Barbara Oppenländer macht einen Job, vor dem sich sicher viele Menschen fürchten. Sie begleitet Sterbende und Trauernde im Degerlocher Hospiz Sankt Martin. Wie sieht ein Arbeitstag im Leben dieser Frau aus?

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)

Degerloch - Auf dem Dach stehen sie, schauen Seifenblasen hinterher und reden vom Tod. Barbara Oppenländer hat eine Gruppe von Jugendlichen mit auf das Dach des Hospizes Sankt Martin genommen. Sie gehören zu einer Trauergruppe. Die Blasen aus Seifenschaum tanzen in der Luft und zerplatzen plötzlich so wie Gewissheiten. Zum Beispiel die, dass Papa oder Mama immer da sein werden.

„Ich will meinen Papa nie vergessen“, sagt ein Jugendlicher zu Oppenländer. „Das habe ich auch nie“, sagt sie. „Und mein Vater ist schon über 40 Jahre tot“, sagt sie. Der Jugendliche ist beeindruckt und erleichtert. Papas können also sterben. Aber etwas kann von ihnen bleiben.

Beim Jour fixe des Kinderteams

Barbara Oppenländer hat ihr Glas Latte macchiato bereits geleert, als sie diese Geschichte erzählt. Sie sitzt beim Jour fixe des Kinderteams im Hospiz Sankt Martin. Die Frage des fachfremden Gasts an die Morgenrunde, wie Trauerbegleitung nun überhaupt funktioniert – also wie es gelingen soll, Herzen, die vielleicht auf die schlimmste Weise gebrochen sind, wieder zu heilen – beantwortet Oppenländer, indem sie diese Geschichte erzählt. Als Beispiel wie ein Erwachsener aus seinen eigenen Erfahrungen heraus einem Jugendlichen Gewissensbisse nehmen kann.

Oppenländer kann noch viele solcher Geschichten erzählen. Klar wird, dass das, was in der Trauerbegleitung geschieht, sich nicht aufzählen lässt wie die Zutaten eines Rezepts. Oder wie die Schritte, die zur Reparatur eines defekten Heizkörpers nötig sind. Das gilt auch für die Begleitung von Sterbenden, mittlerweile Oppenländers eigentliche Aufgabe. Sie sucht die Ehrenamtlichen aus, die beispielsweise mit unheilbar krebskranken Kindern noch Freizeitaktivitäten unternehmen oder Geschwister und Eltern solcher Kinder unterstützen. Eng arbeitet sie mit Barbara Hummler-Antoni und Bernhard Bayer zusammen. Sie bilden als hauptamtliche Hospizmitarbeiter das Kinderteam.

Die „andere Barbara“ kümmert sich um die Trauernden

Hummler-Antoni, die sich im Scherz die „andere Barbara“ nennt, übernimmt, wenn Barbara Oppenländers Aufgabe der Sterbebegleitung beendet ist. Wenn also Angehörige mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig werden müssen. Sie organisiert Trauergruppen im Hospiz.

Gemeinsam überlegt das Kinderteam, welche Familie welche Hilfe benötigt und macht dann den Betroffenen ein Angebot. Natürlich kämen viele Anfragen auch von außen, sagt Barbara Hummler-Antoni. „Aber es ist durchaus sinnvoll, wenn die Betroffenen bereits das Hospiz kennen“, sagt sie. Doch beim Jour fixe wird bei Kaffee und Brezeln nicht nur über aktuelle Fälle gesprochen. Die Planung läuft bereits für Veranstaltungen im Hospiz im nächsten Jahr. Auch die Hospizmitarbeiter kommen nicht um „Orgakram“ herum, wie das, was neben der Kernarbeit sonst noch so anfällt, oft im Büroalltag genannt wird.

Räume müssen für Events im Haus frühzeitig belegt werden, für eine Veranstaltung 2015 will das Kinderteam die Bigband der Universität Stuttgart gewinnen und dann muss noch die Frage geklärt werden, wie oder ob überhaupt die drei in der Urlaubszeit miteinander per Mail kommunizieren wollen. Sie einigen sich darauf, Urlaub Urlaub sein zu lassen – es sei denn, es gebe wirklich einen Notfall.

Der August ist eine Zeit zum Durchschnaufen

Was dieser genau sein könnte, erklären die drei Mitarbeiter des Hospizes nicht. Immerhin ließe sich vermuten, dass sie es ausschließlich mit Notfällen zu tun haben. Aber das täuscht. Auch in der Sterbe- und Trauerbegleitung gibt es Routine, und muss es geben. Der Ferienmonat August wird so für alle drei zumindest eine Zeit des vorübergehenden Durchschnaufens.

