Das Pflegeheim ist nach sechs Coronafällen glücklicherweise wieder coronafrei. Eine Bewohnerin ist bisher an Corona gestorben, das Haus steht damit im Vergleich sehr gut da. Aber alle wissen: Morgen kann es schon anders sein. Die Pflegedienstleiterin Dajana Pejic setzt deshalb große Erwartungen in die Impfung. Denn natürlich sei da „eine große Anspannung, wenn man immer liest, dass in den anderen Heimen Bewohner sterben“. Vergehen wird diese Nervosität wohl erst, wenn sich möglichst viele Bewohner und Bedienstete haben impfen lassen.
Die Anspannung draußen scheint nicht minder groß zu sein. Der Heimleiter Eberhard Frei hat seit dem 27. Dezember, als das Land Baden-Württemberg begonnen hat, die Bewohner von Pflegeheimen zu impfen, schon die seltsamsten Dinge erlebt. Obwohl Impfgegner überall gegen die Coronaimpfung mobil machen, gibt es offenbar auch viele Menschen, die viel darum geben würden, unter den ersten Geimpften zu sein. Obwohl sie nicht älter als 80 Jahre alt sind und in keinem Pflegeheim wohnen oder arbeiten.
Neulich hat Frei eine Mail bekommen, die der Schreiber offenbar an alle Pflegeheime in der Region geschickt hat. Der Familienvater schreibt, er habe gehört, bei der Impfung bliebe von der letzten aufgezogenen Ampulle manchmal noch Serum übrig. Dann schildert er, was ihn aus seiner Sicht zu einem besonders gefährdeten Menschen macht. Er fragt an, ob man ihn in einem solchen Fall anrufen könne. Er sei auch ganz schnell vor Ort.
33 Bewohner und 29 Mitarbeiter wollen sich impfen lassen
Aus anderen Heimen ist zu hören, Arztpraxen versuchten, ihre Mitarbeiter über Pflegeheime für die Impfung anzumelden. Bei manchen ist es wohl die pure Verzweiflung, bei anderen auch die Unwissenheit, wen sie ans Pflegeheim als Impfstelle verweisen können. Bei wieder anderen der sportliche Versuch, die Sache für sich zu beschleunigen.
An derartigen quasi Parallelvergabeverfahren von Impfterminen beteiligen sich Frei und seine Kollegin natürlich nicht. Das mobile Impfmobil des Klinikums kommt zu den Bewohnern ins Heim: ein Arzt, zwei Krankenschwester-Schülerinnen und eine Rettungssanitäterin. Zusammengestellt werden die Teams am Morgen vor ihrem Einsatz. Dann steht auch erst der Ort fest. Diesmal sind es für die Vier nur ein paar Minuten Weg von der Stuttgarter Liederhalle in den Paulinenpark in der Seidenstraße. Um 8.30 Uhr treffen sie ein. Um 13.15 Uhr sind sie fertig.
Eberhard Frei und Dajana Pejic haben dem Gesundheitsamt gemeldet, wie viele Menschen sich impfen lassen wollen: 33 Bewohner und 29 Mitarbeiter. Nicht genug, wie die beiden finden. Es wird noch eine zweiten Durchgang mit Erst- und Zweitimpfungen im Februar geben – für Bewohner, deren Betreuer erst in die Impfung einwilligen mussten, und für Pflegende, die sich nach etwas Bedenkzeit dann doch für eine Impfung entschieden. Oft hätten jene die größten Bedenken, die bei jeder Testung weinen – vor Aufregung und Furcht, sie könnten positiv sein, hat die Pflegedienstleiterin beobachtet. Beim nächsten Durchgang werden sich weitere 13 Mitarbeiter impfen lassen. Dann wären es 46 von 75.
Nach der vom Pflegeheim gemeldeten Zahl richtet sich die Menge des Impfstoffs, den das Team in einer Kühlbox mitbringt. An diesem Dienstag steht im Paulinenpark die zweite Impfung an, die zu 99,8 Prozent immun gegen das Coronavirus machen soll, wie der Arzt den Geimpften in Aussicht stellt. Genau vor drei Wochen war ein anderes Team schon einmal vor Ort.
