Dezember 1937 eingeweiht worden war.

In den Jahren vor dem Krieg gab es in Stuttgart internationale Treffen der Auslandsdeutschen. Das Stuttgarter Tagblatt berichtet 1937 sogar von einem Besuch vom Bund deutscher Mädel aus Palästina, die sich die Weißenhofsiedlung anschauten, und sich freuten, es sehe aus wie daheim.

Nach dem Krieg legte Stuttgart den Nazi-Titel ab. Das DAI wurde von den amerikanischen Besatzungsbehörden als „belastet“ eingestuft und 1951 als Institut für Auslandsbeziehungen neu gegründet.

Die Auslandsdeutschen hatten besonders schwer unter den Folgen des Krieges zu tragen. Die Russlanddeutschen wurden nach Sibirien deportiert, die Palästina-Deutschen nach Australien. Viele Auswanderer assimilierten sich, viele kehrten nach Deutschland zurück, besonders nach dem Mauerfall.

Mit dem Wissen, das unsere Leser mit uns geteilt haben, kann man nun das Schiffswappen an der A 8 nicht mehr nur als Symbol des Handels und des Entdeckertums sehen. Es symbolisiert noch mehr: Menschen, die in der Heimat kein Auskommen mehr hatten und auf der Suche waren nach einer neuen Existenz.

Förderung deutscher Interessen im Ausland

DAI
 Das Deutsche Ausland-Institut (DAI) wurde am 10. Januar 1917 als „Museum und Institut zur Kunde des Auslandsdeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland“ vom Unternehmer Theodor Wanner, der auch Vorsitzender des Instituts wurde, in Stuttgart gegründet. Das DAI wurde überwiegend vom Reichsinnenministerium finanziert, daneben vom Außenministerium, zu kleineren Teilen vom Land Württemberg und der Stadt Stuttgart. Beim DAI wurden die Zeitschriften „Der Auslanddeutsche. Halbmonatsschrift für Auslanddeutschtum und Auslandkunde“[1] sowie eine „Schriftenreihe des deutschen Auslandsinstituts“ herausgegeben.

IFA
 Das ifa — Institut für Auslandsbeziehungen e. V. ist eine deutsche Mittlerorganisation für den internationalen Kulturaustausch mit Sitz in Stuttgart und in Berlin. Als älteste deutsche Mittlerorganisation für Auswärtige Kulturpolitik engagiert sich das ifa weltweit für Kunstaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Rätsel Autobahn Stuttgart