Cannstatter Wasen So verrückt geht’s auf dem Stuttgarter Frühlingsfest zu

Von Uwe Bogen 

Wild, wilder – Frühlingsfest. Was die Stimmung beim Bierstemmen auf dem Wasen betrifft, sagen die Wirte, gibt’s kaum noch einen Unterschied zum Volksfest im Herbst. Unser Kolumnist ist durch den Wahnsinn der Zelte gezogen.

Das Frühlingsfest ist ein bisschen wie Fasching: Viele Besucher ziehen sich gern schrill an. Foto: 7aktuell/Oskar Eyb 12 Bilder
Das Frühlingsfest ist ein bisschen wie Fasching: Viele Besucher ziehen sich gern schrill an. Foto: 7aktuell/Oskar Eyb

Stuttgart - Im Frühling reservieren nicht so viele Firmen Schunkelplätze auf dem Cannstatter Wasen für ihre Kunden wie beim Volksfest – dafür ist das Selbstzahler-Publikum umso jünger, das Abend für Abend zu „Hölle, Hölle“ oder zu „Que sera, sera, whatever will be, will be“ auf Bierbänke steigt. Es gibt in der Stadt nur wenige von Massen heimgesuchte Orte, an denen man in so viele vergnügte Gesichter blickt. Bei unserem Streifzug durch den ganz normalen Wasenwahnsinn der Frühlingsedition ist gute Laune überall greifbar.

Mit Verrücktheiten kennt sich Florian Gauder von den Partyspielagenten bestens aus. Mit Kumpel Sven Cermak zieht der Bauunternehmer oft als doppeltes Lottchen übers Festgelände – ihre Anzüge und lustigen Hüte haben stets dieselbe Farbe. Was ihm diesmal auf dem Wasen auffällt: „Recht viele mischen Tracht mit Streetmode – sie tragen Sneakers zum Dirndl oder ein peppiges T-Shirt zur Lederhose.“ Als „unschönen Trend“ spricht Gauder die negative Seite des Frohsinns an: „Immer mehr Mädels schießen sich mit Alkohol ab, pöbeln herum und sind nicht mehr Herr ihrer Sinne.“

Fliegen eines Tages Drohnen mit Göckele an den Tisch?

Festwirt Karl Maier von Göckelesmaier sagt, dass er derartige Alkoholexzesse aus seinem Zelt nicht kennt. Dies liege daran, dass seine Ordner so gute Arbeit an der Tür leisten würden. Während in diesem Jahr, da das Volksfest seinen 200. Geburtstag feiert, alle zurückschauen, schaut er nach vorne. Seit 86 Jahren ist der Familienbetrieb beim größten Fest der Schwaben mit Göckele dabei. In einer Festschrift lädt Maier nun zu einem Sprung in die Zukunft ein.

Wie wird’s in 86 Jahren auf dem Wasen aussehen? „Achterbahn fahren wir nicht auf Gleisen, sondern fliegen in Wagen, die Salti schlagen“, prophezeit der Wirt augenzwinkernd, „und in der Geisterbahn kämpfen wir mit virtuellen Zombies.“ Am Touchscreen-Biertisch werde man sich Speis und Trank bestellen, die dann von Drohnen durch die Luft herbeigeflogen würden.

Warum es „Stuttgarter Frühlingsfest“, aber „Cannstatter Volksfest“ heißt

Noch fliegt nichts durch die Luft, da Anne Hannich vom Wirtshaus Zum Heurigen zum fünften Mal in der Göckelesmaier-Loge mit 200 Stammgästen ausgelassen feiert. Ihr vierköpfiges Kochteam bereitet in Maiers Küche Vorspeise und Dessert zu (Rindertatar und Marillenknödel), während der Hausherr und seine Frau Daniela Maier, die zweite Gastgeberin des Abends, für die Göckele als Hauptgang zuständig sind. Das Frühlingsfest ist, wenn man es aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel betrachtet, (noch?) nicht mit dem Volksfest vergleichbar. So viele Logenpartys und Promibändel wie im Herbst gibt’s jetzt im Mai nicht. Vielleicht trägt genau dies zur zuweilen entspannten Atmosphäre bei. Anne Hannich vom schwäbischen Restaurant mit österreichischem Einschlag im Feuerbacher Tal feiert lieber im Frühling auf dem Wasen – im Herbst sind viele andere am VIP-Drücker.

Noch einen kleinen Unterschied gibt es: Es heißt „Cannstatter Volksfest“, aber „Stuttgarter Frühlingsfest“. Die Erklärung ist einfach. Als König Wilhelm das Volksfest vor bald 200 Jahren erfunden hat, war Bad Cannstatt noch selbstständig. Eingemeindet hingegen war die einstige „Kannstadt“, als das Frühlingsfest, ebenfalls auf dem Wasen, in den 1930ern vor dem Krieg hinzukam.

Im zentralen Rathaus bestand man damals auf den Zusatz „Stuttgart“ . Dies soll etliche Cannstatter bis heute von einem Besuch auf dem Frühingsfest abhalten.

Wie Wahrsagerin Odessa die Wasen-Zukunft sieht

Die Partybands geben Gas wie immer – sie machen keinen Unterschied, ob „kleiner“ oder „großer“ Wasen ist. Das tolle Wetter sorgt wohl für Besucherrekorde. Bei unserem Streifzug steppt in allen Zelten der Bär. Hans-Peter Grandl hat an diesem Abend die größte Drucketse. Armin Weeber vom Zelt Wasenwirt hofft, dass eines Tages nicht die Göckele, wie vom Kollegen Maier fantasiert, über Drohnen an die Tische fliegen. „Es ist doch viel schöner, wenn eine lebendige Bedienung kommt“, findet er. Ein Höhepunkt bei ihm im Zelt ist die Gaydelight-Party am kommenden Donnerstag.

Wie sieht Wahrsagerin Odessa das Cannstatter Volksfest der Zukunft? „Der Wasen wird die Nummer eins vor der Wiesn“, prophezeit sie. Schon jetzt kämen viele aus Bayern, weil sie das Fest am Neckar schöner und angenehmer fänden. Seid tapfer, liebe Münchner, unsere Odessa irrt nie.