Ein Stuttgarter Tierarzt in Vietnam Doktor für Gallenbären
Der Stuttgarter Tierarzt Marc Gölkel kümmert sich mit seiner Frau um kranke und geschundene Wildtiere in Vietnam.
Der Stuttgarter Tierarzt Marc Gölkel kümmert sich mit seiner Frau um kranke und geschundene Wildtiere in Vietnam.
Dem Kragenbären geht es schlecht. Er ist in das Bärenschutzzentrum Ninh Binh eingeliefert worden. Das liegt in der gleichnamigen vietnamesischen Provinz drei Autostunden südlich der Hauptstadt Hanoi. Das Tier war jahrelang in Gefangenschaft unter erbärmlichen Bedingungen auf einer Farm gehalten worden. Sein einziger Lebenszweck bestand darin, täglich seine Galle abzuliefern, die dann teuer für medizinische Zwecke verkauft wurde.
Nun wird das schwer kranke Tier von zwei deutschen Veterinären behandelt. „In dem Fall machen wir praktisch zwei Operationen gleichzeitig. Ich kümmere mich um die Narkose, die Diagnostik, die Zähne, meine Frau übernimmt die chirurgischen Eingriffe und den restlichen Teil“, sagt Marc Gölkel.
Der 33-Jährige ist in Stuttgart aufgewachsen. Seine Frau Lesley hat er während seines Studiums in Budapest kennengelernt. Als Veterinär kümmerte sich Gölkel dann im Auftrag des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) sowie der Tierschutzorganisation Vier Pfoten um Wildtiere. Seine Frau tat das Gleiche in der Kleintierklinik der Freien Universität Berlin.
Seit einigen Monaten arbeiten die beiden in Ninh Binh, das von Vier Pfoten betrieben wird. Zudem sind sie gerade dabei, eine mobile Ambulanz aufzubauen, die mit staatlichen und nicht staatlichen Auffangstationen zusammenarbeitet. Ziel ist, die Chancen für eine Auswilderung von Wildtieren aus illegalem Handel zu erhöhen. Das IZW beteiligt sich am Projekt und trägt einen Teil der Personalkosten für die deutschen Tierärzte.
Marc Gölkel kennt sich aus mit Wildtieren. Zu seinen Patienten zählten mehr als 300 Bären – in der Ukraine, Bulgarien, Albanien und im Kosovo. „Aber solche Krankheitsbilder wie hier hatte ich vorher noch nie gesehen“, sagt er. „Die Bären sind in einem sehr desolaten Zustand, weil so lange gewartet wurde, bis sie zu uns kommen.“
Zwar wurde in Vietnam die Produktion von Bärengalle bereits im Jahr 2005 verboten, die Bären durften aber weiterhin auf den Farmen gehalten werden – und das Handelsverbot für Bärengalle wurde eher nachlässig überwacht. Erst nachdem in den vergangenen Jahren der internationale Druck (vor allem von Tierschutzorganisationen) auf das Land stetig gewachsen ist, werden nun auch die Kontrollen schärfer.
Nach wie vor ist mit Bärengalle im asiatischen Raum viel Geld zu verdienen. In der traditionellen Medizin ist sie fest verankert. So soll sie „Hitze in der Leber“ beseitigen, die Sehschärfe verbessern oder Erleichterung bei Krämpfen verschaffen. Inzwischen wird sie laut Tierschutzorganisationen aber auch als trendiger Zusatzinhaltsstoff etwa in Shampoo und Zahnpasta, sogar in Halsbonbons und Wein eingesetzt.
Tatsächlich schreibt auch die westliche Medizin der in Bärengalle enthaltenen chemischen Verbindung Ursodesoxycholsäure eine heilende Wirkung zu, etwa um Gallensteine aufzulösen oder bei Problemen mit der Leber und der Gallenblase. Dafür benötigt man aber längst keine Bärengalle mehr, der Wirkstoff lässt sich problemlos synthetisch herstellen. In China und Südostasien ist dennoch der Glaube groß, dass nur „echte“ Bärengalle hilft – und diese am besten von Bären stammen sollte, die in freier Wildbahn getötet wurden.
