Viel zu lange haben sich die Menschen nur auf dem Stockwerk treffen können, auf dem sie ihr Zimmer haben. Stock eins, zwei und drei lebten für sich. Mit getrennten Gymnastikveranstaltungen, getrennten Vorleserunden und getrenntem Weihnachtsplätzchenbacken. „Nach all den Einschränkungen sehnen wir uns alle wieder nach mehr Freiheiten“, schreibt Frei im Newsletter des Paulinenparks. Falls man das Glück im Unglück nennen darf, dann hatten sie zumindest das in den zurückliegenden Monaten: Nur zwei Bewohnerinnen sind seit März vergangenen Jahres mit oder an Corona gestorben.
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Erfinderisch waren sie, um ein Stückchen Normalität im Corona-Ausnahmezustand zu erhalten. Die Balkongymnastik von Magdalena Gruber ist ein Baustein dabei. Die ehemalige Bankerin, ausgebildete Hospizhelferin und Physiotherapeutin hat unten im Hof die Übungen vorgemacht. Die Senioren haben auf den Balkonen und an den Fenstern mitgemacht. Bis die Inzidenzwerte so hoch waren, dass die Stadt Stuttgart die Finanzierung gestrichen hat. Das Pflegezentrum hat die Besuche und die Sitzgymnastik Magdalena Grubers dann aus eigener Tasche weitergezahlt.
Die Personalnot ist noch immer groß
Nun sitzt die mobile Truppe des dritten Stocks im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss wieder wie jeden Mittwoch im Kreis um ihre Trainerin und macht den Sonnengruß. „Über mir der Himmel, unter mir die Erde und mittendrin ich“, sagt die Frau mit den pinkfarbenen Leggings unter der kurzen schwarzen Hose zu den Bewegungen. Im Hintergrund läuft Meditationsmusik. Fast alle machen mit. Aber auch wer schlecht hört oder kaum mehr sieht und die Bewegungen nur andeutungsweise mitmachen kann wie die alte Dame mit dem Haarreif, ist willkommen.
Magdalena Gruber sagt, es gehe darum, „den Sinn des Lebens im Augenblick zu finden“. Sich in diesem Moment gut zu fühlen. Wenn die Runde mit beiden Fäusten oberhalb der Brust mit beiden Fäusten auf die Thymusdrüse trommelt, ist das ein Stückchen Lebensstimulierung. Wenn die Runde bei der Lachübung übers ganze Gesicht strahlt, strahlt auch die Trainerin und sagt: „Sehen Sie, wie das Lachen das Gesicht verändert!“ Damit will sie ein Signal setzten. Es heißt: Ich bin nicht abgeschrieben. Auch wenn die Scheinwerfer der öffentlichen Aufmerksamkeit jetzt wieder abgeschaltet werden, die Personalnot aber kein bisschen kleiner geworden und die bürokratischen Hürden, Mitarbeiter anzuwerben, noch immer genauso hoch sind wie vor Corona.
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Am 2. Juli soll also der Tag des Sommerfests sein. So steht es jetzt zumindest im Kalender. Gefeiert wird es von allen 69 Bewohnern, bei gutem Wetter im Hof, und nicht mehr getrennt nach Stockwerken. Letztes Jahr sind die Feierlichkeiten wegen Corona ausgefallen. Eberhard Frei will sich noch vor seinem Urlaub um die Musik für das Fest kümmern. Die Pflegedienstleiterin Dajana Pejic und die Hauswirtschaftsleiterin Katharina Lang werden sich an die restliche Planung machen. „Alles wie gehabt.“ Bis auf Weiteres jedenfalls. „Alles wie gehabt“, das ist Wunsch und Handlungsanweisung zugleich. Nur auf die Einladung der Kindergartenkinder von nebenan und ihrer Eltern will Frei dieses Jahr noch verzichten. Ansonsten gilt: Kartoffelsalat und Würstchen sind ein Muss.
Bald kommt der Kinomann wieder
Zusammen mit dem Paulinenpark-Team sitzt Frei im Café Krempel, wo gerade noch geturnt wurde, noch immer auf Abstand, und plant die Freizeitaktivitäten für die nächsten zwei Wochen – und ein bisschen auch schon das zweite Halbjahr. Der Kinomann hat gerade angerufen. Auch er will wieder regelmäßig kommen.
