Ein Schwein als Familienmitglied Whoopie, die Haus-Sau

Whoopie auf ihrem Ruheplatz Foto: privat

Schwein muss man haben, finden die Eckerts aus Stuttgart-Botnang. Seit acht Jahren gehört die Sau Whoopie zur Familie. Das 70 Kilo schwere Borstenvieh wird abends mit einem Schlaflied ins Bett gebracht, morgens weckt es die anderen mit seinem Gegrunze.

Stuttgart - Es kann schon mal passieren, dass Claudia und Oliver Eckerts Kunden während einer Videokonferenz plötzlich Hufgetrappel hören. Oder ein tiefes Grunzen, wie es nur Schweine hinbekommen. Anfangs war es vor allem Oliver Eckert unangenehm, wenn das Haustier so einen Zinnober veranstaltete, während er als Unternehmensberater hoch konzentriert Ergebnisse präsentierte. Heute kann der 50-Jährige mit seinen Kunden darüber lachen. Die wissen natürlich längst: Bei Eckerts lebt ein Schwein im Haus.

 

Whoopie ist ein 70-Kilo-Wonneproppen mit kurzen Beinchen, dunkler Färbung im Gesicht und weiß-schwarz gescheckten Borsten. Wenn Whoopie die Sau rauslässt, galoppiert sie in einem Affentempo durch die Flure, dreht sich um die eigene Achse und quiekt. Im Erdgeschoss des Einfamilienhauses, wo Claudia und Oliver Eckert ihre Büros haben, ist die Schweinedame nicht zu überhören. „Ein Leckerli hilft meistens, dann ist wieder Ruhe“, sagt Claudia Eckert, während sie dem Tier den runden Bauch tätschelt.

Whoopie ist ein American Minipig. Doch der Name täuscht. Mini war die Sau lediglich in den ersten Monaten. Heute ist sie so groß wie ein Golden Retriever, mit ein paar Speckringen mehr am Leib. Es ist ein Bilderbuchanblick, wie die vierköpfige Familie auf ihrem dunklen Designersofa sitzt, das Schwein leise schnarchend zu ihren Füßen. Immer wieder streicht ihm jemand über die Borsten.

Seit acht Jahren gehört Whoopie dazu. Leslie, 15, und Sam, 20, sind mit ihr groß geworden. Sie bringen sie abends mit einem Schlaflied ins Bett und werden morgens von ihrem fröhlichen Grunzen geweckt. „Es ist cool, ein Minischwein als Haustier zu haben“, findet Leslie. Die Familie lebt in einer ruhigen Wohngegend in Stuttgart-Botnang. Halbhöhenlage mit hübschen Einfamilienhäusern und großzügigen Gärten, der Wald nur einen Katzensprung entfernt.

Das Schwein stinkt nicht

Whoopie ist hier bekannt wie ein bunter Hund. Anfangs ging sie an der Leine Gassi. Entspannt waren die Spaziergänge aber nicht, weil sie immer Hunger hat und alles frisst, was ihr unter den Rüssel kommt. Und dann die Hundeattacken! Claudia Eckert erinnert sich mit Schrecken an manche Begegnung. Heute lässt sie Whoopie lieber im Haus und im umzäunten Garten. „Sie ist in ihrer kleinen Welt sehr zufrieden“, sagt die 48-Jährige. Das Schwein schläft im eigenen Zimmer auf Paletten, gepolstert mit Decken. Draußen im Garten entspannt es in einer Hütte voller Stroh und mit einem Sonnenschirm davor.

Die Nachbarn seien zunächst skeptisch gewesen, sagt Claudia Eckert. „Sie befürchteten, das Schwein stinke.“ Dass dem nicht so ist, sei mittlerweile hinreichend bekannt. „Schweine sind sehr reinlich, wenn man sie denn lässt.“ Whoopie nutzt ein Katzenklo für ihr Geschäft, noch lieber geht sie dafür in den Garten. Innerhalb von drei Tagen war sie stubenrein. Nach jedem Klogang gab’s ein Stück Obst. „Das hat sie schnell verinnerlicht.“

Wie kommt man dazu, sich eine Sau ins Haus zu holen? Oliver Eckert sagt: „Ich versteh’s bis heute nicht.“ Seine Frau knufft ihn in die Seite. Seit sie im Alter von 16 Jahren das erste Mal durch ein Einkaufszentrum nahe Los Angeles flanierte und in einem Zoofachgeschäft ein Minischwein erblickte, war’s um sie geschehen. Diese Augen! Dieser Blick! Vor Entzücken war sie wie elektrisiert. „Eines Tages werde ich auch so eins haben“, sagte sie sich. Claudia Eckert hatte Hunde, Katzen, Mäuse und Pferde, auch Exoten wie Stabheuschrecken oder Chamäleons. Der größte Traum aber blieb ein Schwein. Ihr Mann war dagegen. Wie Pingpongbälle schleuderten sie Argumente hin und her, jahrelang. Bis sie eines Tages doch noch bei einem Züchter auf der Schwäbischen Alb landeten, natürlich „ganz unverbindlich, wirklich nur zum Gucken, Schatz“.

Monstergremlin im Haus?

