Der genossenschaftliche Dorfladen im Zentrum von Kirchheim am Neckar (Kreis Ludwigsburg) muss schließen. Gegen den Marktkauf und Lidl im Ort kam das Lädle nicht an. Kein Wunder, sagt ein Handelsexperte. Fast alle Trends sprechen gegen das Konzept Dorfladen.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Kirchheims Bürgermeister Uwe Seibold wirkt niedergeschlagen, als er am Mittwochnachmittag die schlechte Nachricht überbringt: Der Kirchheimer Dorfladen (KiD) muss nach neun Jahren schließen. „Wir haben lange an diesem Herzensprojekt festgehalten“, sagt er. Immer wieder seien Anteilseigner und private Unterstützer eingesprungen, um den Laden mit Finanzspritzen am Leben zu halten. Doch die Hoffnung, das Ruder herumzureißen, hat sich nicht erfüllt. Am Ende entschieden sich zu viele Bürger gegen den Einkauf im Lädle von nebenan.

 

Ende März schließt das genossenschaftliche Vorzeigeprojekt seine Türen. Die Nachfolgenutzung ist unklar. Doch was bedeutet diese Schließung für das Konzept Dorfladen in der gesamten Region? Immer mehr dieser kleinen Nahversorger kämpfen ums Überleben, denn gesellschaftliche Entwicklungen machen es ihnen schwer. Oft dienen sie nur noch als Anlaufstelle für kleine Einkäufe zwischendurch, während der Trend zum großen Wocheneinkauf geht.

Erdrückende Konkurrenz von Lidl & Co.

Die Geschichte des Kirchheimer Dorfladens begann rund um das Jahr 2011. Damals drohte die 6000-Einwohner-Gemeinde ihre beiden Lebensmittelmärkte zu verlieren: Im Ortskern musste der kleine Bonus-Supermarkt aufgeben, zudem stand der damalige Real-Markt am Ortsrand vor dem Aus. Die Verwaltung und der Gemeinderat reagierten, genehmigten einen neuen Lidl am Ortsrand und trieben das Konzept des genossenschaftlichen Dorfladens voran. 2016 war die Nahversorgung gesichert.

In den Folgejahren war der Lidl-Discounter die einzige Konkurrenz im Ort, doch schon damals erreichte der Dorfladen nicht die Zielmarke von einer Million Euro Umsatz im Jahr. Dann kam es noch dicker: Die Handelskette Marktkauf übernahm den maroden Real am Ortsrand und baute diesem im Jahr 2021 zu einem modernen Vollsortimenter um. Die Konkurrenz wurde erdrückend.

Uwe Seibild (links) mit den zwei anderen, enttäuschten Geschäftsführern des Dorfladens: Helmut Mayer und Karen Bolkart. Foto: Simon Granville

Während der Corona-Pandemie erlebte der Dorfladen einen kurzen Aufschwung: 2021 erreichte er einen Spitzenumsatz von 835 000 Euro. Doch statt des erhofften langfristigen Aufwindes folgte in den darauffolgenden Jahren ein weiterer Einbruch. Die Stromkosten verdoppelten sich im Vergleich zu den Anfangsjahren, die Heizkosten stiegen innerhalb eines Jahres um 50 Prozent.

Zudem kamen immer weniger Kunden. Die Regale mit rabattierten, fast abgelaufenen Waren füllten sich zunehmend. In den vergangenen Jahren seien die Umsätze dann unter die 700 000-Euro-Marke gesunken, sagt Seibold. Der Laden fuhr 2023 und 2024 Verluste im fünfstelligen Euro-Bereich ein, sodass die Geschäftsführung die Reißleine ziehen musste.

Nicht nur ein Laden verschwindet

Acht Mitarbeiterinnen verlieren nun ihren Job, die Bürger ihre Einkaufsmöglichkeit im Zentrum. „Für viele ältere Menschen war der Dorfladen die einzige Möglichkeit, selbstbestimmt einkaufen zu gehen. Der Laden hatte auch eine soziale Funktion“, sagt Seibold. Doch nicht nur der Supermarkt, auch die letzte Metzgertheke der Gemeinde, ein Schreibwarenladen, ein Café und ein beliebter Treffpunkt sind ab April Geschichte.

Die Schließung des Kirchheimer Dorfladens ist kein Einzelfall. Martin Eisenmann von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart sieht darin ein Symptom des gesellschaftlichen Wandels und der Weiterentwicklung der Branche.

Seit Jahrzehnten steigt die Marktmacht der vier großen Lebensmittelhändler in Deutschland. Sie bestimmen die Trends – einer davon ist, dass Supermärkte fast ausschließlich am Ortsrand entstehen. Dort gibt es bessere Anlieferungsmöglichkeiten und größere Flächen für ein wachsendes Warenangebot. Das verändert das Einkaufsverhalten: Der große Wocheneinkauf wird zur Norm, während der fußläufige Einkauf ausstirbt. Das entzieht vielen Dorfläden die Existenzgrundlage.

Falls es ihn überhaupt noch gibt, entwickelt sich der Laden im Ortskern in vielen Gemeinden zur Anlaufstelle für die Artikel, die man beim Wocheneinkauf vergessen hat. „Selbst mit ehrenamtlicher Arbeit können viele Dorfläden nicht überstehen“, sagt Eisenmann. Obwohl die Zukunftsaussichten düster sind, können die Läden in seltenen Fällen überleben, sagt Eisenmann.

Konsumentscheidungen sind ausschlaggebend

Erstens darf es keinen Konkurrenzladen im Umkreis von mehreren Kilometern geben. Zweitens braucht es eine treue Stammkundschaft, die sich im Laden von Grund auf versorgt. Drittens lohnt sich die Verknüpfung mit einer Institution wie der Kirche oder dem Gemeindezentrum, damit der Einkauf mit weiteren Angeboten verknüpft werden kann. Viertens kann eine Spezialisierung helfen, beispielsweise auf Feinkost, Wein oder ausländische Spezialitäten.

In Kirchheim haben die Verantwortlichen vieles versucht. Immer wieder machten Gemeindeverwaltung und Dorfladen-Team auf die prekäre Lage aufmerksam: Wer einen Laden vor der Haustür haben will, muss auch seine Konsumentscheidungen entsprechend anpassen. Doch am Ende taten das zu wenige Kirchheimer. Bürgermeister Seibold bringt es auf den Punkt: „Ich befürchte, die Leute werden erst verstehen, was sie verloren haben, wenn es zu spät ist.“

So wird der Dorfladen abgewickelt

Ausverkauf
Ab nächster Woche startet der Ausverkauf im Kirchheimer Dorfladen. Mit Rabattangeboten versuchen die Verantwortlichen, so viel Ware wie möglich an den Mann und die Frau zu kriegen. Auch das Inventar und Mobiliar soll verkauft werden.

Anteile
Der Erfolg des Ausverkaufs ist wichtig, denn der Dorfladen hat rund 70 000 Euro Verbindlichkeiten. Seibold hofft, dass keine weiteren Schulden entstehen, für die voraussichtlich die Gemeinde aufkommen müsste. Auch die Anteilseigner der Genossenschaft und die privaten Unterstützer wolle man nicht weiter belasten. Deren Anteile und Kredite sind bereits verloren.