„Hauen Sie rein!“
Sehr geduldig fragt der Arzt, wie die einzelnen die Impfung vertragen hätten. Die Antwort bei den Senioren lautet immer: „Gut!“ – „Ihnen passiert nichts“, versichert der Arzt auch für den jetzt bevorstehenden Piks. Eine alte Dame antwortet „Gut, dann hauen Sie rein“ – und hält ihre Schulter hin. Sie hustet kurz, wie vom Arzt gefordert, damit sie den Einstich der Nadel nicht spürt. Mit einem Stempel und einer Unterschrift im Impfpass verlässt sie schließlich am Rollator das improvisierte Behandlungszimmer. Andere gehen am Arm von Dajana Pejic oder Eberhard Frei oder werden im Rollstuhl geschoben. Die beiden sind heute so etwas wie ein Impfshuttle-Service. Alle Geimpften wirken recht entspannt. Eine Frau ruft im Hinausgehen noch erleichtert in den Raum: „In einer Woche sind wir alle immun!“
Impfen ist neben Beratungs- und Überzeugungsarbeit auch eine logistische Herausforderung. Dajana Pejic hat alles genau vorbereitet. Auf dem Tisch vor ihr liegen drei kleine Stöße mit weißen Zetteln – sortiert nach den drei Stockwerken. „Ersatzformular zur Dokumentation der durchgeführten Impfungen“ steht auf den Zetteln, die für jene gedacht sind, die kein gelbes Impfbuch besitzen.
Außerdem liegen da noch zwei Din A4-Blätter mit den Namen von Bewohnern und Mitarbeitern neben dem Telefon. Pejic ruft in den einzelnen Stockwerken an. Nacheinander werden die Pflegeheimbewohner dann ins Erdgeschoss gebracht. Zwischendurch kommen auch Pflegende, die eigentlich frei haben und nur kurz für die Impfung vorbeischauen.
Als deutlich wird, dass das Team schneller vorankommt als erwartet, ruft Pejic weitere Mitarbeiterinnen an: „Wo sind Sie gerade? Machen Sie sich auf den Weg.“ Einen Namen nach dem anderen streicht sie auf der Liste. Zu diesem Zeitpunkt ist schon klar: Es wird Impfstoff übrig bleiben.
Kostbarer Stoff
Der Mediziner entscheidet, was damit geschehen soll. Nur in 18 Prozent der Einsätze, so die Rechnung, gehe die Wirkstoffmenge genau auf. Dem baden-württembergischen Sozialministerium liegen dazu keine Zahlen vor. Aus einer Ampulle lassen sich bis zu sieben Dosen ziehen. „Sollten Impfdosen übrig bleiben, werden diese beispielsweise an andere Personengruppen verimpft. Die Teams sind sich darüber im Klaren, wie kostbar der Impfstoff ist und verfahren entsprechend damit“, erklärt ein Sprecher des baden-württembergischen Sozialministeriums. Es werde immer nach einer pragmatischen Lösung gesucht. Im Umfeld des Ulmer Impfzentrums etwa würde seit Ende Dezember übrig gebliebener Impfstoff in einem angrenzenden Heim und einer Einrichtung für Betreutes Wohnen verimpft.
Und wie ist die Verwendung des übrigen Impfstoffes für mobile Teams wie das im Paulinenpark geregelt? „Auch da sollte möglichst jemand gesucht werden, der zur Gruppe mit der Priorität eins gehört“, so der Sprecher des Ministeriums. Das Impfzentrum in der Liederhalle hat seine Vorgaben jüngst verschärft: Übrige Impfdosen müssen dorthin zurückgebracht werden.
Die unerwartete Impfung
Das Ehepaar im Foyer hat vor einer Stunde durch einen Anruf des Arztes erfahren, dass es in den unerwarteten Genuss einer Impfung kommt. Ebenso die betagte Ehefrau eines Bewohners. Es sind drei Impfdosen übrig. Uta Bühler-Habermehl schlüpft also noch einmal in einen Kunststoffkittel, zieht Handschuhe an und nimmt einen Abstrich. Am Morgen hat Bühler-Habermehl, die unter anderem für die Auszubildenden im Paulinenpark, zuständig ist, bereits alle Besucher und Alltagsbegleiter getestet, die an diesem Tag zu einer Fortbildung ins Haus kommen.
Personal und Besucher kontinuierlich zu testen, ist ein Fulltime-Job. Und er kostet Geld. Der Paulinenpark will dafür aber nicht auf die Bundeswehr, sondern auf Ehrenamtliche setzen. 20 Euro pro Stunde bekommen sie. Für einen Test erhält das Heim neun Euro vergütet. Nicht an allen Tagen geht die Rechnung für das Heim auf.
Das alte Ehepaar muss jetzt noch zehn Minuten auf sein Testergebnis ausharren. Dann trennt es nur noch der Weg ins Impfzimmer von dem ersehnten Piks.