Ein Touristen-Seelsorger am Bodensee Sommer, Sonne, Seelenheil

Dieter Walser bei seinem „Earth and Peace Move“ Foto: /Andreas Reiner

Der 63-jährige Dieter Walser ist katholischer Diakon und spiritueller Lehrer am Bodensee. Als Tourismus-Seelsorger trifft er Menschen in den vermeintlich sorgenfreisten Wochen ihres Jahres.

Es sind noch Fragen offen beim Tanzreigen im Spätsommer. Menschen drehen sich im Kreis auf einer Lichtung, Libellen schwirren, Rhythmen wechseln, Füße kreuzen einander, es sieht aus wie Sirtaki. Die Tänzer blöken im Takt. Die Tänzerin hadert. Ob es exakt so ein Ton sein müsse, fragt sie. Aber woher denn, an stimmlicher Untermalung könne jeder beisteuern, was er möge, beruhigt der Taktgeber. Weiter im Reigen, Füße kreuzen, die Tänzer blöken, die Tänzerin fängt an zu summen, alle sind beseelt.

 

Der Taktgeber heißt Dieter Walser, ist 63 und katholischer Diakon. Sein Arbeitsplatz liegt inmitten einer der beliebtesten Urlaubshochburgen des Landes: am Bodensee. Hier trinkt man Aperol und guckt in Sonnenuntergänge, hier schippert man in weißen Kähnen übers Wasser und promeniert durch Blumengärten, hier besteht das Leben aus Räucherfelchen-Diners und Bauchplatschern. Walser kümmert sich um jene, denen das nicht genug ist: Er ist Tourismusseelsorger. „Manche Leute wollen in den Ferien nicht nur Boot fahren und auf Berge laufen, sondern einen Impuls für ihr Leben“, sagt er.

Mythen und Meditation

Ausgehend von seiner Stelle im Dekanat Friedrichshafen soll er nicht nur klassisches Kirchenbankdrücken anbieten, sondern „ein bisschen was probieren“. Den Sommer über organisiert er Männerwanderungen zu Vorarlberger Steinkreisen, Yoga am Strand, Paddeln mit Gott und spirituelle Segelturns. Es geht viel um Mythen und Meditation und innere Mitten. An diesem Septemberabend geht es um Klimaschutz und Frieden. Walser hat auf einer Wiese bei Eriskirch zum „Earth and Peace Move“ eingeladen. Die Teilnehmerzahl ist mager, am Mittag hat es noch geschüttet, durchs Gras kriechen Myriaden von Nacktschnecken.

Walser erklärt den Anwesenden, wie sie sich mit der Erde verwurzeln. Die Schöpfung leide, sagt er. Die Schöpfung ist ihm wichtig, er hat Biologie in Tübingen studiert, bevor er sich berufen fühlte und Diakon wurde. In der Wiesenmitte liegt eine Regenbogenfahne, daneben hat Walser ein Mahnmal für den ganzen Wust an menschlichen Übeltaten arrangiert: einen verrottenden Apfelbaum als Zeichen für die darbende Natur, einen sogenannten Pfennigbaum, stellvertretend für Profitgier, Mais, der aus Mexiko stammt und botanisch hier eigentlich nichts zu suchen habe. Die Pflanzen wachsen aus Autoreifen, wenn doch alle nur ein paar Autobahn-Kilometer und CO2 einsparen würden, seufzt Walser. Sein Assistent Bertram Käshammer trägt Strohhut mit Federn, wacht über ein Arsenal an exotischen Instrumenten und bearbeitet eine Trommel.

Mit seinen Veranstaltungen will Walser Einheimische genauso erreichen wie Touristen. Einige reisen aus der Schweiz oder dem Remstal an oder planen schon im heimischen Münsterland eine Teilnahme an seinen Pilgerwanderungen. Aber warum ausgerechnet in der arbeitsfreien Zeit die großen Seinsfragen stellen? „Jeder hat das Bedürfnis, mit sich selbst und seiner Seele in Kontakt zu kommen“, sagt Walser. „Aber im Alltag sind viele ausgepowert, und es fehlt die Zeit. Im Urlaub haben sie die Muße, sich über wesentliche Dinge Gedanken zu machen.“

Kopf aus, ab an den Strand und zwei Wochen den eigenen Teint optimieren? Steht nicht bei allen auf dem Plan. Einige Menschen widmen ihre Auszeit ihren Problemen. Bei Walsers Wald-Wellness-Tagen werde etwa oft Unerquickliches und Unverarbeitetes von früher angegangen. „Urlaub bedeutet nicht nur Fun und Party“, sagt er. „Im Urlaub darf auch die Psyche eine Rolle spielen.“

Bei anderen Reisenden wiederum will sich das heiß ersehnte Dolce Vita nicht einstellen. Bei 36 Grad und Sand zwischen den Zehen treffen sie existenzielle Dramen. Wenn die narkotisierende Routine ausfällt, bricht sich aufgestauter Verdruss Bahn. „Es gibt Paare, die fangen im Urlaub plötzlich an zu streiten“, sagt Walser. „Die sehen sich das Jahr über nur eine Stunde am Tag, und dann können sie sich plötzlich nicht mehr ausweichen.“ Banalste Dinge führten häufig zum größten Stress. Oder beim ersten gemeinsamen Essen nach Wochen wird dem Herzallerliebsten mal endlich sein desaströses Fehlverhalten von der letzten Familienfeier vor den Latz geknallt, anstatt in schwelgerischer Eintracht die Blicke über Berggipfel am Schweizer Ufer schweifen zu lassen.

