Äh, wie komme ich jetzt nach Stuttgart?“ Die Irritation bei dem Fahrradfahrer, der am vergangenen Montagabend durch den Böblinger Wald fährt, ist deutlich. Einige hundert Meter entfernt hat ihm ein Zaun, der mit einem dicken Schloss gesichert ist, den Weg zum Schnellradweg nach Stuttgart abgeschnitten. Nun heißt es umdrehen und zum Startpunkt des Schnellradwegs fahren. Ein Umweg von mehreren Kilometern wartet auf den Radler.
Auf der anderen Seite der Barriere ziehen zwei weitere Radler die Bremsen: Für den einen endet hier auf der Einsiedel-Allee der kürzeste Weg zu den Eltern nach Böblingen. „Vor Kurzem kam man hier noch durch“, erzählt der junge Mann, macht kehrt und nimmt ebenfalls den Umweg. Zähneknirschend.
Die Sicherheitskräfte drohen mit 1000 Euro Strafe
Nicht viel anders erging es unlängst Karina Burger. Die Lehrerin aus Altdorf fährt drei Mal pro Woche an ihren Arbeitsort nach Stuttgart mit dem Stromrad. Ein 27-Kilometer-Trip, auf dem jede Erleichterung willkommen ist. Die Einsiedel-Allee bedeutet für die 46-Jährige seit 20 Jahren eine wichtige Abkürzung. Vor wenigen Wochen stellten sich Angehörige der US-Army der Radlerin in den Weg und machten ihr deutlich, dass es hier kein Durchkommen mehr gebe. Mit weit reichenden Konsequenzen: „Die Sicherheitskräfte kündigten an, dass am nächsten Tag kontrolliert werde und dann 1000 Euro Strafe fällig sind“, erzählt Burger. Wie lange diese Schließung denn dauern würde, wollte Karina Burger wissen. „Für immer“, erwiderten die Leute vom Militär.
In der Tat: Was die Army bereits im Februar angekündigt hatte, ist seit Ende Juni vollzogen. Die Einsiedel-Allee, die kurz hinter dem Häckselplatz an der ehemaligen Böblinger Müll-Deponie abbiegt und an der Müllverbrennungsanlage vorbei auf die Römerstraße, den heutigen Schnellradweg, trifft, hat als beliebter Spazierweg, als Jogging-Strecke und Radweg endgültig ausgedient. Die US-Streitkräfte haben das Tor am Zaun mit einer massiven Eisenkette gesichert. Durchkommen? Zwecklos. Einen entsprechenden Hinweis? Gibt es nicht.
Die Army sorgt sich um Wanderer, Radler und Soldaten
John Campbell, zuständiger Pressesprecher der US-Army in Stuttgart, erklärt warum die US-Truppe niemanden mehr in diesem Stück Böblinger Wald duldet. Dieses Gebiet sei Übungsgelände und der US-Army vom Bund ausschließlich für militärische Zwecke zur Verfügung gestellt worden. „Seit vielen Jahren“, sagt er, „stellt die unbefugte Nutzung von nicht öffentlichen Waldwegen für Freizeitaktivitäten ein Sicherheitsproblem für Wanderer und Radfahrer sowie für die Truppen dar.“
Endgültig vorbei scheint somit auch ein fast zweijähriges Hin und Her an der Einsiedel-Allee: Mal versperrten mit Stacheldraht bewehrte Panzersperren den Weg, dann hievten die Militärs eine riesige Halbkugel aus Kunststoff über die Spur und irgendwann machte eine Kette deutlich, dass hier kein Durchkommen ist. Immer wieder zwischendurch waren die Hindernisse verschwunden.
Dass der Weg erst jetzt endgültig abgeschnitten wird, begründet Pressemann Campbell mit den Bauarbeiten auf der Panzerstraße. So lange es dort Sperrungen gab, sei diese Verbindung benötig worden. Aber nun soll sich dort niemand mehr aufhalten, der nicht zur US-Truppe zählt. Man wolle die Menschen auch davor bewahren, dass sie sich in ein Gebiet verirren, in dem man sich verletzen könne, beteuert die US-Army. „Negative Auswirkungen“ auf das dortige Natur- und Umweltschutzgebiet gelte es ebenso zu verhindern.
Den Weg nur während der Übungen dicht machen?
So viel Fürsorge kann Karina Burger als friedlich Radpendlerin nicht nachvollziehen. Sie erzählt von vielen Begegnungen mit joggenden und übenden Soldaten. „Da hat nie jemand etwas gesagt“, berichtet Burger. Umso größer ist nun die Enttäuschung über die gekappte Route, die von vielen Radlern täglich benutzt werde. „Ich glaube die Verantwortlichen bei der Army wissen gar nicht, was uns Fahrradfahrern dieser Weg bedeutet“, sagt sie.
Daher wäre für Karina Burger ein Kompromiss denkbar: Wie wäre es, schlägt sie vor, die Einsiedel-Allee nur zu schließen, wenn dort eine Übung stattfindet? Keine gute Idee, findet Pressesprecher John Campbell und verweist auf das Musberger Sträßle, das als offizielle Verbindung durch das Truppengelände führe. Für Karina Burger und all die anderen Radler ist dies kein Trost. Dieser Weg führt zwar ins grüne Idyll nach Musberg, ist aber weit entfernt von der schnellen Verbindung nach Stuttgart. Für die Radpendler im Kreis wird’s wohl wieder ein Stück ungemütlicher.