Ein Schultyp in der Krise Gemeinschaftsschulen stürzen ab

Von Arnold Rieger 

Die Gemeinschaftsschule war ein Kernanliegen der grün-roten Landesregierung. Nun zeigt sich: Die Nachfrage ist gering. Die Befürworter kommen in Erklärungsnot.

Keine Freundin der Gemeinschaftsschule: Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Foto: dpa
Keine Freundin der Gemeinschaftsschule: Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Foto: dpa

Stuttgart - Sie war das Glanzstück der grün-roten Koalition im Land, doch nun erlebt die Gemeinschaftsschule einen massiven Ansehensverlust: Die Schülerzahlen der Eingangsklassen gehen massiv zurück, während sie bei Gymnasien und Realschulen ansteigen.

Wie das Kultusministerium auf Anfrage dieser Zeitung bestätigt, verfügt nur noch knapp die Hälfte der landesweit 303 Gemeinschaftsschulen über mindestens 40 Schüler in der fünften Klassenstufe – das ist die Hürde für Neugenehmigungen. Zwei Schulen bringen zum neuen Schuljahr 2017/2018 überhaupt keine fünfte Klasse mehr zustande. Die meisten Gemeinschaftsschulen wären aus heutiger Sicht also gar nicht mehr genehmigungsfähig. Auch die Gesamtzahl der Anmeldungen ging gegenüber dem Vorjahr zurück: um acht Prozentpunkte auf 12 379.

Einige haben den Absturz erwartet

„Man kann daran ablesen, dass die Gemeinschaftsschulen an Zuspruch verlieren“, sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) dieser Zeitung. Zwar seien zum neuen Schuljahr fünf weitere Einrichtungen dieses Schultyps an den Start gegangen, doch wie viele am Ende überleben, werde nach den Erfahrungen mit den Haupt- und Werkrealschulen von den Eltern entschieden.

Kritiker der Entwicklung sehen sich bestätigt: „Weil viel zu schnell zu viele Gemeinschaftsschulen eingerichtet worden sind, haben wir einen Absturz nach dem dadurch erzeugten Boom erwartet und befürchtet“, sagte der Bildungsdezernent des Städtetags, Norbert Brugger. Eisenmann widerspricht dem nicht: „Wir haben Stand heute immer noch sinkende Schülerzahlen, manche Gemeinschaftsschulen waren schon von Beginn an zu klein, um sich dauerhaft zu stabilisieren.“

In dem neuen, 2012/2013 eingeführten Schultyp werden unterschiedlich leistungsstarke Kinder nach der vierten Klasse nicht nach Schularten getrennt, sondern gemeinsam unterrichtet – und haben trotzdem die Möglichkeit, auf unterschiedlichem Niveau zu lernen.

Grüne und CDU wollten die Entwicklung abwarten

Während die grün-rote Koalition massiv für dieses in Baden-Württemberg neue pädagogische Konzept warb und dafür auch eine überdurchschnittlich hohe Starthilfe gewährte, lehnte die CDU sie ab. Im Koalitionsvertrag haben Grüne und CDU aber eine Art Stillhalteabkommen geschlossen, das den Gemeinschaftsschulen eine Entwicklungsgarantie gibt – aber eben nur als eine unter mehreren Schularten. „Wir haben ein klares Bekenntnis zu allen Schularten, allerdings auch ein Konzept zur Stärkung der Realschulen, dass jetzt zum neuen Schuljahr greift“, sagt die Kultusministerin und vermutet: „Da gibt’s natürlich die Tendenz, dass manche Eltern nochmals andere Abwägungen vornehmen.“

Die Vertreter der Gemeinschaftsschulen lasten der Kultusministerin jedoch eine „dramatische Verunsicherung der Eltern“ an und beklagen, diese verbreite über den neuen Schultyp unterschwellig negative Botschaften. „Manche Eltern entscheiden sich da lieber fürs Althergebrachte“, resümiert Rektor Matthias Wagner-Uhl, der Vorsitzende des Vereins für Gemeinschaftsschulen.

Städtetags-Referent Brugger appelliert an die Parteien, sich angesichts des Bewerberrückgangs nun nicht gegenseitig mit Vorwürfen zu überziehen, sondern gemeinsam mit den Kommunen an stabilen Schulstrukturen zu arbeiten: „Eine Maßnahme dafür ist, den Realschulen und Gemeinschaftsschulen in Schulverbünden eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu ermöglichen.“

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