Das Interesse an seiner Person ist sehr groß: Fotoshooting, Podcastaufnahme, Interviews. Jamie Oliver, inzwischen auch schon 47 Jahre alt, ist an einem herbstlichen Sonnentag in Berlin. Das Gespräch findet in einer Rooftop Bar an der Eastside Gallery statt. Oliver blickt aus dem Fenster, er ist genauso wie in seinen Fernsehshows: lässig, entspannt, lispelnd, freundlich, auf den Punkt. Klar, er hat ein neues Kochbuch, über das er spricht. Viel ausführlicher aber schimpft er über die britische Regierung, klagt er über das schlimme Schulessen allerorten und die Herausforderungen, denen die Gastronomie derzeit entgegenblickt.
Wer ist dieser Jamie Oliver?
Kaum ein Koch steht so für ein neues, kulinarisches Großbritannien. Er ist ein Popstar, der vor 22 Jahren mit Britpopfrisur im Fernsehen auftauchte und Fisch mit Gemüse in Alufolie packte. Er ist aber auch der Koch, der gegen die Fettleibigkeit ankämpft. Einer, der sich das Ziel gesetzt hat, die Zahl der übergewichtigen Kinder in England bis 2030 zu halbieren. Jamie Oliver steht für eine zeitgeistige europäische Küche, für unkompliziertes schnelles Kochen.
„Ich mache immer Hühnchen nach Jamie Oliver“ ist so ein Satz, der vielen Menschen in den vergangenen 15 Jahren locker über die Lippen kommt. Absurd eigentlich, dass da ausgerechnet ein Engländer kommen musste, der uns mit neuen Ideen versorgte. Mit der Sendung „The Naked Chef“ erreichte er Popstar-Status – und zeigte, dass auch Männer zu Hause Zwiebeln schneiden können.
Jamies Kochbücher
Seine Kochbücher haben sich weltweit mehr als 48 Millionen Mal verkauft, im deutschsprachigen Raum hat er jüngst die Sechs-Millionen-Marke geknackt. Was bitte ist sein Erfolgsgeheimnis? „Ich versuche, die Leser zu verstehen. Ich gebe ihnen das, was sie brauchen. Und das, von dem sie noch gar nicht wussten, dass sie es lieben werden“, erzählt Oliver. „One“ heißt sein jüngstes Werk – und ist mal wieder leider am Puls der Zeit. Es geht nicht nur darum, Zeit, sondern auch Energie und Geld zu sparen. Für keines der Rezepte braucht es mehr als acht Zutaten. „Und man muss danach keinen großen Abwasch machen“, so Oliver. „Und ehrlicherweise, als ich mit diesem Kochbuch angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass wir in so einer Krise der Lebenshaltungskosten stecken würden.“ Jamie Oliver weiß, dass es viele Hürden gibt, um mit Rezepten, ja mit so etwas Altmodischem wie Büchern viele Menschen zu erreichen, während es ja alles umsonst im Internet gibt.
Die Zeiten ändern sich. Vor 22 Jahren gab es etwa keine Fett- und Kalorienangaben in seinen Werken. In seinem Kochbuchteam arbeiten rund zehn Leute, ein Rezept wird von ihm geschrieben, es wird von seinem Team mindestens viermal gekocht, dann an externe Menschen geschickt, die es nachkochen. Und: Er lässt seine Rezepte mittlerweile nach kultureller Aneignung prüfen.
„Der Punkt ist, dass ich niemanden verletzen möchte“, sagt Oliver. Er erinnert sich, als er Morddrohungen bekommen habe, weil er Chorizo bei einem Paella-Rezept verwendet hatte. „So etwas passiert, da ist halb Spanien durchgedreht. Das bin ich mittlerweile gewohnt“, so Oliver, „doch was kulturelle Aneignung betrifft, habe ich Experten, die meine Rezepte prüfen.“
Jamie OIiver weiß, dass keine Tradition jemandem gehört, schon gar nicht den Briten: „Selbst Fish & Chips, was jeder als ultimativ britisch ansieht, ist eigentlich jüdischen und portugiesischen Ursprungs. Unsere ach so britischen Pies sind griechisch. Alles ist eine Evolution. Und Essen wandelt sich.“
Jamies Universum
Heute lacht sich Jamie Oliver ins Fäustchen, wenn er an seine Schulzeit denkt. „Es ist echt unglaublich, dass ich mit meiner Lese-Rechtschreibschwäche so viele Bücher geschrieben habe“, sagt Oliver. „Wie ist das bitte passiert? Man kann das nicht erzwingen.“ Die Bücher sind sein Arbeitsschwerpunkt, er verkauft aber auch alles drum herum von Pfannen bis Gewürze, hat seine Fernsehsendungen. Rund 100 Menschen arbeiten für ihn.
