Ein Verein von Türken hilft Flüchtlingswegweiser im Memory-Format

Von Martin Geier 

In Ravensburg engagiert sich der türkische Akademikerverein Tavir in der Flüchtlingsarbeit. Er hat eine Broschüre herausgegeben, die den Ankömmlingen die deutsche Lebensweise näher bringen soll.

Gülcin Bayraktar und Mehmet Akoysan engagieren sich im Verein Tavir. Foto: Martin Geier
Gülcin Bayraktar und Mehmet Akoysan engagieren sich im Verein Tavir. Foto: Martin Geier

Ravensburg - Eingangs schreibt Gülcin Bayraktar etwas über die Begrüßung hierzulande: „In Deutschland schüttelt man zur Begrüßung die Hand, egal ob Mann oder Frau. Viele junge Leute, Freunde, Personen, die sich gut kennen, umarmen sich und geben sich ein Küsschen auf die Wange.“ Die türkischstämmige Betriebswirtin hat einen Leitfaden für ankommende Flüchtlinge entwickelt, der reißenden Absatz findet. Insgesamt 47 kleinformatige Themenkärtchen, die wie ein Fächer auseinandergezogen werden können, sollen den Hilfesuchenden die ersten Schritte in Deutschland erleichtern. 25 000 sind bereits verkauft, die dritte Auflage befindet sich bereits im Druck. „Bei Rot stehen, bei Grün gehen“, steht beispielsweise auf dem Kärtchen, das eine Verkehrsampel zeigt. Auf einem anderen wird darauf hingewiesen, dass beim Radfahren Regeln zu beachten sind.

„Willkommen in Ravensburg“, das war der Auftrag der Stadtverwaltung an Gülcin Bayraktar vom türkischen Akademikerverein (Tavir) in der Kornhausgasse. Beide Seiten kennen sich seit Langem und sind für ihr soziales Engagement bekannt. Die Flüchtlinge sollten eine Orientierung bekommen, um ihnen das Einleben und Zurechtfinden zu erleichtern. Das war die Maßgabe aus dem Rathaus. Man hatte in der Verwaltung die Vision, dass aus den Flüchtlingen wie einst aus den Gastarbeitern Neu-Ravensburger werden könnten. Das war im Dezember 2014. Über den Inhalt dieses Willkommensprojektes sollte sich Gülcin Bayraktar Gedanken machen, und zwar innerhalb von vier Wochen.

Breiter Themenfächer

Das sei ein Parforceritt sondergleichen gewesen, erzählt Gülcin Bayraktar. „Ich habe mich zu erinnern versucht, wie es meinen Eltern ergangen ist, als sie vor Jahrzehnten hierhergekommen sind. Sie kamen nicht aus Anatolien, sondern aus einer Großstadt im Südosten der Türkei. Trotzdem war für sie vieles neu, vieles ganz anders, manches vermutlich unverständlich.“ Gülcin Bayraktar, deren Ehemann im Nachbarlandkreis als Integrationsbeauftragter arbeitet, hörte ihren rund 5000 Landsleuten im Umkreis genau zu und erkannte, dass man den Fragenkomplex dieses Willkommensfächers ziemlich breit ­anlegen müsse, also für Flüchtlinge mit unterschiedlichem kulturellem und sozialem Hintergrund. „Das hat mich manche schlaflose Nacht gekostet, und ja, es war Stress“, gesteht Gülcin Bayraktar.

Zunächst sollte der Ratgeber in einen Leitzordner geheftet werden, das erwies sich jedoch als unhandlich und wurde verworfen. Das von der Bundesregierung mit 10 000 Euro unterstützte Projekt war zunächst nur für Ravensburg gedacht, hat jedoch landesweit so viel Aufmerksamkeit erregt, dass das Willkommenspaket thematisch erweitert wurde. Darin spiegelt sich die Arbeit des Vereins Tavir wider, den sieben türkischstämmige Jungakademiker 2007 in Ravensburg gegründet hatten. Tavir, der Name des Türkischen Akademiker-Vereins in Ravensburg, habe eigentlich zwei Bedeutungen, sagt der Politikwissenschaftler Mehmet Akoysan, neben Bayraktar der zweite hauptamtliche Mitarbeiter von Tavir. Einmal zeugt die Namensgebung vom Selbstbewusstsein seiner Gründer. Mehr noch soll der Blick vornehmlich der Landsleute sich auf die Bedeutung des türkischen Wortes richten: Tavir heißt übersetzt Haltung, Stellung, Zeichen setzen. Und genau dies halten die Tavir-Leute für dringend angebracht.

Nachhaltigkeit gefragt

„Ich bin hier geboren“, sagt Bayraktar, „ich hatte im deutsch-türkischen Verein meine Heimat, habe dort Nachhilfestunden gegeben und bin heute Mentorin in Grundschulklassen.“ „Wir alle von Tavir sind in Ravensburger Vereinen unterwegs, hier sind wir zu Hause, hier wollen wir was bewegen.“

Anfangs wurde Tavir von den in Ravensburg lebenden Türken misstrauisch beäugt, denn viele wollten zunächst nicht glauben, dass es den Initiatoren nur darum geht, wie Aksoyan sagt, die Gesellschaft mitzugestalten. „Uns geht es nur um Ravensburg, wir wirken nur in Ravensburg, hinter uns steckt kein Dachverband oder ­irgendeine andere Organisation.“ Es habe sich bewährt, erklären die beiden, dass man sich politisch nicht positioniert habe, denn die inzwischen dreizehn Tavir-Vertreter wollen viel mehr. Was die meisten von ihnen ausstrahlen, fehle vielen türkischen Jugendlichen, sagen sie: Selbstvertrauen und Struktur, viele seien auf der Suche nach ihrer Identität. „Vor allem wollen sie sich nicht engagieren, sie wollen in keine Organisationen“, ergänzt Mehmet Aksoyan. „Im Prinzip sind wir ein klassischer Bildungsverein“, erläutert Gülcin Bayraktar. Ihr geht es im Augenblick darum, Toleranz unter den Jugendlichen in der Stadt zu fördern, dazu gehören Aktionen wie der „Toleranzpass“, interkulturelles und soziales Engagement. Manche Aktionen haben deutlich imperativen Charakter („Mach mit, Demokratie leben“), manche appellatorischen. Tavir sagt, es gehe um türkische Eltern und türkische Kinder, die sie „in der Erziehung ihrer Kinder stärken möchten“. In diesem Zusammenhang bemüht der Verein auch das Wort Nachhaltigkeit. Alle diese Erfahrungen wurden in dem Willkommenspaket verarbeitet, das letztlich eine Handreichung für die deutschen ehrenamtlichen Helfer darstellt.

Mit Herzblut gemacht

Direkt an die Flüchtlinge wendet sich dagegen das Heftlein „point it“ (zeig es), einem „Language kit for refugees“. Dieses Fotobüchlein soll eine Handreichung für Flüchtlinge sein. 1200 verschiedene Alltagsgegenstände – von Lebens- über Sanitärartikel bis hin zu Kleidung und Freizeitaktivitäten – wurden fotografiert, so dass man sich mit einem Fingerzeig verständlich machen kann, falls man der deutschen Sprache nicht mächtig ist. „Ich habe es mit Herzblut zusammengestellt“, sagt Gülcin Bayraktar. Sie hat auch nicht versäumt, den Flüchtlingen zu sagen, was typisch deutsch ist: Ordnung, Pünktlichkeit, Umweltschutz, Gesetze und Regeln, Haustiere.