Ein Tag im Mikrohofhaus in Ludwigsburg Wie wohnt es sich auf 7,3 Quadratmetern?

Wohnküche, Schlafzimmer und Bad – alles in einem, plus 35 Quadratmeter Hof mit Garten. Und über allem wacht die Schlange. Foto: factum/

Es ist nur 7,3 Quadratmeter groß, ist aber mit allem ausgestattet, was man zum Überleben braucht: das Mikrohofhaus auf der Sternkreuzung. Verena Mayer hat ausprobiert, wie es sich darin wohnt.

Region: Verena Mayer (ena)

Ludwigsburg - Lass dich nicht klauen“, rät der Chef. „Was hast du vor?“, fragt ungläubig die Freundin. „Na dann gute Nacht“, wünscht der Nachbar mit sarkastischem Unterton. Toll: Mein kleines Wohnexperiment hat noch gar nicht begonnen, aber dass es kein Vergnügen werden wird, scheint allgemein bekannt. Als ich die vielen Videokameras entdecke, die mein Heim auf Zeit sichern, weiß ich plötzlich nicht mehr, ob mich das beruhigen oder beunruhigen soll.

 

Mein Heim auf Zeit steht auf der Sternkreuzung in Ludwigsburg, also sehr öffentlich. Es ist winzig klein, nur 7,3 Quadratmeter misst es im Inneren. Errichtet wurde es zum 300. Geburtstag der Stadt, die den Bürgern damit eine Denkanregung schenkte: Wie könnte das Wohnen der Zukunft aussehen? Dass das Mikrohofhaus bewohnt wird, war nicht geplant. Aber weil die Anfragen über das Stadtmuseum, das sich das Geschenk ausgedacht hatte, hereinbrachen, wurde das Häuschen dann doch richtig öffentlich.

Verschwinden ist ganz einfach

Um es vorwegzunehmen: Mein Aufenthalt auf der Sternkreuzung war eindrucksvoll. Ich bin nicht geklaut worden. Und dass ich in der Nacht fast kein Auge zugetan habe, lag nicht am Lärm, der auf der B 27 wummert, rauscht und dröhnt.

Verschwinden ist, wie ich feststelle ganz leicht: Auf der Verkehrsinsel unter der Schlange einfach die zwei Abbiegungen nehmen, die ins Mikrohofhaus führen und schon ist man in einer anderen Welt: Ein Gärtchen inklusive jungem Birnbaum, gekieste Wege, abgeschottet von der Außenwelt durch Wände aus Fichtenholz, die fast alle Geräusche verschlucken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell vergesse, dass ich mitten in der Stadt bin, und vor den fremden vier Wänden das Stadtleben saust und braust. Fehlt nur noch, dass ich das Motorenrauschen für Meeresrauschen halte. Dass ich es nicht tue, liegt daran, dass die Luft nicht nach Sonne und Salz schmeckt, sondern nach Gummi und Benzin.

Aber so soll es ja sein. Normalerweise würde kein Mensch auf die Idee kommen, auf dieser unwirtlichen Verkehrsinsel ein Haus zu bauen. Aber wenn das wirtliche Bauland immer knapper wird, muss man eben auf neue Ideen kommen. Also hässliche Grundstücke mit kleinen Häusern nachverdichten. Und wusste nicht schon der kluge Schiller, was die Architekten des Ateliers Kaiser Shen in Ludwigsburg bewiesen haben: Dass auch in der kleinsten Hütte Raum ist?

Wann kommt der Lagerkoller?

In meiner 7,3 Quadratmeter kleinen Wohnbox gibt es: eine Küche inklusive Herd (zwei Platten) und Kühlschrank von der Größe einer Minibar, ein Bett, das sich wie das Esstischchen bei Nichtgebrauch in der Wand versteckt, sowie eine Dusche und ein Klo. Sein Anschluss an die Kanalisation ist technisch nicht möglich, die Hinterlassenschaften müssen deshalb von Hand entsorgt werden. Ein bisschen wie Camping in schöner, denke ich. Und ohne Sat-Schüssel auf dem Dach.

Was mich zu der Frage bringt, wie lange man es in der Kabine aushält, ohne einen Lagerkoller zu bekommen? Oder ohne sich wenigstens nach einem Regal für Bücher und mehr Stauraum für Lebensmittel zu sehnen. Wäre ich ein Wochenendpendler, fände ich das Mikrohofhaus wahrscheinlich optimal als Übergangsdomizil: Keine zeitraubende Anfahrt, mittendrin im Geschehen und mit dem Nötigsten versorgt. Um den Rasen würde sich hoffentlich der Vermieter kümmern. Für einen Mäher habe ich hier ja keinen Platz.

Neugierige Besucher

Allerdings bin ich kein Pendler. Und zum Glück auch kein Baum. In der Stadt, wo jede Nacht taghell ist, kann das kein schönes Leben sein. Das stelle ich in der Nacht fest, als mich die Straßenlaterne, die an der Stuttgarter Straße, gegenüber vom Scala, pflichtbewusst ihren Dienst tut, davon abhält, zu schlafen. Ihr heller Schein leuchtet das komplette Mikrohofhaus aus, das über eine breite Fensterfront verfügt. Vorhänge gibt es zwar auch, aber keine blickdichten. Mit Schlafmaske wäre das wahrscheinlich eine wunderbare Nacht gewesen. Die Matratze erweist sich als gerade geräumig genug für zwei Personen, und die Fenster halten den Lärm erfreulich gut draußen. Idioten, die gegen die Fassade pochen, tauchen keine auf. Quatschköpfen, die nachts im Garten chillen wollen, versperrt eine – nachträglich eingebaute – Tür den Zutritt.

Die Besucher, die tagsüber einen Boxenstopp einlegen, sind freundlich, zahlreich und neugierig: Und man kann da wirklich kochen? – Ja, aber der Dunst zieht schlecht ab. Wo putzt man Zähne? – In der Küchenspüle. Wo ist der Fernseher? – Gibt es keinen. Ist es sehr laut? – Am Bahnhof ist es schlimmer. Bleibt das Haus auf Dauer? – Nein.

Die Zukunft des Häuschens ist offen

Eigentlich sollte das Mikrohofhaus nur ein halbes Jahr stehen bleiben, von März bis September 2018. Aber weil es gut ankam und sich so viele Probewohner einquartieren wollten, wurde das 20 000 Euro teure Experiment bis zum kommenden Frühjahr verlängert. Was dann mit dem Haus passiert, ist noch offen, sagt Alke Hollwedel, die Leiterin des Ludwigsburger Stadtmuseums, wo man einen (kostenlosen) Aufenthalt buchen kann. Hoffentlich, denke ich bei meinem Auszug, findet das Häuschen ein neues Zuhause. Ein Experiment, das so vielen Menschen so viel Spaß macht, sollte nicht enden. Kann nicht so aus Ungewohntem Vertrautes werden?

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