Auf der Rückfahrt saß Whoopie in der Transportbox, die Claudia Eckert vorsorglich mitgenommen hatte. Ein vier Monate altes Wesen, kaum größer als ein Meerschweinchen. 300 Euro hatte die Familie für ihre neue Mitbewohnerin bezahlt. Während der Rückfahrt hatte Claudia Eckert Freudentränen in den Augen. Ihr Mann war blass um die Nase geworden, entwarf Horrorszenarien: „Was passiert, wenn es krank wird? Was ist, wenn es nicht stubenrein ist? Es wird so sein wie mit den Gremlins. Am Anfang waren die auch noch süß, aber dann kamen die mit Wasser in Berührung und wurden zu Monstern. Willst du Monstergremlins in unserem schönen Haus? Was ist, wenn es ein Mutant ist und doppelt so groß wird wie seine Eltern?“

Sie richteten Whoopie ein provisorisches Gehege im Wohnzimmer ein und lernten jeden Tag mehr über ihre Bedürfnisse. Es kostete sie 15 Telefonate, bis sie einen Tierarzt gefunden hatten, der das Ferkel untersuchen und impfen konnte. Auch bei der Tierseuchenkasse und im Veterinäramt wurde Whoopie angemeldet.

Schnell wurde den Eckerts klar, dass ein Schwein sich genauso in die Familie einfügt wie ein Hund. Einerseits. Andererseits ließ Whoopie keinen Zweifel daran, dass Schweine um ein Vielfaches gewiefter, gescheiter und fordernder sind. „Sie macht nicht automatisch, was man ihr sagt“, erklärt Claudia Eckert, „sie denkt darüber nach, ob es sich für sie lohnt.“ Von Anfang an sei klar gewesen: Das Schwein muss erzogen werden! Freundlich, aber konsequent. Weil Schweine nichts lieber tun als zu fressen, wurde ein Belohnungssystem etabliert. Whoopie kann inzwischen auf Kommando Pipi machen, mit einem Tuch im Maul winken, mit Bällen Kunststücke vorführen. Sie weiß, dass sie in der Küche nicht um Essen betteln darf. Für Claudia Eckert eindeutige Zeichen dafür, dass Whoopie alles andere als saudumm ist. „Sie ist so intelligent wie ein dreijähriges Kind.“

„Whoopie ist eine Persönlichkeit“

Forscher geben ihr recht. Schon lange ist bekannt, dass Schweine neugierig und verspielt, unternehmungslustig und sozial sind. Ausgestattet mit herausragenden kognitiven Fähigkeiten und einem reichen Gefühlsleben. Sie reagieren oft ähnlich wie Menschen.

„Whoopie ist eine Persönlichkeit“, sagt Claudia Eckert. Wenn einer einen schlechten Tag habe, stupse sie ihn an. Auch ein Gespräch von Schwein zu Mensch sei möglich. Für die Familie ist es ein Leichtes, die verschiedenen Grunzlaute auseinanderzuhalten. „Whoopie schmatzt, wenn sie Hunger oder Durst hat. Muss sie auf die Toilette, teilt sie das mit einem bestimmten Ton mit.“ Und wehe, das Klo ist nicht geputzt! Dann schreit das Schwein und stellt die Ohren waagerecht. Auch in hohen Tönen jammern kann es. Bellen klappt auch prima, ein Zeichen für unbändige Freude. In Sachen Gestik und Mimik kann Whoopie gut mithalten mit ihrer Menschenrotte. Sie kann erschrocken gucken, zufrieden, genervt. Oft ruft einer aus der Familie: „Das glaubt uns doch kein Mensch!“ Etwa, wenn Whoopie ihren Napf durch die Gegend schleudert, weil sie eine Portion vom Abendessen abhaben will. Oder wenn sie sich mit ihrem dicken Schweinepopo auf das Loch setzt, das sie in den Filzteppich gebissen hat – und so tut, als sei gar nichts passiert. Jeden Tag schleppt sie Decken, Spielsachen oder auch mal eine Ladung Altpapier an, weil sie für ihr Leben gern apportiert. „Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht über Whoopie lachen oder schmunzeln“, sagt Sam. Die Familie hat mittlerweile so viele Anekdoten auf Lager, dass Claudia Eckert begonnen hat, ein Buch zu schreiben. Und auch ihr Mann gibt mittlerweile zu: „Ich hätte mir nie vorstellen können, mit einem Schwein unter einem Dach zu leben. Aber Whoopie ist so süß.“

Der Trend geht zum Minischwein

Leslie und ihre Mutter sind Vegetarierinnen, weil sie es nicht übers Herz bringen, Whoopies Artgenossen zu essen, und weil sie die Unterscheidung zwischen Haus- und Nutztier paradox finden. Whoopie habe mit ihrer witzigen Art schon manchen Bekannten ernährungstechnisch zum Umdenken bewogen, erzählt Claudia Eckert.

Geht die Familie auf Reisen, kann sie auf ein verlässliches Netzwerk an Menschen zurückgreifen, die sich um Whoopie kümmern. Im Sommer macht das Schwein Urlaub auf dem Reiterhof einer Freundin. Im Winter ziehen schon mal Bekannte ins Haus, damit Whoopie sich nicht allein fühlt.

Für Claudia Eckert ging mit Whoopie ein Traum in Erfüllung. Dass Promis wie Paris Hilton oder Miley Cyrus Minischweine in der Handtasche herumtragen oder nackt mit ihnen beim Fotoshooting posieren, sieht sie nicht gern. „Für mich sind Schweine weder Statussymbol noch Modegag.“

Auch in Deutschland sind Minischweine auf dem Vormarsch. Nach anfänglicher Euphorie landen viele jedoch im Tierheim, weil auch das kleinste Ferkel richtig groß werden kann und bei falscher Haltung Sauereien an der Tagesordnung sind. Claudia Eckert verfolgt den Boom kritisch. Manche Züchter vermittelten durch Bezeichnungen wie „Micro-Schweine“ oder „Teacup-Schweine“ (Teetassen-Schweine) ein falsches Bild. „Auch Minischweine können hundert Kilo wiegen.“

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