Vier Tage nach der Autofahrt fühlte ich mich schlecht. Ich bekam Schweißausbrüche, das Fieberthermometer zeigte 38 Grad. Die kalten Füße fielen mir wieder ein. Ich war mir sicher, mich nur erkältet zu haben. Trotzdem blieb ein ungutes Gefühl. Stuttgart galt zu der Zeit als Corona-Hotspot. Die Zahl der Infizierten stieg stark. Instinktiv zog ich mich zurück.
Ich habe ein etwa zehn Quadratmeter großes Büro, vollgestellt mit Druckern, Scannern und mehreren Bildschirmen, an denen ich Fotos sortiere und bearbeite. Ich nenne es meine persönliche Photoshop-Hölle. Was sich nun als günstig erwies: Der Raum verfügt über ein angeschlossenes Badezimmer, und in einer Ecke habe ich eine Schlafcouch stehen.
Das Ergebnis ist ein Schock
Ich telefonierte mit Georg. Er klagte über eine leichte Erkältung. Seine Freundin schleppte ihn schließlich zum Arzt und zu einem Coronatest. Positiv. Trotz Vorahnung war das Ergebnis ein Schock.
Übers Wochenende war für mich kein Test zu organisieren. Am Montag fühlte ich mich richtig platt. Meine Frau besorgte beim Hausarzt Überweisungen für sich und mich. Sie wollte nicht zu mir ins Auto steigen. Getrennt fuhren wir zum Testzentrum auf dem Cannstatter Wasen und reihten uns in zwei Schlangen ein. Ein Mann winkte mich aus dem Auto. Ich nahm auf einem Stuhl Platz. Nacheinander wurde mir ein Stäbchen in den Rachen, eines in die Nase geführt. Ein ekelhaftes Gefühl. Danach hieß es Warten.
Der 4. November blieb mir als Schwarzer Mittwoch im Gedächtnis. Zuerst kamen schlechte Nachrichten aus den USA: Trump hatte sich noch während der Stimmenauszählung zum Wahlsieger erklärt. Kurz darauf starrte ich auf mein positives Testergebnis.
Wo habe ich mich angesteckt?
Fast mein ganzes Leben habe ich mit der Kamera in der Hand verbracht. Aufgewachsen bin ich in Bulgarien, in der kleinen Stadt Bjala Slatina im Nordwesten des Landes. Ich war zehn, als mir mein Vater das erste Mal seine Kamera anvertraute. In einer halben Stunde hatte ich den Film vollgeknipst. 1988, noch vor der Wende, kam ich nach Deutschland. Anfangs fotografierte ich für die Leonberger Kreiszeitung und den Böblinger Boten, später auch für die Stuttgarter Zeitung.
Für Autos hatte ich schon immer ein Faible. Außerdem gibt es diesen Spruch unter Fotografen: „Wenn man in Stuttgart lebt und nichts mit Autos zu tun hat, macht man etwas falsch.“ Die Fahrzeugfotografie wurde mein Spezialgebiet. Heute bin ich ständig unterwegs. Ich fotografiere Autos in Finnland, Lastwagen in Italien oder Traktoren in Frankreich.
Angst, mir auf meine vielen Reisen Corona einzufangen, hatte ich nicht. Ich war vorsichtig, trug Maske, wusch mir wann immer möglich die Hände. Auf meinem Handy lief selbstverständlich die Corona-Warn-App. Wo Georg und ich uns angesteckt haben? Bis heute haben wir keine Ahnung. Vielleicht hatte sich etwas an die Kamera geheftet. Oder waren wir doch einmal zu unachtsam? Aber wann?
Die Kraftlosigkeit ist das Schlimmste
Corona ist eine perfide Krankheit. Sie kann einen ohne Vorwarnung erwischen. Manche spüren nicht mal ein Kratzen im Hals, andere strecken die Symptome nieder.
Als das Testergebnis eintraf, hatte ich mich bereits fast eine Woche selbst in meinem Büro isoliert. Meine Frau, die sich zum Glück nicht angesteckt hatte, stellte mir Essen vor die Tür. Appetit hatte ich keinen. In einer Woche verlor ich sieben Kilo an Gewicht. Mich quälte ein trockener Husten, dem mit keiner Lutschtablette beizukommen war. Einmal tief Luft holen reichte, um eine endlose Hustenattacke auszulösen. Ich lernte, flach zu atmen.
