Ein Tag bei Primark in Stuttgart Die stoffgewordene Pubertät

Von  

Ein paar Jugendlichen ist es offenbar gelungen, ihre Eltern mit in den Store zu bringen. Die scheinen sich anzupassen, so gut es eben geht. Mütter laufen mit ihren Teenager-Töchtern Hand in Hand durch die Gänge. Oder scheuchen ihre Söhne in der Männerabteilung wie Hühner vor sich her. Die Langsamkeit der männlichen Jugend ist hier fehl am Platz, es muss zackig gehen, nicht trantütig. „Willst du noch bei den Pullis schauen?“ Stummes Schulterzucken. „Du kannsch doch da hinten im Eck gschwind neischlupfa?“ Und Klischees bestätigen sich, wenn die Väter und Ehemänner mit verlorenen Blicken auf den wenigen Hockern in den Ecken sitzen.

Vier Freundinnen stehen vor der BH-Abteilung. Die Etiketten der Büstenhalter schlagen vor: „Make an Impact! Gel Push up Bra!“, „Boost your bust“, „Provocative Plunge Bra“, „Flirty Balconette Push up Bra“ und „Maximize your assets“. Also: vergrößere dein Kapital! Und das Kapital ist der Körper, das ist klar. Die Mädchen greifen neugierig und fragend in die Unterwäschestapel, wie sie sonst wohl in die Schmuckschachteln ihrer Mütter patschen. Und die kleinen Hände sind nur halb so groß wie die harten, gigantischen Schalen, von denen diese Mädchen offenbar glauben, sie sich auf ihre Oberkörper schnallen zu müssen. Das ist rührend und tut auch weh.

Große Polyester-Ohren

Bei manchen liegen die Nerven blank

„Wow, wo hast du das da her?“ Ein Mädchen starrt in die Tasche eines anderen. Ein großer Strampler liegt darin: ein Ganzkörperschlafanzug mit Reißverschluss vorne. Darauf sieht man Pommestüten und den Schriftzug „I love chips!“. Es gibt noch mehr dieser Anzüge: im Batman-Style, in Koala-, Kuh- und Flamingo-Optik, mit großen Ohren an der Kapuze oder mit einem Schnabel. Zwei Jugendliche kreischen, als sie die Anzüge sehen, sind sofort angekommen im kindlichen Polyester-Paradies. Später werden sie wohl genau so auf den Sofas ihrer Eltern sitzen: als rosa Flamingos, und darunter der „Flirty Balconette Push up Bra“. Nirgendwo liegen die Sehnsucht, groß zu sein, und der Wunsch, ein Kind zu bleiben, so nah beieinander wie an diesem Ort. Hier hängt die stoffgewordene Pubertät.

Plötzlich dringt Geschrei aus einer Ecke. Alle schauen auf eine Frau mit kurzen wasserstoffblonden Haaren. Sie zerrt einen Kinderwagen aus der Menge: „So eine verdammte Scheiße!“ Bei manchen liegen die Nerven blank nach einer Stunde Primark-Shopping. Zwei Mädchen drehen sich kichernd weg und streicheln über ein Schaffelljäckchen.

Sonderthemen