Draußen fahren hinter den bodentiefen Fenstern die Straßenbahnen vorbei, parken die Autos, sind wieder viele Menschen unterwegs. Der Tagesbericht des Landesgesundheitsamtes meldet für letzten Mittwoch einen Inzidenzwert von 51,5. Tendenz fallend. In Stuttgart liegt er an diesem Tag bei 64,9. Die Läden dürfen wieder öffnen. Die Menschen fahren wieder in den Urlaub. Es wird über das Für und Wider von Schulöffnung nach den Pfingstferien diskutiert. Inzwischen sind die Zahlen weiter gesunken. Am Sonntag lag der Wert bei 42,8. Das hört sich nach der viel beschworenen und herbeigesehnten Rückkehr zur Normalität an. „Wird es jemals wieder Normalität geben?“, fragt Dajana Pejic mehr rhetorisch. Seit Monaten muss sie sich beherrschen, um die Bewohner des Paulinenparks nicht so in den Arm zu nehmen, wie sie es gerne würde. Nein. Normalität, die gibt es in den Pflegeheimen wohl noch lange nicht. Obwohl viele glauben, wenn die Alten geimpft seien, müsse doch alles gut sein.
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In Heimen wie dem Paulinenpark ist Normalität eine nicht endende Herausforderung. An manchen Tages ist man ihr näher als an anderen. „Wir bewegen uns immer an der Grenze“, sagt Frei. Wenn 90 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner geimpft oder genesen sind, sind Veranstaltungen in Gemeinschaftsräumen wieder erlaubt. So sagt es die Coronaverordnung des Landes. Aber ein Anteil von 90 Prozent ist schwer zu erreichen in einem vergleichsweise kleinen Heim wie dem Paulinenpark mit 69 Bewohnern, von denen fünf aus unterschiedlichen Gründen nicht geimpft sind: Sei es, weil die Angehörigen oder die Betroffenen die Impfung ablehnen, weil die Bewohnerin oder der Bewohner schon (zu) viele andere Medikamente nehmen muss oder im biblischen Alter auf die heilende Kraft von Bibelsprüchen setzen. Ohne diese fünf Ausnahmefälle wäre die offizielle Herdenimmunität locker erreicht.
Komplizierte Regeln
Nach einem Todesfall zieht auch nicht immer jemand ein, der schon geimpft ist. Dann schrumpft der Anteil der Geimpften weiter. Bei sieben nicht geimpften Bewohnern ist die 90-Prozent-Quote unterschritten. Und als wäre das alles nicht kompliziert genug, rückt das mobile Impfteam erst wieder an, wenn es 15 neue Impflinge in dem Pflegeheim gibt. Darauf wollen sie im Paulinenpark nicht warten. Mit Unterstützung der Bürgerstiftung bringt das Heim die neuen Bewohner jetzt selbst zum Impfen.
Es bleibt eine große Rechenübung. Deshalb gibt es eine ausgeklügelte Logistik. Über deren Einhaltung wacht vor allem Dajana Pejic. Einmal in der Woche werden die geimpften oder genesenen Bewohner nun auf Corona getestet, die Nichtimmunisierten dreimal wöchentlich. Ebenfalls einmal in der Woche müssen die geimpften Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Corona-Selbsttest unter Aufsicht machen. Das heißt: 15 Sekunden erst im rechten und dann 15 Sekunden im linken Nasenloch an der Naseninnenwand rühren und schaben. Mit 85 Prozent ist der Anteil der geimpften Mitarbeiter vergleichsweise hoch. Die übrigen 15 Prozent, was zehn Personen sind, müssen sich täglich testen. Außerdem müssen sie eine FFP2-Maske statt einer etwas luftigeren medizinischen Maske tragen. Nicht immunisierte Besucher brauchen einen Schnelltest und eine FFP2-Maske. Besucher – egal welcher Impfstatus – sind in den Gemeinschaftsbereichen noch immer nicht erlaubt. Aber auf den Zimmern dürfen sich jetzt geimpfte Bewohner und ihr geimpfter Besuch ohne Masken begegnen.
Und dann findet am Tag der großen Planungen noch eine Premiere für das Jahr 2021 statt: Eberhard Frei hat wieder zu einer Quizrunde eingeladen. Zehn geimpfte Frauen und Männer aus unterschiedlichen Etagen kommen und stellen sich kurz vor. Die Stuttgart-Fraktion ist in der Überzahl. Frei zeigt Fotografien vom Bismarckturm, dem Fernsehturm, dem Eckensee und anderen Stuttgarter Bauwerken und Plätzen. Das Wissen um die württembergische Geschichte im Gemeinschaftsraum im zweiten Stock ist größer als in manch anderer Stuttgarter Wohnung. Turmhöhen, Architektennamen und Stadtgeschichten schwirren durcheinander. Und es herrscht Einigkeit: Der Stuttgarter Fernsehturm ist der Schönste seiner Art, und König Wilhelm I. war ein beliebter Monarch. Ein bisschen ist es wie früher. So normal, als hätte es Corona nie gegeben.