Die meiste Zeit lag ich auf der Couch. Die Kraftlosigkeit war das Schlimmste. Nach dem kleinsten Handgriff war ich erledigt. Putzte ich mir im Badezimmer die Zähne, musste ich mich danach mindestens eine Viertelstunde ausruhen. Als würde das Virus in mir ständig einen Kurzschluss auslösen.
Zum Glück gibt es Bücher
Ich schwebte im Nichts. Aus dem Fenster blickte ich auf Wiesen, Hecken, einen kleinen Quittenbaum. Die Welt drehte sich ohne mich weiter, und ich langweilte mich. Manchmal rappelte ich mich auf, um am Computer Fotos zu bearbeiten. Nach zehn Minuten schaltete ich die Bildschirme wieder aus. Zu anstrengend. Gerettet haben mich Bücher. Mal musste ich nach einer Seite eine Pause einlegen, mal las ich hundert Seiten ohne Unterbrechung. Papier drängelt nicht. Sechs Bücher schaffte ich während meiner Isolation, die am Ende knapp drei Wochen dauern sollte.
Am meisten fehlte mir das Kochen. Ich stehe leidenschaftlich gern in der Küche. Die Zutaten kaufe ich auf dem Markt. Zu Hause lese ich zwei, drei Rezepte und kreiere dann etwas Eigenes. Inspirieren lasse ich mich von der französischen, italienischen und spanischen Küche sowie den Gerichten meiner Mutter und Oma. Es war verrückt: Da brachte ich kaum einen Bissen herunter und träumte dennoch von den fabelhaften Gerichten des Sternekochs Dieter Müller.
Oft riefen Freunde an, die von meiner Krankheit gehört hatten. Es war berührend zu erfahren, wie viele Menschen sich um einen sorgen. Meine Familie unterstützte mich ebenfalls sehr. Meine Frau kümmerte sich liebevoll um mich. Mein Sohn, der in Bayern studiert, kam nach Hause, um nach mir zu sehen. Meine Tochter schickte ein Paket mit Süßigkeiten, Kriminalromanen und einem Glücksbringer. Sie lebt auf einer autofreien Nordseeinsel. Fast alles wird dort mit Pferdekutschen transportiert. Ich packte ein Hufeisen aus, auf das sie „Gute Besserung, Gesundheit und Glück“ geschrieben hatte.
Haarsträubende Geschichten
An Corona zerbrach auch eine Freundschaft. Während ich ausgestreckt auf der Couch lag, rief ein Freund aus früheren Tagen an. Er erzählte mir von all den Lügen, die man uns angeblich eintrichtert. Meine Krankheit? Eingebildet. Wir stritten uns zwei Stunden lang. Später meldete er sich erneut. Ich dachte, er wollte sich entschuldigen, weil er den Bogen überspannt hatte. Aber er machte weiter mit seinen haarsträubenden Geschichten.
Wie kommen Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, auf solche Ideen? Das frage ich mich wirklich. Ich hätte nie gedacht, dass ein Virus jahrelang gewachsene Freundschaften zerstören kann.
Meine Tage hielt ich mit der Kamera fest. Die Zeit der Isolation wollte ich für mich dokumentieren. Ich war neugierig, wie sich das anfühlt. Erst später, im Gespräch mit einem Kollegen, wurde mir klar, dass ich die Bilder veröffentlichen muss. Es gibt zu viele Menschen, die nicht an Corona glauben. Denen wollte ich etwas entgegenhalten.
Die Angst bleibt
14 Tage nach den ersten Symptomen endete meine Quarantäne offiziell. Doch ich fühlte mich alles andere als gesund. Eine weitere Woche blieb ich in meinem Versteck. Ab und zu setzte ich mich auf eine kleine Terrasse nach draußen. Es war warm für Mitte November. Die Sonne auf meiner Haut zu spüren tat gut.
Es wollte und wollte nicht besser werden, ich war nicht mehr der Alte. Mein Hausarzt schickte mich schließlich zum Radiologen. Der stellte eine Lungenentzündung fest und verschrieb eine gehörige Dosis Antibiotika.
Vier Monate liegt die Krankheit inzwischen zurück. Physisch ist angeblich alles okay. Die Kraft ist zurück. Trotzdem umgibt mich Unsicherheit. Mein Körper schwebt in ständiger Habachtstellung. Zum ersten Mal habe ich den Begriff Long-Covid aus dem Mund meines Hausarztes gehört, Langzeitfolgen. Aus reinem Schutzreflex atme ich weiterhin flach. Als könnte das Virus jederzeit wieder zuschlagen.