Weil es nun in Vietnam zunehmend schwieriger wird, die lukrative Bärengalle zu verkaufen, geben immer mehr Bärenbesitzer ihre Tiere ab. Mit der Folge, dass in die privaten und staatlichen Auffangstationen viele ausgemusterte Gallenbären eingeliefert werden, die dann zunächst akutmedizinisch betreut werden müssen. Das unsterile Abzapfen der Galle – ob mit einer Spritze durch die Bauchdecke hindurch oder permanent mit Hilfe eines Katheters – führt oft zu chronischen Entzündungen der Gallenblase und der Leber sowie zu anderen Erkrankungen. In der Regel sind auch die Zähne massiv geschädigt, weil die Tiere in das Metallgitter des engen Käfigs beißen und alles andere als artgerecht ernährt werden. Und da sie sich kaum bewegen können, leiden auch ihre Knochen, Gelenke und Muskulatur.
„Die Tiere sind extrem gestresst, wenn sie zu uns kommen“, sagt Marc Gölkel. So muss auch die Psyche der schwer traumatisierten Bären wieder aufgepäppelt werden. Dazu soll für die derzeit 47 Bären in Ninh Binh vor allem eine tiergerechte Unterbringung in großzügigen Gehegen beitragen – mit Hängematten, Beschäftigungsmöglichkeiten, Badestellen sowie Bäumen und Sträuchern als Rückzugsflächen. So haben die Bären wenigstens ein schönes Lebensende, denn auswildern kann man diese geschundenen Geschöpfe nicht mehr. „Es ist einfach schön zu sehen, wenn ein wirklich sehr kranker Bär wieder den ganzen Tag spielt“, sagt die 35-jährige Lesley Gölkel.
Solche Momente helfen den beiden über manche Frustration bei der täglichen Auseinandersetzung mit dem Leid der Tiere hinweg. Und über die großen kulturellen Unterschiede. „Der Anblick von in Käfigen zusammengepferchten Hundewelpen, die zum Verkauf auf den Markt transportiert werden, tut weh“, sagt Lesley Gölkel.
Sie kann sich an kleinen Erfolgen freuen, etwa wenn Mitarbeiter eine Giftschlange bringen, die über die Straße gekrochen ist. „Normalerweise werden Schlangen hier sofort getötet, wenn man sie sieht. Aber wir haben die Angestellten gebeten, sie nicht zu töten, sondern sie uns zu bringen. Wir lassen sie dann an einem sicheren Ort wieder frei.“
Insgesamt seien die Leute hier „superherzlich“ und das Land „wahnsinnig schön“. Und auch die 15 Monate alte Tochter fühle sich wohl. Sie heißt Anuk, was in Grönland „Bär“ bedeutet. „Wir haben uns einen Traum erfüllt und leben nun hier auf dem Land wie auf einer kleinen Insel“, sagt Marc Gölkel. „Es ist wirklich ein Abenteuer, wir sind zum Beispiel die ersten westlichen Ausländer, die in der Provinz ein Auto zugelassen haben und selbst herumfahren“, sagt Marc Gölkel.
Neben den Bären kümmern sich die Veterinäre auch um andere Wildtiere, die Hilfe brauchen. Mit ihrer Ambulanz können sie verletzte Tiere in Nationalparks und Auffangstationen behandeln – Tiger, Leoparden oder Primaten wie Gibbons. Diese werden in – legalen – Tierfarmen gehalten „und vermehren sich dort trotz widriger Haltungsbedingungen gut“, wie Marc Gölkel berichtet. Aber viele Tiere werden auch gewildert – in Drahtschlingen gefangen, geschmuggelt und teuer weiterverkauft. Fliegt der Handel auf, werden die Tiere beschlagnahmt und in Auffangstationen gebracht. Darunter häufig auch vom Aussterben bedrohte Arten.
Da die Tiere meist in schlechtem Zustand sind, müssen sie ärztlich versorgt werden. So wird Tierschutz auch zum Artenschutz: „Beides geht Hand in Hand“, sagt Marc Gölkel. Wenn die eingelieferten Tiere durch gute medizinische Betreuung und Haltung wieder gesund und lebenstüchtig werden, besteht die Chance, sie erfolgreich auszuwildern. Ein solcher Beitrag zum Artenschutz ist dann auch für die Vietnamesen interessant.