Barbara Oppenländer wird wohl viel Zeit mit ihren Enkeln verbringen. Vier Stück sind es an der Zahl. „Alle sind putz-munter“, sagt sie. Die Familie gebe ihr Rückhalt, sagt sie und verrät so, dass ihre Arbeit durchaus anstrengend ist. „Eine 100-Prozent-Stelle, das wäre nichts für mich“, sagt sie. Dann überlegt sie aber, und sagt etwas, das widersprüchlich zur ersten Aussage ist. „Aber es ist auch die Arbeit selbst, die mir Kraft gibt.“

In dem Wort Leidenschaft steckt Leiden

Oppenländer spricht von der Weisheit derjenigen, die sich vom Leben verabschieden müssen, oder derjenigen, die lernen, damit zurechtzukommen, einen geliebten Menschen nicht mehr um sich, aber irgendwie in sich zu haben. Ihre Kollegin Barbara Hummler-Antoni nickt. „Gerade in der Trauer lernen Menschen, wieder leidenschaftlich zu leben“, sagt sie. Leidenschaft – das klingt nach Erotik und anderen Dingen, für die es sich zu leben lohnt, nicht nach Tod und Trauer. Dabei enthält das Wort eben ein anderes, nämlich „Leiden“. Und genau die sollen die Menschen ausleben in der Trauerbegleitung in ihrer ganzen Tiefe – nur eben nicht allein, sondern in einem Rahmen, der sie auffängt, erklärt Hummler-Antoni.

Es gibt eben Dinge, die schwer zu erklären sind, und alles, was im Hospiz oder bei den ambulanten Terminen passiert, bleibt ohnehin dort und nur dort. Hospizmitarbeiter sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Wer von außen kommt, kann sich nur allgemein ein Bild von ihrem Arbeitsalltag machen. Wie oft sie selbst beim Sterben dabei war? Das habe sie nicht gezählt. Wie es denn sei? Ein Geschenk, sagt sie, und ein Geheimnis. Und dann berichtet sie von Eindrücken und Gewissheiten, um die sie viele Zweifler beneiden. Oppenländer wagt eine Prognose zu der existenziellen Frage, wie es weitergeht nach dem Tod. Es geht weiter, da ist sie sich sicher. „Dabei bin ich nicht mal tief religiös“, sagt sie.

Viele Anfragen im Hospiz

Der Jour fixe ist mittlerweile beendet. Bernhard Bayer ist der erste, der die Runde verlässt. Aber auch Barbara Hummler-Antoni muss zurück ins Büro. So viele Anfragen, sagt sie und seufzt. „Wir sind alle Netzwerker und haben viele Verbindungen außerhalb des Hospizes. Das bringt natürlich auch mit sich, dass viele Leute uns empfehlen“, sagt sie.

Barbara Oppenländer hat es etwas gemütlicher als ihre Kollegin. Sie wird heute noch Gabriela Kalus von der Filderklinik etwas über die Arbeit des Hospizes erklären. Die Krankenschwester in der Ausbildung macht fünf Wochen lang eine Außenstation im Degerlocher Hospiz. In Barbara Oppenländers Büro hängen Bilder von Kindern, mit denen sie gearbeitet hat. Kinder würden anders trauern als Erwachsene, sagt Barbara Oppenländer. Sie hätten noch Zugang zu einer magischen Welt, in der Papa nach seinem Tod eben zu einem leuchtenden Stern am Himmel wird. „Vielleicht liegt es daran, dass Kinder ihrem Ursprung so nahe sind, dass sie sich auch vorstellen können, was nach dem Ende kommt“, vermutet sie.

Die Krankenschwester in der Ausbildung von der Kinderklinik klopft an die Tür und tritt ein in ihrer weißen Kluft. Barbara Oppenländer nimmt ein paar Karten zur Hand, auf denen sie die einzelnen Aufgaben der Hospizarbeit aufgeschrieben hat.

Seinen Schrecken hat der Tod nicht verloren

Dann beginnt sie zu erzählen, und während sie berichtet, wendet sich die junge Auszubildende ihr immer mehr zu. Ob es möglich sei, Barbara Oppenländer zu einer Familie zu begleiten, will sie wissen. Die Hospizmitarbeiterin schüttelt den Kopf. Die Auszubildende scheint ein wenig enttäuscht zu sein, „Aber immerhin bin ich noch ein paar Wochen hier“, sagt sie, bevor sie sich verabschiedet.

Barbara Oppenländer lehnt sich zurück. Den Tod und das Sterben hat sie selbst als Geheimnisse beschrieben, die offenbar nicht nur sie faszinieren. Hat der Tod angesichts der täglichen Anwesenheit in ihrer Arbeit und ihrem Glauben an ein Leben danach an Schrecken für sie verloren? Barbara Oppenländer verneint. „Ich will noch so viel erleben“, sagt sie. „Und leben will ich bis zum Schluss.“