Ein Stuttgarter Auswanderer auf La Palma „Wir leben jetzt mit der Ungewissheit“

Michael Nguyen mit den Motorrädern, die er in Sicherheit bringen konnte Foto: Nguyen// privat

Nach dem Vulkanausbruch auf La Palma ergießt sich der heiße Lavastrom nun ins Meer. Ein Stuttgarter Auswanderer erzählt, wie er mit seiner Familie die Tage auf der Flucht vor dem Lavastrom erlebt und jetzt um seine Existenz bangen muss.

Todoque - Michael Nguyen steht am 19. September auf dem Parkplatz hinter der Terrasse seines Hauses auf La Palma, als er ein gigantisches Zischen hört. Es ist 15.13 Uhr. „Verdammt, ist das nah!“, ist sein erster Gedanke. Ein kurzer Blick nach oben, und ihm wird klar, was gerade passiert.

 

Sofort holt er seine Kamera. Er macht eines der ersten Fotos vom Ausbruch des Cumbre Vieja auf der kleinen Kanareninsel. „Ich konnte kaum auf den Auslöser drücken, so habe ich gezittert“, sagt er. Der Cumbre ist gleich ums Eck. Google Maps weist als Userbewertung 4,4 von 5 aus. Daneben steht: „Für Vulkanfans ein Muss.“ Jetzt denken sie anders darüber auf La Palma. 13 Tage nach dem Vulkanausbruch hat sich im Meer eine bereits knapp 20 Hektar große Landzunge gebildet. Das aus erkalteter Lava bestehende neue Land soll mithilfe von Drohnen genauer vermessen werden. Der Lavastrom hinterlässt im Meer ein neues Stück La Palma und auf der Insel eine Spur der Verwüstung, einen Schwelbrand der immerwährenden Gefahr.

Der Lavastrom hinterlässt auf der Insel eine Spur der Verwüstung

Michael Nguyen wohnt seit 29 Jahren auf La Palma. Geboren ist er in Esslingen-Zollberg. Mit 25 wollte Miki, wie ihn seine Freunde in Stuttgart nannten, Abenteuer erleben. Er packte seinen Koffer, kündigte seinen Job als Zahntechniker im Stuttgarter Westen und wählte die Insel, auf der seine Mutter bereits seit 1985 lebte, als Wunschdestination. Nguyen fand schnell in ein neues Leben. Er eröffnete einen Mietwagenverleih, vermietete Ferienwohnungen, wurde Vater eines Sohnes. Später vermietete er auch Motorräder und E-Bikes, errichtete eine Avocado-Plantage und setzte eine Nachrichtenseite in deutscher Sprache auf, sie heißt „La Palma 24“. Michael Nguyen spricht ein breites Schwäbisch. Wenn er lacht, will man gleich mitlachen.

Nach dem Vulkanausbruch sieht die Familie ihre Existenz bedroht

Doch dazu kommt es im Moment nicht oft. Nach dem Vulkanausbruch sieht die Familie ihre Existenz bedroht. Ihr Haus haben sie verlassen müssen, es gilt als gefährdet. Am Tag nach dem Ausbruch zeigt das Fernsehen das ganze Ausmaß der Katastrophe. Während der Ferienbetrieb in großen Teilen der Insel weitergeht, rollt die Lava auf Michael Nguyens Büro und die Avocado-Plantage zu und auf die Kirche, wo auch ein Yogazentrum ist, in dem Nguyens Partnerin Heidrun arbeitet.

Das Problem ist: Niemand weiß, wie lange der Vulkan spuckt

Die Zeit ist zu knapp, um zu lamentieren. Acht Mietmotorräder im Wert von 60 000 Euro müssen vor dem zerstörerischen Lavastrom gerettet werden. Sie stehen hinter Nguyens Haus, in der evakuierten Zone. Über einen Schleichweg, an der Sperrzone vorbei über einen ehemaligen Campingplatz, kommen Nguyen und ein paar Freunde zum Haus und retten die Motorräder. Das Problem ist: Niemand weiß, wie lange der Vulkan spuckt. 40 bis 50 Tage, heißt es. Dann hört Nguyen in den Nachrichten, dass das nur der Mittelwert der vergangenen Vulkanausbrüche ist.

Der Vulkanausbruch trifft die Bevölkerung auf La Palma hart. Besonders schlimm ist der Verlust von Bananenplantagen. Etwa die Hälfte der Inselbevölkerung lebt direkt oder indirekt vom Bananenanbau, der sich schon vor dem Ausbruch in der Krise befand. Nun sind Medienberichten zufolge etwa 15 Prozent der normalen Ernte in dieser Jahreszeit durch den Vulkanausbruch verloren gegangen. Auf ihrem unaufhaltsamen Weg Richtung Meer hatte die Lava auch Gewächshäuser nahe der Küste zerstört. Deren Plastikplanen und dort gelagerter Kunstdünger fingen Feuer, auch dabei wurden giftige Dämpfe freigesetzt. Auf den unter der Lava begrabenen Feldern wird auf Jahrzehnte nun keine Landwirtschaft mehr möglich sein.

Der Lavastrom rauscht wenige Meter neben seinem Büro vorbei

Am Dienstag ist die Vulkaninsel zum Katastrophengebiet erklärt worden. Etwa 5600 Evakuierte müssen weiter bei Angehörigen in anderen Teilen der Insel oder in Notunterkünften ausharren. Die Schäden belaufen sich Schätzungen der Regionalregierung zufolge schon jetzt auf mehrere Hundert Millionen Euro.

Das Wohnhaus von Michael Nguyen ist erst mal sicher. Der Lavastrom rauscht wenige Meter neben seinem Büro vorbei. „Man weiß nie, wann der Krater noch wo aufmacht“, sagt Michael Nguyen. „In Sekundenschnelle kann alles weg sein. Wir leben jetzt mit der Ungewissheit.“

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