Jamie Oliver sagt auch: „Die Restaurantküche ist nach wie vor mein Happy Place. In der Küche bin ich aufgewachsen.“ Seine Eltern betrieben viele Jahre den Pub Cricketers in Essex, wo es Fleisch und Eintöpfe, Pasteten und Fisch, aber auch Hummer und Krebse gab. Als er mit seiner TV-Sendung bekannt wurde, eröffnete er zahlreiche Restaurants, darunter seine „Fifteen“-Lokale, in denen benachteiligte Jugendliche zu Köchen ausgebildet wurde, sowie die „Jamie’s Italian“ und „Barbecoa“. Vor drei Jahren gerieten die Restaurants in finanzielle Schieflage und mussten Insolvenz anmelden.
Er blickt dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft – und möchte kommendes Jahr wieder Restaurants eröffnen. „Es gibt vermutlich keine schlechtere Zeit als jetzt“, so Oliver. „Doch wenn es ein solches Chaos gibt, dann braucht es Optimismus und Teamgeist. Ich erinnere mich gut, als die Rezension in den 80er Jahren den Pub meines Vaters traf.“ Auch für Berlin schmiedet er Restaurantpläne.
Gastronomen zittern vor dem Herbst und Winter. Die Coronapandemie ist nicht zu Ende, Preise für Lebensmittel und Energie steigen. „Genau jetzt in dieser Zeit brauchen Restaurants Unterstützung“, so Jamie Oliver. Es gäbe immer Dinge, die die Regierung tun könne, was zum Beispiel die Steuersätze angehe. „Es ist wirklich sehr hart, durch Essen ein Pfund zu verdienen“, sagt Oliver.
Jamies soziales Engagement
Seine große Mission ist aber die Bekämpfung von Fettleibigkeit. „Man muss nur mal nach Amerika schauen, da sieht man, wie es ist, wenn die Menschen keine Wahl haben“, so Oliver. Es läge an der Regierung, dass alle Menschen Zugang zu frischem, regionalem, bezahlbarem Essen haben. Vor allem die Verbesserung von Schulessen ist seine Mission. „Wenn ich einen Wunsch für alle Kinder hätte, so wäre es, dass alle in der Schule zehn Rezepte lernen, die ihr Leben retten werden“, träumt Oliver. Er möchte, dass schon Grundschüler das Kochen in der Schule lernen. „Das hat gar nichts Romantisches. In England ist Adipositas der Grund für viele Probleme.“ Und er lässt nach vielen Versuchen, vielen Kritikpunkten und auch Rückschlägen nicht locker. Er kämpft gegen Junkfood- und Energydrink-Werbung, zu viel Zucker in Produkten und zu viel Pommes, Pizza und Burger in Schulmensen. Auch wenn es nicht einfach ist.
Er erinnert sich an die „Yorkshire Mums“, die Mütter, die sein gesundes Kantinenessen boykottiert hatten, indem sie die Kinder mit Pommes über den Schulzaun versorgten. Das ist viele Jahre her. Heute freut sich Oliver, dass etwa der Londoner Bürgermeister Fast-Food-Buden im Umkreis von 100 Metern um Schulen verbietet. Jamie Oliver macht weiter, egal, wie viele Prime Ministerinnen und Prime Minister da in England noch kommen. Hat er Hoffnung in Liz Truss? „Kein klitzekleines bisschen. Sie will doch die sozialen Ungerechtigkeiten in Bezug auf Essen nicht bekämpfen, nicht dass ich wüsste“, so Oliver.
Seit der Coronapandemie habe sich das Essverhalten noch verschlechtert. Keine Nation in Europa isst mehr Süßigkeiten als die Briten. Klar, gab es ein paar Hoffnungsschimmer, als Menschen anfingen, Bananenbrot zu backen. „Doch die Daten sind beängstigend. Wir kochen heute weniger als zuvor“, erzählt Oliver. Und seit der Coronapandemie sei der größte Feind, der die Menschen vom Kochen abhält, der Lieferdienst. „Selbst Supermärkte können da nicht mithalten“, sagt Oliver. „Es verändert sich im Moment sehr viel. Es ist alles gerade sehr aufregend und anstrengend.“ Er möchte nicht dramatisch klingen: „Aber ehrlich: Der Akt des Kochens ist wirklich rar gesät.“
Jamie Oliver