Seelenheil zur Hauptsaison

Zuvor war Walser neun Jahre Camping-Seelsorger. Jeden Sommer zog er selbst in einen Wohnwagen auf dem Campingplatz Gohren bei Kressbronn. Wobei, Platz: Die Anlage hat eher Kleinstadtdimensionen, sie ist die größte am Bodensee. In der Hauptsaison leben dort 6000 Menschen, es gibt Bananengummiboote und einen Mini-Zoo, Supermarkt und Kinderbespaßung, das Maximum an Halligalli.

Die Camper spiegeln die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Die einen reisen im Fünf-Sterne-Deluxe-Wohnmobil-Lastwagen an, andere können sich gerade einen kaputten Stofffetzen als Behausung leisten. Nicht alle sind religiös. Manche erklärten Walser bei einem Getränk an der Bar, was denn an der Kirche alles Mist sei, und dann kam er mit ihnen ins Gespräch. Er kümmerte sich um Urlauber wie Mitarbeiter, organisierte Gottesdienste und erzählte Bibelgeschichten, feierte Goldene Hochzeiten und führte Problemgespräche. Am Ende des Sommers war er selber urlaubsreif.

Auf der Wiese in Eriskirch liest er die Rede des indianischen Häuptlings Seattle vor. Seattle soll sie Ende des 19. Jahrhunderts gehalten haben, als der sogenannte weiße Mann seinen Stamm aufforderte, Land abzugeben. Ob die Worte tatsächlich von dem Häuptling stammen, ist umstritten. Aber für die Umweltbewegung sind sie zum Mantra geworden. Für Walser zählt die Botschaft: Der Mensch soll die Erde wertschätzen und nicht plündern.

Noch einmal Musik. Käshammer greift zu einer anderen Trommel, Walser zur Bambusflöte. Dann dürfen sich alle an der Instrumentenkiste bedienen und rasselnd um Walsers Garten laufen. „Wallisenhain“ nennt er ihn. Oder „Arche Noah“ oder „Paradiesgarten“. In einem Rund hat er ein ganzes Sammelsurium an Symbolen angepflanzt und angeordnet wie einen Jahreskreis. Den keltischen Baumkreis, indianische Tierkreiszeichen, die christlichen Feste von Pfingsten über Erntedank und Allerheiligen. Schilfrohr und Holunder, Bilder von Wapiti und Biber, dazwischen Marienstatuen, Kruzifixe und Osterhasenfiguren. Walsers Wallisenhain ist eine Megakoalition der Weltdeutungsversuche und Selbstfindungsangebote.

Jeder kann zusammensuchen, was zum eigenen Geburtsdatum passt. Hinter dem Hain hat Walser drei Tipis aufgebaut. Er macht dort Lagerfeuerabende mit Didgeridoo-Spiel. Auch Trauergespräche hat er schon in den Zelten geführt, der Zugang sei für manche niederschwelliger als zu einer Kirche, sagt er. An den Tipis wehen die Flagge Tibets, die Flagge der Aborigines, der indigenen Völker Australiens, sowie jene vom Stamm der Apachen.

Als Bub verschlang er Winnetou-Bücher

Kelten? Indianer? Aborigines? Und dazwischen der katholische Diakon? Walser scheut diese Gemengelage nicht. Er mag Naturvölker und ihre Art, die Umwelt zu sehen. Er greift Elemente auf und versucht, sie vor christlichem Hintergrund zu interpretieren. Das sei kein Synkretismus, versichert er, kein munteres Religionsmischmasch. Was er mache, habe weder heidnische noch esoterische Basis.

Von Horoskopen hält er nichts. Neulich hat er den Weihbischof durch seinen Hain geführt, auch der Amtsträger war fein damit. Und Walser weiß um die massentaugliche Wirkung von Sinnsuche im Grünen. Den Kelten etwa waren Bäume heilig, gegenwärtig sind sie wieder schwer angesagt, Leute gehen Waldbaden und hieven Sachbücher von Förstern auf Bestsellerlisten. „Darüber kann man Menschen begeistern“, sagt Walser.

Bei ihm hat es als Kind angefangen. Seine Eltern waren naturaffin, mit ihnen wanderte er über Alb und Alpen. Der kleine Dieter verschlang Karl Mays Werke. Der große Dieter erzählt das fast entschuldigend, öffentliches Winnetou-Fantum ist zuletzt ein wenig problematisch geworden. Aber er habe die Indianer-Geschichten stets als Fantasy betrachtet, über sie einen emotional positiven Bezug zu indigenen Völker bekommen.

Heute trägt Walser selber eine Mähne, die jeder Schatz-im-Silbersee-Romantik gerecht würde. Und er hat selbst zwei Romane geschrieben, in denen Tau glitzert und Pilze schillern, Nebel Mondlicht verschleiert und über Mulden liegt, Menschen durch Talauen und Wasserfälle schreiten, an Feuern sitzen und Erdbeertee trinken.

So ganz happy mit Gewächsen und Geschöpfen ist Dieter Walser nicht am Ende seines Earth and Peace Moves. Keine einzige Zucchini und keine einzige Melone seien dieses Jahr gewachsen, klagt er, keine einzige! Egal. „Allein dadurch, dass wir hier stehen und sprechen und tanzen, bewegen wir auch schon etwas für die Schöpfung und den Frieden“, sagt der Seelsorger.

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